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Integration Meine Leitkultur

11.06.2006 ·  Einheimische irren sich, wenn sie meinen, man könne Zugewanderten westlich-modernen Lebensstil einpflanzen wie eine neue Software. Und das war schon in den Sechzigern so. Ein italienisches Beispiel.

Von Vincenzo Vellela
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Die Heimat meiner Eltern war das lukanische Städtchen Eboli, das schon Carlo Levi als den letzten Grenzposten der Zivilisation beschrieben hat - einer Zivilisation freilich, die anderen Maßstäben als den unseren genügte. Meine Mutter hatte elf Geschwister, mein Vater fünf. In einem Italien, das sich anschickte, Landstriche von Tripolis bis Mogadischu zu bevölkern, waren solche alttestamentlichen Familiengrößen nichts Außergewöhnliches.

Da es nun aber nichts wurde mit den imperialistischen Träumen von Abessinia nostra, konnte die alte Heimat den leer ausgegangenen Kolonisten keine Chancen bieten. Mein Vater kam 1961 in ein Deutschland, das keine Integrationsdebatten, sondern Arbeitskräfte benötigte, und holte ein Jahr später seine Frau nach. Einzige Voraussetzung für die Einreise war Gesundheit. Ich stelle es mir recht vergnüglich vor, wenn man meinen Vater mit Konzepten wie „Verfassungspatriotismus“ oder einem wie immer gearteten „Grundkonsens“ konfrontiert hätte: In der Welt meiner Eltern war der „Staat“ immer mehrere hundert Kilometer entfernt gewesen, und seine wenigen Repräsentanten - die einzigen übrigens, die einen offenkundigen Vorteil hatten von jenem „Staat“ - fielen im Ortsbild, wenn überhaupt, nur als Magistrate oder Uniformierte auf.

Alternativlose Eheschließung

Die Ehe meiner Eltern war arrangiert in dem Sinne, daß es die Väter oder älteren Brüder in den Familien waren, die erste Kontakte untereinander knüpften. Dem ersten Zusammentreffen meiner Eltern gingen zahlreiche Unterredungen der Väter oder Brüder voran, und die gesamte Prozedur lief gewöhnlich alternativlos auf eine Eheschließung hin, falls nicht einer der Brautleute eine deutliche Abneigung dem anderen gegenüber äußerte. Die Ehrerbietung, die man den Schwiegereltern schuldete, zeigte sich darin, daß man sie in der zweiten Person Plural anredete. Das galt (und gilt) auch für uns Kinder unseren Großeltern und den Geschwistern unserer Eltern gegenüber.

Wenn er keine Vormittagsschicht hatte, platzte mein Vater in Deutschland anfangs in die Schulhalle, um nachzusehen, worin denn der Sportunterricht meiner Schwester bestünde. Er war nicht der einzige Italiener, der dies tat. Grund war die keineswegs nur in der muslimischen Welt beobachtbare Fixierung auf die Jungfräulichkeit der Töchter, aber auch schlicht die Tatsache, daß den Eltern, die beide nur die Grundschule besucht hatten, das Konzept der Koedukation fremd war.

Wer sich zu früh auf Männer einließ, teilte das Schicksal jener, auf die Männer sich nie eingelassen hatten - der alten Jungfern, die niemand heiraten wollte und die deshalb im Haus der Eltern blieben. Wer von den Burschen sich etwas hatte zuschulden kommen lassen, mußte mit den männlichen Angehörigen der Gegenseite rechnen.

Selbstjustiz kein Unrecht

Einmal zeigte mein Vater mir auf der Piazza einen Mann, vor dem ich mich, wie er sagte, in acht nehmen sollte. Im Gesicht hatte der Mann statt der Nase eine Art lederner Klappe. Die Nase hatte er bei einem mit der Sichel ausgefochtenen Streit mit meinem Großvater eingebüßt. Deswegen hatte mein Großvater eine Haftstrafe absitzen müssen. Da niemand den Akt der Selbstjustiz als Unrecht empfand, war die vom Gericht verhängte Strafe kein Makel. Auch war es innerhalb jener Logik nichts Besonderes, daß ich als Kommunionkind mit der Dienstwaffe meines Cousins, eines Carabiniere, meine ersten Schießübungen machte.

Als Kind hatte ich in Deutschland oft Kopfschmerzen. Meine Mutter brachte mich zu einer alten Frau, die ein paar Stockwerke unter uns wohnte. Diese füllte einen Teller mit Wasser, daneben ein kleines Schälchen mit Öl. Dann murmelte sie Beschwörungen, tauchte ihre Finger in das Schälchen und sprenkelte davon auf das Wasser. Je nachdem, wie sich die Öltropfen auf der Wasseroberfläche zusammenschlossen, waren die Kopfschmerzen auf eine Verhexung zurückzuführen oder nicht. Die Formeln wurden, wie ich später erfuhr, nur unter Frauen weitergegeben.

