Das ist eine der Geschichten, wie sie das raue Leben im chinesischen Internet schreibt. In einem Restaurant in der südlichen Wirtschaftsmetropole Shenzhen bat letzte Woche ein untersetzter Mann von Ende fünfzig ein elfjähriges Mädchen, ihm den Weg zur Herrentoilette zu zeigen, und packte es dort am Nacken. Das entsetzte Kind konnte entkommen, und die Eltern stellten den Mann mitten im Lokal zur Rede. Der zeigte sich uneinsichtig. Er schubste den Vater des Mädchens von sich, zeigte mit dem Finger auf ihn und schrie: „Ja, ich hab’s getan, na und? Wie viel Geld willst du haben, sag mir einen Preis. Ich zahle ihn.“
Er wurde immer unverschämter: „Weißt du, wer ich bin? Ich bin vom Transportministerium in Peking hierher geschickt worden, mein Rang ist so hoch wie der eures Bürgermeisters. Also was soll’s, wenn ich das Kind ein bisschen angefasst habe? Wer seid ihr überhaupt im Vergleich zu mir? Ihr wagt es, euch mit mir anzulegen? Dann wartet einmal, was ich mit euch machen werde.“ Der Vater rief die Polizei, doch die stellte fest, dass der Mann zu betrunken sei, um sich erinnern zu können, und ließ ihn wieder laufen.
Rache für Willkürakte
Das Zwiegespräch war indessen von der Überwachungskamera des Restaurants aufgenommen worden, und irgendwie gelangte die Szene ins Internet, wo sie einen Sturm der Entrüstung im ganzen Land entfachte. „Ihr nutzt öffentliche Gelder zum Essen und Trinken, wir ertragen es“, hieß es in einer von Zehntausenden Eintragungen: „Ihr brüstet euch mit euren Dienstwagen, wir ertragen es. Ihr habt dritte und vierte Frauen, wir ertragen es. Und jetzt wollt ihr noch nicht einmal unsere Kinder in Ruhe lassen . . . “ Es dauerte nicht lange, bis die Parole ausgegeben wurde: „Kommt, lasst uns die Menschenfleisch-Suchmaschine anwerfen!“
Das ist ein populäres Stichwort, das China seit mindestens zwei Jahren aufwühlt. „Renrou souso“ ist eine bildkräftige Umschreibung des Vorgangs, dass die nationale Online-Gemeinde mit vereinten Kräften, Daten und Fotos die konkreten Personen identifiziert, die hinter im Netz kursierenden Geschichten stehen. Auch diesmal brauchte es nicht lang, bis der Mann im Restaurant mit Namen, Arbeitsstelle, Adresse und Telefonnummer gefunden war: Es handelte sich um einen Parteisekretär in der Hafenbehörde von Shenzhen; er und Fotos von ihm im Kollegenkreis sind heute im ganzen Land bekannt. Das Amt konnte sich in den folgenden Stunden vor erbosten Anrufen nicht retten. Kurz danach später meldeten staatliche Zeitungen und die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua, eine polizeiliche Untersuchung sei im Gange und der Parteisekretär von seinen Ämtern suspendiert worden.
Löcher im Kontrollsystem
Was lernt man aus dieser Begebenheit? Erst einmal, wie kaltschnäuzig ein Funktionär in China nach wie vor auf seine Machtposition vertrauen zu können glaubt. Dann aber auch, wie der ursprünglich keineswegs politisch gemeinte Wildwuchs des chinesischen Internets daran mitwirkt, diesen Zustand zu ändern. Nachrichten über Willkürakte und Proteste lassen sich, sobald sie sich im elektronischen Netz erst einmal verbreitet haben, nicht mehr ohne weiteres aus der Welt schaffen, mögen sich die Kontrollbehörden auch noch so viel Mühe geben, heikle Eintragungen so schnell wie möglich zu löschen.
Im Juni wurde die Online-Debatte über einen gewaltsamen Zusammenstoß von mehr als dreißigtausend Protestierenden mit der Polizei in der Stadt Weng’an heftig zensiert; aber die Vorfälle waren zu diesem Zeitpunkt bereits so bekannt, dass auch die staatlichen Medien bald detailliert über sie berichteten, und nach einem Besuch des Provinz-Parteichefs wurde die örtliche Parteiführung ausgetauscht. Das Arkanum, in dessen geschütztem Raum die Kommunistische Partei Konflikte unter sich zu regeln pflegte, bekommt durch die Öffentlichkeit, die das Internet herstellt, immer mehr Löcher.
Forum für Chauvinisten
Allerdings hat die „Menschenfleisch-Suchmaschine“ ein Doppelgesicht. In anderen Fällen diente sie nämlich keineswegs der Verteidigung Einzelner gegen die Arroganz der Macht, sondern einzig und allein der Verfolgung Einzelner. Besonderes Aufsehen erregte nach dem Tibet-Konflikt der Fall einer chinesischen Studentin in Amerika, die es gewagt hatte, zwischen Tibetern und Han-Chinesen vermitteln zu wollen. Fotos, die sie bei einer Demonstration zeigten, reichten aus, damit chauvinistische Blogger nicht bloß ihre persönlichen Daten, sondern auch die ihrer Eltern in Qingdao ermittelten. Sie mussten vor den Attacken des Mobs aus der eigenen Wohnung fliehen.
Die Motive solcher Menschenjagden brauchen nicht politisch zu sein; als Anlass ist alles möglich, was einer genügend großen Anzahl von Menschen missfällt: ein sexuelles Verhalten, ein Werturteil, ein Bild. Bei einer Umfrage der Parteizeitung „China Youth Daily“ gaben zwanzig Prozent an, dass sie fürchteten, selbst einmal zur Zielscheibe zu werden. Die vermehrten technischen Möglichkeiten des Mobbings werden durch Gesetze kaum in Zaum gehalten und auch nicht durch einen tradierten Sinn für Privatsphäre oder durch öffentliche Diskussionen darüber, wie man in der Gesellschaft miteinander umgehen soll. Die digitale Hetze mit ihren Ressentiments scheint vielmehr gerade als Ersatz für Argumente zu fungieren, die bei einer solchen offenen Verständigung über Moral notwendig wären.
Den Raum des Einzelnen schützen
So bekommt die Kommunistische Partei Chinas mitunter nun auch selber den Fluch der mangelnden Privatheit und der mangelnden Diskussion zu spüren, die sie sich bisher zunutze machte. Infolge der zunehmenden Individualisierung wird sie auf Dauer nicht umhin können, den Raum des Einzelnen mehr zu schützen – auch um den Preis, dass daraus ein Anspruch gegen sie selbst entstehen könnte. Datenschutzgesetze sind in Vorbereitung. Vorerst aber scheint der Schutz besonders den eigenen Leuten zu gelten. Die Polizei in Shenzhen entschied jetzt nach eingehender Prüfung, dass die Verdachtsmomente gegen den Parteisekretär der Hafenbehörde nicht ausreichen, ihn eines „unsittlichen Verhaltens“ zu bezichtigen.
Maos Rote Garden in virtuellen Gefilden...
Harry LeRoy (Cimon)
- 07.11.2008, 20:04 Uhr
Denunzianten
Gerhard Finsterbusch (bahlsen)
- 08.11.2008, 16:13 Uhr