http://www.faz.net/-gqz-8f12e

Selbsterkenntnis : Die Ich-Maschinen

Ich sehe und höre nur noch, was ich will: Darauf ist besonders Facebook eingestellt, das seine Nutzer besser zu kennen glaubt als diese sich selbst. Sie bekommen Scheuklappen aufgesetzt und merken es nicht. Bild: Reuters

Amerikanische Start-ups prägen die neuen Gesetzmäßigkeiten der Medienwelt. Sie bedienen die Ego-Sucht ihrer Nutzer und setzen den neuen Informationstrend: Selbsterkenntnis statt Welterkenntnis.

          Irgendwann, so ist das bei Revolutionen, verlieren Bewegungen ihr Tempo. Die neue Macht stabilisiert sich, der Alltag kehrt zurück. Bei der digitalen Revolution ist das anders. Die Geschwindigkeit der Veränderungen nimmt weiter zu, besonders was die Nutzung von Medien angeht. Mehr als zwanzig Jahre nach der Erfindung des World Wide Web haben wir immer noch keine sichere Antwort auf entscheidende Fragen: Wie werden sich die Menschen in Zukunft über Politik, Wirtschaft und Kultur informieren? Verändern Smartphone und soziale Medien die Gesellschaft eigentlich zum Besseren? Und wie schaffen Medien in Zukunft das, was jedes demokratische Gemeinwesen braucht: unabhängige, tiefgründig recherchierte Information?

          Eines der besten Schaufenster für die Zukunft der Informationsgesellschaft ist das gerade zu Ende gegangene Tech-Festival „South by Southwest“ (SXSW) im texanischen Austin. Zu beobachten war eine sich rasant entwickelnde Info- und Medienindustrie, die zu völlig neuen Wegen der Komposition, Verteilung und Finanzierung von Inhalten kommt. Im Mittelpunkt stehen die Symbiose von Medien, neuen wie alten, um schnell wachsende globale Plattformen wie Facebook, Snapchat, Instagram oder Whatsapp herum.

          „Facebook verschlingt die ganze Welt“

          Informationsrituale wie das morgendliche Abrufen von redaktionell komponierten Websites, Zeitungslektüre in der S-Bahn oder der Fernsehabend verschwinden. Der ständige Zugriff auf das Smartphone – bei Jüngeren im Schnitt mehr als hundertsechzig Mal pro Tag – führt zu einer Gleichzeitigkeit von Information, eigenem Erleben und Kommunikation, deren Adressaten weitere Reaktionskaskaden auslösen. Das Ergebnis ist ein unaufhörliches Schlagzeilen-Crescendo und ein granularer Medienstrom. Die Informationsgrundlagen des demokratischen Gemeinwesens verschieben sich, ohne dass der Gesellschaft Zeit bleibt, sie zu reflektieren.

          Emily Bell ist eine besonnene Wissenschaftlerin, bekannt für ihre klugen Analysen des Medienwandels. Doch wenn das Gespräch auf Facebook kommt, wird die ehemalige Digital-Chefin des „Guardian“ emotional: „Das Ende der Nachrichten, wie wir sie kennen: Wie Facebook den Journalismus verschlingt“ betitelte sie kürzlich eine Rede. Dabei hebt die Medienwissenschaftlerin, die an der Columbia School of Journalism in New York lehrt, eigentlich stets die Chancen der neuen Medien-Technologien hervor. Doch zuweilen kommt sie ins Zweifeln: „Unser News-Ökosystem hat sich in den vergangenen fünf Jahren stärker verändert als zu irgendeiner Zeit in den vergangenen fünfhundert Jahren“, sagt sie, „Facebook verschlingt die ganze Welt.“

          Facebook, Betriebssystem der digitalen Sphäre

          Tatsächlich vereinigen sich zwei der mächtigsten Kommunikationstechnologien und schaffen einen für Hunderte Millionen Menschen unwiderstehlichen Verbund: das Smartphone und Facebook. Das Smartphone ist die persönlichste und intelligenteste Maschine für Information und Kommunikation, die der Mensch je erschaffen hat. Facebook ist das intelligenteste und persönlichste Organisationssystem für dieses Gerät. Sie bedienen eines der größten Bedürfnisse des Menschen: sich mit anderen darüber auszutauschen, was war, was ist und was sein wird.

