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Internethandel Blättern, zahlen

Kleine Geschäfte leiden unter dem Internethandel: Viele Kunden kommen nur zum Anprobieren, fotografieren den Code ab und bestellen dann im Internet. Das ruft wahnwitzige Geschäftsmodelle auf den Plan.

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Kommt eine Frau in den Schuhladen und probiert Stiefel an. Sie passen perfekt, man sieht, wie gut sie ihr gefallen. Die Kundin strahlt, dankt, geht – und bestellt die Schuhe im Internet. Da kosten sie schließlich weniger. Kommt ein Mann in die Buchhandlung, schlägt ein Buch auf, blättert, liest ein wenig, klappt es wieder zu, geht - und bestellt es im Internet. In Ländern ohne Buchpreisbindung ist das meistens günstiger, in Ländern mit einheitlichem Preis kann der Leser im Netz nach einer gebrauchten Ausgabe forschen und erspart sich das lästige Schleppen nach Hause.

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Vierzig Prozent der Kunden in den Filialen der britischen Buchhändlers Barnes&Noble sollen nur noch zum Stöbern kommen, sagte jetzt Victoria Barnsley, Chefin der Tochterfirma des Buchkonzerns Harper Collins, in einer Gesprächsrunde im BBC-Programm „Radio4“. In den Vereinigten Staaten gebe es erste Schuhläden, die allein für das Anprobieren Geld verlangten. Wie wäre es also, wenn man sich auch das bloße Blättern bezahlen ließe? Buchläden würden dadurch zu Buchclubs, so verrückt sei die Idee doch gar nicht.

Aus dem gelegentlichen Cliffhanger wird ein dauerhafter Kanthaken

Dem seltsamen Zusammenhang von Blättern und Blechen will auch eine Firma aus Tel Aviv zu Leibe rücken. Nicht direkt verrückt, aber doch aus der Zeit gefallen sei das Ritual, ein Buch vor der Lektüre zu erwerben. „Total Boox“ wird dieses jahrhundertelang gängige Verfahren endlich vom Kopf auf die Füße stellen. Noch in diesem Frühjahr soll es auf den Markt gebracht werden: Leser können dann, so das Versprechen, über eine neue Plattform im Internet, Buchdateien kostenlos auf ihre Lesegeräte laden und müssen nur für die Passagen bezahlen, die sie tatsächlich gelesen haben. Wer Seiten überspringt, wird dafür nicht zur Kasse gebeten. Klingt diese Idee etwa verrückt?

Man muss sich nur vor Augen führen, wie sich eigens für dieses Geschäftsmodell geschriebene Bücher lesen:Aus dem gelegentlichen Cliffhanger wird ein dauerhafter Kanthaken, an dem der Leser Seite für Seite durchs Buch geschleift wird. Keine Landschaftsbeschreibungen mehr, keine Abschweifungen, keine Zwischenspiele: das rechnet sich nicht. Die seitengenaue Abrechnung erfordert außerdem die detaillierte Überwachung der Lektüre und stellt gleich noch ein weiteres jahrhundertealtes Prinzip des Lesens in Frage: die Heimlichkeit. Die Schuhwirtschaft indes könnte die Idee ruhig aufgreifen: Wie wäre es wohl, wenn ein Stiefel nur kostet, wenn er auch getragen wird?

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 12.02.2013, 16:11 Uhr

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