29.03.2007 · Auch in Bagdad leben Jennifer-Aniston-Fans: Ausgerechnet mit einer Internet-Realitysoap scheint sich ein zentrales Anliegen vieler Iraker zu erfüllen - respektiert und ernst genommen zu werden.
Von Nina RehfeldAusama lacht. Eben hat er beim Familiendinner, zubereitet von seiner Mutter, „der besten Köchin überhaupt“, einen gemischten Salat gegessen, was einem Flugblatt zufolge, das heute auf den Straßen von Bagdad kursiert, gegen die Gesetze des Islams verstößt. „Nach diesen Vorstellungen bin ich also ein Ungläubiger.“ Doch dann fällt seine Heiterkeit zu einem gequälten Lächeln zusammen.
Adel sitzt im Dunkeln. Eigentlich wollte er mit seinen Kumpels Songs für die Band einstudieren, aber es ist mal wieder der Strom ausgefallen. „Der Generator hat keinen Diesel mehr“, sagt er. Er zapft das Auto an, aber der Generator reicht nicht aus, um die Klimaanlage zu betreiben. „Spielen wir halt nackt“, sagt Adel, dem in der brütenden Hitze Schweißspuren im Gesicht stehen. „Hat jemand ein Problem damit?“
Saif ist stocksauer. Der junge Zahnmediziner hat eben erfahren, dass man ihm sein Diplom nicht aushändigen wird, bevor er sich nicht für drei Jahre zur Armee meldet - eine Maßnahme, mit der die Regierung offenbar die Landesflucht junger Intellektueller verhindern will. Saif ist frustriert. „Ich gehe trotzdem ins Ausland. Leckt mich am Arsch. Dann bin ich eben kein Zahnarzt. Dann arbeite ich halt an der Tankstelle, oder ich verkaufe Erdnüsse. Ich will leben!“
Hardrock und Billard
Saif, Adel und Ausama sind die Hauptfiguren einer Reality-Doku, die seit wenigen Tagen im Internet zu sehen ist: „Hometown Baghdad“, eine Reihe von minutenkurzen Videos über den Alltag dreier junger Männer in der irakischen Hauptstadt, vier Jahre nach dem Einmarsch der Amerikaner. Produziert von dem renommierten Fotografen Ziad Turkey und dem jungen Filmemacher Fady Hadid und koproduziert durch die New Yorker Firma Chat the Planet, bieten die Clips einen etwas anderen Einblick in das Bürgerkriegsgebiet am Tigris - jenseits der zu stumpfen Ikonen gewordenen Nachrichtenbilder von Bombenopfern, klagenden Menschen und hausstürmenden US-Soldaten.
Die drei aus „Hometown Baghdad“ gehen zur Uni, gucken Fußball, spielen Billard und schrammeln Hardrock - und sie unterhalten sich auf Englisch. „Wir wollten das Leben der Iraker mit einer Besetzung zeigen, die Englisch spricht, um es persönlicher werden zu lassen“, sagt Michael Dibenedetto, 26, von Chat the Planet, der das Projekt mitkonzipierte. „Die Zuschauer sollen innehalten und sagen können: Hey! Die sind ja wie wir!“ Was zunächst ein wenig befremdlich wirkt - haben die in Bagdad keine anderen Sorgen, als dass ohne Strom die E-Gitarre nicht funktioniert? -, bringt tatsächlich einen seltsamen intimen Identifikationseffekt mit sich: Viele Menschen im Westen würden wohl über das Gleiche klagen.
So bietet „Hometown Baghdad“ einen ganz anderen Zugang als ein anderes Projekt, das die Einwohner der irakischen Hauptstadt in Kurzvideos im Internet zu Wort kommen lässt: Bereits seit Ende 2005 gibt es „Alive in Baghdad“, das der amerikanische Videofilmer Brian Conley bei einem dreiwöchigen Aufenthalt in Bagdad als „Gegenentwurf zu den Soundbite-Stücken von Nachrichten-Live-Schaltungen“ konzipierte. Gemeinsam mit seinen Produzenten vor Ort schuf er einen Videoblog mit den Stimmen von Bombenopfern, Intellektuellen, Medizinern, Milizmitgliedern und Festivitätentrommlern. „Alive in Baghdad“ lässt eine Ärztin über unerklärlich deformierte Kinder und die Krankheiten sprechen, die die US-Invasion gebracht hat, sie lässt Anwohner ihrem Ärger über den nervtötenden Lärm patrouillierender amerikanischer Apache-Hubschrauber Luft machen, und sie lässt einen Mitarbeiter des örtlichen Friedhofs über den zunehmenden Platzmangel angesichts der vielen Toten klagen. „Alive in Baghdad“ läuft im Internet, doch es bedient sich der klassischen Formen des Journalismus: Die meisten der zu Wort Kommenden werden von einem Journalisten aus dem Off interviewt.
