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Internet Das Unbehagen an der digitalen Macht

Die Träume der Netz-Utopisten und die Wirklichkeit: Ist das Internet ein Medium der Emanzipation und des Umsturzes - oder ein Werkzeug der Kontrolle und der Unterdrückung? Haben Twitter und Facebook die Rebellion in Iran befeuert, oder halfen sie, die Rebellen zu enttarnen? Ein skeptischer Dialog.

© REUTERS Vergrößern Teheran, Juni 2009: Straßenszene mit Handtelefon

Die Träume der Netz-Utopisten und die Wirklichkeit: Ist das Internet ein Medium der Emanzipation und des Umsturzes - oder ein Werkzeug der Kontrolle und der Unterdrückung? Haben Twitter und Facebook die Rebellion in Iran befeuert, oder halfen sie, die Rebellen zu enttarnen? Ein skeptischer Dialog

Clay Shirky: Wenn die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton Sie um einen Rat bäte, wie sie das Internet einsetzen könnte, um die außenpolitischen Ziele der Vereinigten Staaten voranzutreiben, was würden Sie ihr sagen?

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Evgeny Morozov: „Richtet keinen Schaden an!“ Wenn die Beamten im Außenministerium sehr enge und marktschreierisch verkündete Allianzen mit Google, Twitter oder anderen großen Technologieunternehmen eingehen, lassen diese Firmen sie so aussehen, als wären sie die Reinkarnation von „Radio Free Europe“ im Netz, ein „Radio Free Internet“, wenn man so will. Das sind sie aber nicht. Diese Unternehmen haben ihre eigenen kommerziellen Absichten. Es geht ihnen vor allem darum, Geld zu verdienen, nicht darum, amerikanische Ideale zu verbreiten. Ja, das Internet kann Google dabei helfen, mehr Anzeigen zu verkaufen, und zugleich amerikanische Interessen fördern. Aber so funktioniert das Außenministerium nicht. Zumindest theoretisch fördern wir ein freies Internet nicht, weil Amerika dadurch mehr Bücher, Filme und Zeitungen verkaufen kann (Dinge zu kaufen, Öl zum Beispiel, ist wieder eine ganz andere Geschichte!). Wir fördern die Freiheit im Internet um der Freiheit willen. Die eigentliche Frage ist also, wie wir die unleugbare Macht dieser Firmen zu unserem Vorteil nutzen können, ohne sie wie einen verlängerten Arm der amerikanischen Außenpolitik erscheinen zu lassen.

Morozov B1 © privat Vergrößern Evgeny Morozov (Vita siehe Textende)

Wenn also jemand vom Auswärtigen Amt die Geschäftsführer von Google oder Twitter auf eine Weltreise oder nach Sibirien mitnimmt, wirkt das in meinen Augen lächerlich und schlicht falsch. Die Leute beäugen diese plötzliche Nähe zwischen Politikern und Unternehmen skeptisch, zumal Google auch noch mit dem Nachrichtendienst „National Security Agency“ kooperiert. Wenn ich für eine Regierung arbeiten würde, ganz gleich, ob sie autoritär oder demokratisch ist, wäre ich nicht besonders glücklich darüber, wenn die Mehrheit der Bürger ihren E-Mail-Verkehr über eine Firma abwickelt, die geheime Beziehungen mit Einrichtungen wie der Nationalen Sicherheitsbehörde unterhält. Das ist eine legitime Sorge. Wollen wir wirklich, dass Google unser nächstes Halliburton wird, jener Zulieferer der amerikanischen Armee im Irak, der wegen seiner Verbindungen zum ehemaligen Vizepräsidenten Dick Cheney immer wieder in die Schlagzeilen geriet?

Shirky: Nehmen wir das Beispiel Facebook. Die iranische Regierung hatte den Dienst vor der Wahl im vergangenen Juni tatsächlich gesperrt, im Unterschied zu Twitter, Mobiltelefonen und Proxy-Servern, von denen so viel die Rede ist. Niemand wusste damals, was nach der Wahl kommen würde, und trotzdem hat die iranische Regierung Facebook abgeschaltet. Glauben Sie, dass das eine Überreaktion war? Dass Facebook und Twitter in Wirklichkeit als politische Werkzeuge nicht besonders effektiv sind und die iranische Regierung insofern überreagierte? Oder glauben Sie, dass diese Dienste im vergangenen Juni sehr wohl Auswirkungen hatten, es der iranischen Regierung inzwischen aber gelungen ist, sie zu neutralisieren?

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