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Intellektuelle in China Von Europa lernen

06.11.2011 ·  Europa ein Auslaufmodell? Keineswegs, sagen chinesische Intellektuelle, die jetzt zu Besuch in Berlin sind. Wer China demokratisieren will, solle nach Osteuropa blicken.

Von Mark Siemons, Peking
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Kurz nach der Delegation unter Führung von Staatspräsident Hu Jintao, die auf dem G-20-Gipfel in Cannes ihr Mitgefühl mit der Eurozone ausdrückte, ist nun in Berlin eine ganz andere chinesische Delegation in Europa eingetroffen. Für sie ist der Kontinent nicht bloß ein Problemfall, sondern ein Vorbild. Diese Delegation wird allerdings nicht über Geld sprechen, sondern darüber, welche Erfahrungen europäische Intellektuelle mit der Transformation eines kommunistischen Systems weitergeben können.

"Auch China befindet sich ja in einem Transformationsprozess", sagte der Historiker und Zeitschriftenherausgeber Wu Si im Gespräch mit dieser Zeitung vor der Abreise in Peking, "und da gibt es viele Fragen: Wie fängt so ein Prozess an, wie kann ein Durchbruch erreicht werden, welche Probleme könnten auftauchen, und welche Methoden gibt es, mit den Problemen fertig zu werden? Vergleichen ist eine wichtige Methode, und deshalb mein Interesse groß." Die Frage, wie man Geld verdienen kann, fügt er noch sanft lächelnd an, sei in China halbwegs geklärt, aber viele geistig-politische Fragen seien noch offen.

Die Delegation besteht aus sieben bekannten chinesischen Intellektuellen, die sich auf Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung damit beschäftigen, wie die Bundesrepublik mit dem Erbe der DDR umgeht. Sie besuchen die Gauck-Behörde und sprechen mit Vertretern verschiedener Institutionen der Vergangenheitsbewältigung. Am 8. November werden sie in Berlin über Chinas Blick auf die deutsche Geschichtsaufarbeitung diskutieren.

Die Gäste kommen alle aus einer für China charakteristischen Zwischenwelt: Sie sind weder Dissidenten jenseits des Staats noch sind sie Anwälte des Systems. Vielmehr arbeiten oder arbeiteten sie alle in Institutionen der Partei oder an staatlichen Universitäten, nehmen dort aber eine weit in die Öffentlichkeit ausstrahlende Position zugunsten einer Demokratisierung und Verrechtlichung des Landes ein. Der 1927 geborene Strafverteidiger Zhang Sizhi zum Beispiel gilt in China als Vorbild vieler heutiger Bürgerrechtsanwälte. Chang Ping ist durch seine kritischen Kommentare in der Wochenzeitung "Nanfang Zhoumo" zu Zensur und Nationalismus einer der bekanntesten Journalisten des Landes. Der Wirtschaftshistoriker Qin Hui von der Pekinger Tsinghua-Universität ist ein führender Theoretiker der Zivilgesellschaft. Und Wu Si ist Chefredakteur der historischen Monatszeitschrift "Yanhuang Chunqiu", in der Revolutionsveteranen mit einer Furchtlosigkeit, wie sie innerhalb der Partei zur Zeit nur Über-Achtzigjährigen gestattet wird, an der Partei Kritik üben.

Wer Freizeit hat, kann vordenken

Auch Jin Yan, eine Osteuropa-Historikerin an der Chinesischen Universität für Politik- und Rechtswissenschaften, die dieses Jahr eine umfassende Studie zu zwanzig Jahren osteuropäischer Transformation vorgelegt hat, meinte vor ihrem Abflug nach Berlin, von den osteuropäischen Intellektuellen gebe es viel zu lernen: wie sie den Umbruch vorbereitet und begleitet haben. Deng Xiaoping hatte seine bekannte Maxime "Im Fluss nach Steinen tasten" durch die Parole ergänzt: "Nicht debattieren! Erst mal einfach probieren." Das habe, meint Frau Jin, vielleicht damals funktioniert, als das Wasser im Fluss noch niedrig war. Heute aber, nach dreißig Jahren Reform, stehe das Wasser so hoch, dass man zweifellos ertrinken werde, wenn man einfach nur nach Steinen zu tasten versuche. Heute brauche man Leuchttürme, wie sie die intellektuellen Debatten darstellten.

Viele chinesische Intellektuelle, fügt sie hinzu, seien jetzt sehr pessimistisch. Sie hätten sich von der gegenwärtigen Regierung politische Reformen erhofft und seien nun enttäuscht. Auch da könne man, meint sie, von der Ausdauer osteuropäischer Intellektueller und deren Überzeugung lernen, keine Art von Bemühung, eine Zivilisation aufzubauen, sei vergebens. "Auch was wie ein Scheitern aussieht, ist doch eine Erfahrung, auf die man aufbauen kann", sagt Frau Jin und findet, die chinesischen Intellektuellen sollten sich nicht in extremen Kommentaren in Mikroblogs ihre Wut von der Seele schreiben, sondern lieber weiter die Rationalität verfechten.

Für das gegenwärtige Europa hat der Chefredakteur Wu Si übrigens noch einen Trost bereit. Es sei ein ganz normaler Vorgang, dass diejenigen, die den höchsten Stand an Freizeit und Freiheit, sich um Geistiges kümmern zu können, erreicht hätten, durch diejenigen bedrängt werden, die hungriger sind und für viel weniger Geld mehr arbeiten. Aber Europa solle etwas Geduld haben und auf die Chinesen warten, die, wenn sie mehr Geld haben, auch mehr Zeit für ihre geistigen Interessen investieren wollen werden. Als Modernisierungsmodell sei Europa keineswegs abgeschrieben.

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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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