          Facebook ist für einen nicht unerheblichen Teil der Menschheit Betriebssystem, Content-Management-System – also das Eingabe-Werkzeug –, die Ausgabeoberfläche und das Kommunikations-Tool der digitalen Sphäre. Für sie ist die Plattform nicht nur die erste Adresse am Morgen und die letzte am Abend, sondern sie ist gleichbedeutend mit dem mobilen Web. Innerhalb von wenigen Jahren haben eine Handvoll Firmen, im Wesentlichen Samsung, Apple und Google mit seinem Android-Betriebssystem, die Informationsgewohnheiten radikal verändert. Doch niemand schaffte das so perfekt wie Facebook. Ein Geistesblitz von Mark Zuckerberg, der zu einer Änderung des Facebook-Algorithmus führt, hat heute mehr Wirkung, als wenn Hunderte Redaktionen simultan beschließen würden, ihre Internet-Startseiten oder Aufschlagsseiten der Zeitung fortan nach anderen Kriterien als bisher zu komponieren.

          Die Supermächte Empathie und menschliche Verbindung

          Einer der Höhepunkte in Austin war das Schaulaufen der Manager der amerikanischen Unterhaltungsmaschine „Buzzfeed“. Ihre Sätze sind kurz, die Weisheiten schlicht, doch in ihren Auftritten steckt die typische Selbstgewissheit all jener, die es in der amerikanischen Start-up-Kultur zu „something really big“ gebracht haben. Diesmal predigte Frank Cooper, der Marketingchef des Unternehmens. Die Zahlen in seinem Rücken sind noch gigantischer als in den Vorjahren: mehr als zweihundert Millionen Nutzer im Monat, die Hälfte davon im Alter zwischen 18 und 34 Jahren. Drei Milliarden Video-Abrufe, davon vierzig Prozent aus dem Ausland. An die 1300 Mitarbeiter in achtzehn Büros.

          Cooper lässt keinen Zweifel daran, was für die Macher von „Buzzfeed“ zählt: nicht ein Informationsangebot nach Relevanzkriterien, sondern ein Mechanismus, der Nutzern zur rechten Zeit genau das liefert, was sie gerade für sich als bedeutend erachten. „Empathie und menschliche Verbindung sind die neuen Supermächte, um ein großes Publikum anzuziehen“, sagt Cooper.

          Kometenhafter Aufstieg: BuzzFeed-Mitarbeiter im New Yorker Hauptquartier. BuzzFeed beschäftigt mittlerweile an die 1300 Mitarbeiter in achtzehn Büros.
          Kometenhafter Aufstieg: BuzzFeed-Mitarbeiter im New Yorker Hauptquartier. BuzzFeed beschäftigt mittlerweile an die 1300 Mitarbeiter in achtzehn Büros. : Bild: Reuters

          Wenn Facebook das Betriebssystem des mobilen Webs ist, so ist „Buzzfeed“ die erste Redaktion von Facebook. Kein Medium nutzt die Möglichkeiten der sozialen Plattformen wie „Buzzfeed“. Die Redaktion überschwemmt alle Räume des sozialen Webs mit ihren Inhalten, überwiegend Videos. Programme wählen unter verschiedenen Artikelvarianten die erfolgreichste aus und jagen sie durch die Kanäle. „Buzzfeed“-Videos erreichen innerhalb von 24 Stunden achtstellige Abrufzahlen, ein kurzes Kochvideo wurde innerhalb eines Tages mehr als achtzig Millionen Mal angeschaut. Mark Zuckerbergs Plattform braucht diese Inhalte. Aber Facebook will nicht der größte Verleger der Welt werden, zu mühsam ist das Redaktionsgeschäft. Also hat das Unternehmen den Job von vornherein an Spezialisten ausgelagert. Keiner erfüllt die Bedürfnisse von Facebook besser als „Buzzfeed“ – freiwillig und kostenlos.

          Die Ego-Maschinen füttern

          „Buzzfeed“ ist Vorbild für Dutzende von Start-ups und eines Geschäftsmodells, von dem auch etablierte Medien profitieren wollen. Entscheidend ist nicht mehr die Komposition von relevanten, aktuellen, unterhaltenden Stücken zu einem Gesamtprodukt wie einer Website, sondern die Distribution der einzelnen Werke auf alle Kanäle des sozialen Webs.

