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Internationale Tourismus-Börse Berlin Kommt alle und lasset uns ein Fähnchen schwenken

 ·  In Berlin findet derzeit die größte Reisemesse der Welt statt. Libyen ist auch dort, hat aber nichts zu lachen - ganz im Gegensatz zu Ägypten, das sich der Sympathie der Menschheit sicher ist und eifrig um Revolutionsurlauber buhlt.

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Herr Abouzed hat schlechte Laune. Wahrscheinlich ist Herr Abouzed der Mensch mit der schlechtesten Laune auf der ganzen Internationalen Tourismus-Börse in Berlin, dem größten Gute-Laune-Gipfel der globalen Reiseindustrie. Missmutig wie ein einsamer Wolf streift der Gesandte Gaddafis von der libyschen Generalbehörde für Tourismus und Kunsthandwerk über seinen Messestand, der so wüst und leer ist wie die Wüste Libyens, weil kaum ein Reiseveranstalter mit ihm nach Berlin kommen wollte und kein Mensch von Trost und Verstand derzeit Lust auf Urlaub beim Tyrannen hat.

Dabei hat sich Herr Abouzed alle Mühe gegeben, die unerfreuliche Gegenwart von seinem Stand zu verbannen. Er hat ihn ausschließlich mit dekorativen Dünen und den Römerruinen von Sabratha, Cyrene und Leptis Magna dekoriert – tote Steine sind immer noch besser als totes Volk. Jeden Tag gehe er in Tripolis zur Arbeit, und alles sei normal, raunzt Herr Abouzed, er verstehe die ganze Aufregung nicht. Die Internationale Tourismusbörse ist zwar eine monströse Heile-Welt-Veranstaltung mit der Selbstverpflichtung zur permanenten Paradiesbeschwörung, aber da hat Herr Abouzed wohl etwas falsch verstanden. Überhaupt werde bald wieder alles normal sein in seinem Land, sagt er trotzig, im Herbst vielleicht, wenn die neue Saison beginne. Mit oder ohne Gaddafi? Eine Zehntelsekunde des Zögerns. Natürlich mit Gaddafi, der habe seine Sache doch bisher gut gemacht. Ein grimmiges Lächeln, ein tiefer Seufzer, und dann will der einsame Herr Abouzed wieder alleine sein.

„Willkommen im Land der friedlichen Revolution“

Seine Laune wäre noch viel schlechter, würde er bei seinen ägyptischen Nachbarn zwei Hallen weiter vorbeischauen. Dort könnte er den Taumel siegreicher Revolutionäre bestaunen, statt sich mit den mordlüsternen Bizarrerien eines alternden Revolutionsführers herumplagen zu müssen. Die Ägypter wollen die gesamte Menschheit an ihrem Triumph teilhaben lassen und haben deswegen ihren Stand flächendeckend mit touristischen Volksaufstandsparolen plakatiert: „Willkommen im Land der friedlichen Revolution“ liest man überall. „Die Online-Revolution. Made in Egypt“ steht dort keck und in bester Guttenberg-Zapfenstreich-Manier: „Tahrir – ein Platz rockt die Welt.“ Oder aber: „Friedlicher Aufbruch liegt in der Luft“ – und dazu gibt es das Foto eines Touristen im Gleitschirm.

Sehr gerne werden die Sprüche auch mit Postkartenansichten von Pyramiden und Tempeln, Fellachen und Kamelen, Nil, Sphynx und Blondinen mit entrücktem Lächeln kombiniert. Auf einer riesigen Videoleinwand lässt sich Ägypten außerdem in einer Art Solidaritätsdauerwerbesendung von jungen Leuten aus aller Welt und der Gutmenschprominenz mit Paulo Coelho an der Spitze zur gelungenen Despotenvertreibung gratulieren. Und für vorbeikommende Hobbyrevolutionäre hält man Plastiknationalfähnchen zum Probeschwenken im Hunderterpack bereit – der Volksaufstand als Himmelsgeschenk für die Marketingabteilung.

Das Geschenk der Freiheit von der Wirklichkeit

Natürlich hoffe man auf viele, viele Revolutionstouristen, sagen die ägyptischen Tourismuswerber, auch wenn der Fremdenverkehr zur Zeit brach liege, allein im Februar habe man eine Milliarde Dollar verloren. Die ganze Welt und alle Pauschalurlauber müssten jetzt doch sehen wollen, wo und wie das Volk gesiegt habe, anstatt nur am Strand zu hocken und aufs Meer zu starren. Das glauben die Ägypter wirklich, schöne Illusion, Schaumgebäude der Euphorie. Auch sie werden bald feststellen müssen, dass Revolutionstourismus im Gegensatz zu Kriegstourismus in der Geschichte des Reisens noch nie funktioniert hat, abgesehen vielleicht von den kubanischen Che-Guevara-Gedächtnis-Pilgerreisen. Denn Schmerz bleibt. Freude verpufft.

Die Ägypter haben allerdings noch ein ganz anderes Problem: Sie sind Meister in der höchsten massentouristischen Kunst, aus den Urlauber-Resorts am Roten Meer und sogar den Keuzfahrtschiffen auf dem Nil realitätsfreie Räume zu machen – exterritoriale Gebiete der Gegenwart mit „Was-ist-Was“-Bänden über die Welt der Pharaonen im hoteleigenen Souvenirgeschäft, damit die Kinder wenigstens eine Ahnung davon bekommen, dass sie im Land der Pyramiden sind. Deswegen wollten Anfang des Jahres noch so viele Urlauber unbekümmert nach Ägypten fahren, obwohl die Straße damals schon brannte.

Mit diesem kühl kalkulierten Realitätsverlust hat Ägypten bisher jede Krise, jeden Terroranschlag, jeden Nahostkrieg überstanden. Wer aber einmal in der Welt des Tourismus das richtige Leben zur unerwünschten Person erklärt hat, kann es nicht so einfach zurück an den Tisch bitten. Die Ägypter, die schon wieder an Kirchen zündeln und sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, haben jetzt ihre Freiheit erkämpft. Ihren Gästen haben sie längst das Geschenk der Freiheit von der Wirklichkeit gemacht. Wahrscheinlich war das ein sehr sinnvolles Präsent.

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Jahrgang 1966, Redakteur im „Reiseblatt“.

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