02.03.2005 · 1,4 Millionen Euro steckt die Bundeskulturstiftung in ein Online-Unternehmen, das die Unterzeilen des deutschen Feuilletons ziemlich unzulänglich zusammenfaßt - was angeblich höchsten Zwecken dient.
Wie kommt man an eine Subvention? Machen wir einen Versuch: Die meisten Belgier und Portugiesen lesen keine deutschen Feuilletons! „Na ja“, versetzt die Ministerin, „wo ist da jetzt genau das Problem?“
Gut, also deutlicher: Ein Buch von Pierre Bourdieu, das zuerst auf deutsch herausgekommen ist, hat hierzulande aber niemanden brennend interessiert, erst Wochen später, als es auf französisch vorlag, gab es in Frankreich, wo man auch kein Deutsch liest, das übliche Hallo. „Mmmh“, hören wir, „das ist natürlich schon schlimm, aber so schlimm doch auch wieder nicht.“ Na, dann sagen wir es ganz brutal: Es gibt keine europäische Öffentlichkeit!
„Wie?“ ruft die Ministerin, „Warum sagen Sie das denn nicht gleich? Das darf doch nicht wahr sein! Muß man doch was tun!“ Denn jetzt klingt das schon ganz anders und irgendwie demokratiegefährdend, wenn gleich eine ganze Öffentlichkeit fehlt. Auch wenn es eigentlich nur darum geht, daß nicht alle Iren mitbekommen haben, was Jürgen Habermas zum Irak-Krieg denkt, hört es sich so schon ziemlich subventionsbedürftig an.
Zusammengefaßte Unterzeilen
Thierry Chervel, der eine Website betreibt, auf der deutsche Feuilletons oder jedenfalls die Unterzeilen ihrer Artikel ziemlich unzulänglich zusammengefaßt werden, hat sich seine Subvention besorgt. 1,4 Millionen Euro steckt die Bundeskulturstiftung in eine europäische Ausgabe seines Unternehmens, so daß auch der letzte Holländer auf englisch jetzt nachlesen könnte, was das Redaktionsteam den deutschen Feuilletons vom Tage so alles entnommen hat.
Neulich zum Beispiel, daß Peter Greenaway in Amsterdam für eine Choreographie verantwortlich war, was natürlich für einen Holländer, der holländische Rezensionen nicht liest, oder einen holländischen Greenawayforscher hochinteressant wäre. Bloß, daß es weder gestimmt hat noch im Artikel gestanden, sondern nur der Sorglosigkeit entsprach, mit der Chervels Leute regelmäßig Zusammenfassungen von etwas herstellen, das sie nicht gelesen, sondern nur, let's talk European, „gescannt“ haben.
Das Europa der Exportsubventionen
Es versteht sich, wo Europa gerettet werden soll, da fallen Späne. Zu erwägen, daß die Bundeskulturstiftung auf die Idee hätte kommen können, strenge Qualitätsmaßstäbe an das anzulegen, was sie mit viel Geld fördert, wäre aus demselben Grund pedantisch. Anläßlich des Erstauftritts seiner Demokratieverbesserungsmaßnahme hat Chervel als Fanfarenbläser seiner selbst uns alle in der „Süddeutschen Zeitung“ gefragt: „Gibt es ein Europa jenseits der Milchquoten?“
Die Antwort lautet in seinem Fall: Es gibt auch noch das Europa der Exportsubventionen. Nur daß private Kulturbewirtschafter, die sie mitnehmen, gern so tun, als dienten sie damit höchsten Zwecken, die selbstverständlich keinesfalls mit Milch, Kohle oder Schweinehälften verglichen werden dürfen. So funktioniert doppelte Buchhaltung.
In einer Fassung seines Artikels, die nur auf Chervels Unternehmens-Homepage steht, wird der „Süddeutschen“ und auch dieser Zeitung vorgeworfen, sie schotteten ihre Inhalte vom allgemein zugänglichen Internet ab und behielten sie „zahlenden Abonnenten“ (sic!) vor. Dadurch drohe in Europa Provinzialisierung. Also wird die Bundeskulturstiftung mittelfristig wohl um Europas willen die Zwangskollektivierung des deutschen Feuilletons anregen müssen.