Keine politische Agenda
„Hometown“ dagegen ist etwas ganz anderes als die bisherigen Formen der Berichterstattung über den Krieg im Irak. Das Projekt hat irritierenderweise keine politische Agenda. Die Serie zeigt drei Jugendliche zwischen 20 und 23 Jahren, die in einem Kriegsgebiet aufwachsen. „Man kann einer Band beitreten, einer Miliz oder einer Gang“, sagt Adel mit der E-Gitarre in der Hand. „Wichtig ist, dass man überhaupt etwas macht.“ Eine Wertung gibt es nicht.
Der „Hometown“-Produzent Fady Hadid, 23, sagt, dies sei „eher ein kulturelles Projekt für mich“. Er spricht via Instant Messenger aus seinem Haus in Bagdad mit uns. Mittendrin bricht die Verbindung ab - Stromausfall, Hadid muss, wie im Film, den Generator starten. Als er wieder online ist, tippt er: „Ich hoffe, dass dies die Menschen zusammenbringt.“
Möglicherweise haben die Mittelklassekinder Bagdads (nur Adel entstammt einfachen Verhältnissen) keine so drängenden politischen Anliegen wie der Durchschnitts-Bagdader, und natürlich ist es bequemer anzusehen, wie sich Adel in Liedern über Tod und Schmerz die Wut und Angst von der Seele rockt, als sich bei „Alive in Baghdad“ von dem Händler Achmed Hameed, der Opfer eines Bombenanschlags wurde, den Armstumpf oder die grässlichen Narben auf seinem Rücken zeigen zu lassen. Doch „Alive in Baghdad“ erzeugt in erster Linie die typischen hilflosen Reflexe des Nachrichtenkonsumenten - spenden, demonstrieren, Hände überm Kopf zusammenschlagen - während „Hometown“ auf einer vermeintlich banaleren Ebene eine Verbindung herstellt, die Interesse statt Mitleid gebiert. Ausgerechnet mit der Internet-Realitysoap scheint sich ein zentrales Anliegen vieler Iraker zu erfüllen: respektiert und ernst genommen zu werden, anstatt angesichts der zunehmenden Einsperrung in Opferrollen immer mehr die persönliche Würde zu verlieren. „Ich hoffe, dass diese Serie einen anderen Aspekt des Lebens von Irakern zeigen kann, dass sie mit den Stereotypen bricht, die über Iraker im Umlauf sind“, wünscht sich Fady Hadid. Tatsächlich: Statt unrasierter Händler mit Eselskarren treten hier junge Zahnmediziner und Jennifer-Aniston-Fans auf.
Poesie und Verzweiflung
Die „Webisodes“ von „Hometown Baghdad“ sind eine seltsame mediale Mischform: Sie arbeiten mit Hauptdarstellern und deren Alltagssorgen, sie legen Wert auf Unterhaltsamkeit und enthalten szenische Elemente. Doch in dem Rahmen, in dem sie verbreitet werden, nämlich über das Online-Newsmagazin „Salon.com“, geraten sie zur Nachricht. Nicht zufällig bezeichnet Michael Dibenedetto sein Projekt mal als „Reality-Show“ und mal als „Bürgerjournalismus“. Manchmal ist es auch einfach Poesie. „From the shadows of despair“, dichtet Adel in einem seiner Songtexte, „where terror lies everywhere, death randomly strolls into the madness of war. In the theater of bloodshed, curtains won't fall, and I can't bear to witness it anymore.“
Unterdessen wird „Hometown Baghdad“ auch zum Dokument der irakischen Mittelklasseausblutung. Für viele der Beteiligten ist Bagdad schon längst nicht mehr Hometown: Adels Band ist auseinandergebrochen, nachdem die anderen Musiker dem Irak den Rücken gekehrt haben - auch wenn man sich geschworen hat, irgendwann wieder zusammen zu spielen. Ausama ist mit seiner Familie vor der Gewalt in den Nordirak geflohen, und drei Mitglieder von Fady Hadids fünfköpfigem Kamerateam haben das Land verlassen. „Der vierte ist auch im Ausland“, sagt er. „Er wollte zwar in einem Monat wiederkommen, aber ich glaube kaum, dass er es sicher genug für eine Rückkehr hält.“ Ein weiteres Filmprojekt musste Hadid abbrechen, nachdem zwei seiner Darsteller sich zur Flucht entschlossen. Und so will auch Fady Hadid, sobald er in diesem Jahr sein Ingenieursdiplom bekommt, Bagdad verlassen - zum Filmstudium in den Vereinigten Staaten.
http://www.hometownbaghdad.com/
http://www.aliveinbaghdad.org/