Kinder als Erzieher der Eltern

Mit den Jahren in diesem Land wandelte sich die Prägung der Eltern nur allmählich, wobei die Rolle der Kinder als Erzieher ihrer Eltern im Sinne der neuen Heimat nicht zu unterschätzen ist. Aufgrund der Sprachkenntnisse, die wir vom Kindergarten an erworben hatten, wurden wir bei allem, was den Umgang der Eltern mit Behörden betraf, vorgeschickt, beispielsweise wenn es um die Steuererklärung ging. Auch waren wir jeder Kommunikation zwischen unseren Lehrern und den Eltern vorgeschaltet. Als der Grundschullehrerin einmal ein paar Groschen abhanden gekommen waren und nur der italienische und der jugoslawische Junge zum Beweis, daß sie es nicht gewesen waren, vor der Klasse ihre Schuhe ausziehen mußten, erzählten wir davon zu Hause nichts.

Wir wußten, daß das Verhalten der Lehrerin ungerecht war, doch wir sahen keine Chance, uns zu wehren. Umgekehrt achteten die Eltern, die bis zur Pensionierung nie richtig Deutsch gelernt hatten, immer darauf, daß unsere italienischen Wurzeln nicht verlorengingen: Der vom Konsulat organisierte Zusatzunterricht - Sprache und Landeskunde - an zwei Nachmittagen in der Woche war für uns Kinder strenge Pflicht, und wie mancher, der als Kind seine Klavierstunden verabscheute, bin ich heute dankbar dafür.

Ein Glück ist es auch, von den Eltern die Sprache übernommen zu haben, die kein Romanist, es sei denn, er wäre ein native speaker, wirklich beherrscht - jenen Dialekt, ohne den man südlich von Rom nur auf verschlossene Türen stößt, ein Idiom voller Witz und Verve, durchsetzt mit altgriechischen, arabischen und hebräischen Wörtern.

Wirksamer Geheimcode

Mit den Eltern sprachen wir Dialekt. Untereinander - man kann sich die kindliche Freude an einem wirksamen Geheimcode ausmalen - sprachen wir Geschwister deutsch. Die Dreisprachigkeit begann sich auf dem Gymnasium, auf das ich durch eine aufmerksame Lehrerin geschickt worden war, bald dadurch auszuwirken, daß das Erlernen anderer Sprachen leichtfiel. Bald wurde ich als hochbegabt angesehen, was im Baden-Württemberg der achtziger Jahre eine jährliche Geldsumme bedeutete, über die man frei verfügen konnte, die sogenannte „Begabtenförderung“, mit der ich den Grundstock einer eigenen Bibliothek zusammenkaufte.

Als mich gegen Ende der Gymnasialzeit die Lehrer für das Cusanus-Werk vorschlugen, hatten sie nicht bedacht, daß es nur Schülern mit deutschem Paß offenstand. Mit der Studienstiftung des deutschen Volkes war es ebenso bestellt. Es blieben nur parteinahe Stiftungen, vor denen ich verständlicherweise zurückscheute. Das Studium der Physik betrieb ich mit Bafög-Mitteln (und einer fünfstelligen Schuldensumme am Ende). Dem schloß sich ein Theologiestudium in einem katholischen Orden an. Die Einbürgerung erfolgte Mitte der neunziger Jahre in Nordrhein-Westfalen.

Die Gültigkeit des Althergebrachten relativieren

Es genügte das polizeiliche Führungszeugnis, ein Antrag und ein handschriftlicher Aufsatz über die Frage, weshalb ich deutscher Staatsbürger werden wollte. Ich begründete dies mit dem geheimen Deutschland Stefan Georges und mit Gestalten wie Rudolf Borchardt und Ernst Jünger. Am Tag, als mir die Einbürgerungsurkunde überreicht wurde, trug der Beamte im Kreishaus eine Donald-Duck-Krawatte.

Bei der Generation meiner Eltern kann „Integration“ hingegen nur die Bereitschaft bedeuten, zugunsten der Spielregeln des neuen Landes die Gültigkeit des Althergebrachten zu relativieren oder zumindest Lernbereitschaft zu zeigen. Obrigkeitliche Maßnahmen werden kaum verfangen. Einheimische irren sich, wenn sie meinen, man könne den Zuwanderern westlich-modernen Lebensstil einpflanzen wie eine neue Software.

Das Ergebnis solchen Vorgehens wird nicht Inkulturation, sondern nur das Auswendiglernen der vom Integrationsfragebogen geforderten Antworten sein. Daß dabei der immense Reichtum der von Verantwortlichkeit und sozialer Verflochtenheit geprägten Ursprungskultur auf der Strecke bleibt, können sich Integrationstechniker nicht wirklich wünschen. Denn interkulturelle Kompetenz - die Fähigkeit, zu wissen, was in einem Land schicklich ist und was nicht, und danach zu handeln - dürfte in einer globalisierten Welt nicht von Nachteil sein.

Quelle: F.A.Z., 12.06.2006, Nr. 134 / Seite 37
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