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Ingo Schulze zum Fall Grass : Eine Lösung kann nur allseitige Abrüstung bringen

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Ingo Schulze fragt sich, warum wir nicht mehr streiten können, ohne den anderen zu verteufeln Bild: dpa

Die Debatte über das Gedicht von Günter Grass sagt viel über unsere Streitkultur: Eine Erwiderung auf Durs Grünbein.

          Im Frühjahr 1999 saßen wir nach einer Lesung zu viert in Aarhus in Dänemark zusammen, Günter und Ute Grass, Durs Grünbein und ich. Die Jahreszahl und Jahreszeit weiß ich nur deshalb, weil wir uns über den Kosovo-Krieg stritten. Die beiden Kollegen nahmen Partei für die deutsche Regierung und deren Kriegseinsatz gegen Serbien, ich war dagegen und fand es absurd, mit Bomben auf Belgrad und Novi Sad den Kosovo-Albanern helfen zu wollen. Ute Grass hielt zu ihrem Mann, fand aber meine Argumente nicht abwegig.

          In den Diskussionen um den Kosovo-Krieg hatte ich in den Wochen zuvor zum ersten Mal erlebt, wie ein politischer Riss den Kreis der Freunde teilen konnte und wie Gespräche selbst einander Wohlgesinnter zu persönlichen Angriffen und Unterstellungen verkamen. An diesem Abend war das nicht der Fall. Im Gegenteil, es ging um die Sache, wir kamen zu keiner Einigung, es wurde spät, und der Abschied war herzlich. Ich weiß auch noch, dass wir über Paul Celan sprachen und Grass den Celanschen Vortragsstil als fremd und überzogen empfand. Den Auftritt Celans vor der Gruppe 47 wird Grass nicht geschildert haben können, denn 1952 war er noch nicht Mitglied der Gruppe. Was ich zuvor nicht gewusst hatte: Grass und Celan waren befreundet gewesen, vor allem in den fünfziger Jahren, als sie beide in Paris gelebt hatten.

          Es wird wohl kaum mehr zu einem gemeinsamen Treffen kommen

          Ich erwähne diesen Abend, weil Durs Grünbein das damals von Günter Grass über Paul Celan Gesagte als Beleg dafür nimmt, „dass unser Autor wenig Sinn für die realen Ängste der anderen hat“ (F.A.Z. vom 12. April). Diesen Eindruck teile ich nicht. Den hatte ich auch nie bei unseren zahlreichen Begegnungen. Aber selbst wenn ich ihn teilte, wäre das für die Diskussion um „Was gesagt werden muss“ wirklich von Bedeutung?

          Ich erwähne den Abend aber auch, weil ich mir wünschte, wir könnten wieder zusammensitzen und sprechen und streiten, von Angesicht zu Angesicht, ohne den anderen als Person zum Teufel zu wünschen. Und ich schreibe davon, weil ich beiden Schriftstellern viel verdanke, Anregungen wie auch Förderung, und weil ich beide als sehr kollegial kenne und ich mich mit beiden, über manche Differenzen hinweg, für befreundet halte und es nun, nach dem Artikel von Durs Grünbein, der mit den Worten (ein Kafka Brief-Wort paraphrasierend) endet „Weg du, Günter Grass!“ wohl auch kaum mehr zu so einem gemeinsamen Treffen kommen wird.

          Das Undenkbare wird zum erwarteten Ereignis

          Dieses Aufkündigen des Gespräches ist persönlich bitter. Zugleich erscheint es mir zeichenhaft für die Debatte um den Text von Grass und auch für die Schwierigkeit, sich öffentlich über das, was uns angeht, auszutauschen. Denn was man auch immer gegen „Was gesagt werden muss“ vorbringen kann, dieser Text bietet die Chance, in einer viel breiteren Öffentlichkeit, als sie durch Verlautbarungen von Politikern erreicht wird, über die Gefahr eines Krieges zu sprechen, eines Krieges, der auch Deutschland mittelbar und unmittelbar betrifft. In einer Diskussion kann ergänzt werden, was als fehlender Kontext bemängelt wird, wie die Bedrohung Israels in seinem Existenzrecht, kann präziser gefasst werden, was man als überspitzt oder falsch ansieht. Aber zugleich muss es doch auch darum gehen, dass Israel einen sogenannten Präventivschlag plant, um Irans Atomanlagen zu zerstören, und dass es nicht auszuschließen ist, dass Deutschland durch Waffenlieferungen indirekt daran beteiligt ist.

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