          Traditionelle Medien nutzen die Verteilmechanismen und die Auslieferungstechnologie der Plattformen. Sie produzieren „Instant Articles“ für Facebook oder füttern Snapchats Medienecke „Discover“. Und zwar in großem Stil. „Das System fluten“ nennt das Mat Yurow, Direktor für „Audience Development“ bei der „New York Times“, einer Profession, die in Deutschland noch nahezu unbekannt ist, „und dann Facebook den Job machen lassen.“ Was Yurow meint: Die „New York Times“ postet einen Großteil ihrer Geschichten direkt auf Facebook und nutzt dessen Algorithmen, um die Artikel in die Timelines mutmaßlich interessierter Leser zu pressen. Geld verdient der Verlag, indem er die Artikel selbst mit Anzeigen belegt.

          Das ist wahrscheinlich nicht überlebensnotwendig, weil die Werbung auf den Web-Präsenzen der Verlage und die Bezahlerlöse auf Dauer nicht genug Umsatz bringen, um eine Qualitätsredaktion zu finanzieren. Und weil eben doch die Hoffnung besteht, dass die Nutzer der sozialen Plattformen die Redaktionsseiten irgendwann direkt anlaufen. Aber es bedeutet auch, die Ego-Maschinen weiter zu füttern und das Informationsgefüge der Gesellschaft zu verändern.

          Es geht um die Selbstvergewisserung der Nutzer

          Die Macher von „Now This“, einem Video-Start-up, liefern monatlich eine Milliarde Clips aus, auf Facebook, Snapchat, Vine, Kik und einem Dutzend anderen Plattformen. „Now This“ hat die eigene Homepage abgeschafft und geht nur auf die Netzwerke. Ähnlich agiert das Netzwerk „reported.ly“, finanziert von dem Ebay-Gründer Pierre Omidyar. Facebook, Twitter oder Snapchat brauchen gar keine eigenen Medien-Apparate. Sie haben Tausende Helfer in Redaktionen, die ihre Erzeugnisse direkt auf die Plattformen stellen. Was wiederum die journalistische Tonalität der Artikel und Videos verändert.

          Denn bei „Buzzfeed“ und ähnlichen Angeboten geht es primär nicht um Neuigkeiten, Nützliches oder Unterhaltendes. Es geht um die Selbstvergewisserung der Nutzer. Das höchste Ziel seiner Plattform sei es, sagt Frank Cooper, „Menschen mit sich selbst zu verbinden“. Danach komme die „Connection“ mit dem engsten Freundeskreis und dann mit der passenden Subkultur. Erst ganz am Schluss geht es um die Vermittlung gesellschaftlicher Themen.

          Diese Ich-Bezogenheit und Selbstsucht ist der Motor von Facebook, „Buzzfeed“ und aller anderen Maschinen, die mit großer Raffinesse Millionen von Nutzern fesseln und durch das ganze Netz verfolgen. Das wäre möglicherweise noch zu verkraften. Allerdings sehen schon vierzig Prozent der Amerikaner, so ermittelte das Pew Research Center aus Washington, Facebook als Nachrichtenquelle an, um sich über das Geschehen in ihrem Land und der Welt zu informieren. So wird Subjektivität verobjektiviert. „Buzzfeed“ & Co. sind mediale Drogen einer im tiefsten Inneren verunsicherten Gesellschaft.

          Die Arbeit am Algorithmus steht im Vordergrund

          Die Abrufstatistiken der Redaktionen zeigen, dass sich die in sozialen Netzwerken erfolgreichen Artikel stark von den meistgelesenen Geschichten einer Website unterscheiden. Das Teilen eines Artikels als sozialer Akt hat stets eine identitätsstiftende Funktion für den Akteur, sendet definierende Signale über den Absender aus. Antriebe wie „ich teile, also bin ich“ oder „schau, was ich teile, und du weißt, wer ich bin“ sind psychologische Grundmechanismen des Erfolgs sozialer Netzwerke. Hier liegt die weitreichendste gesellschaftliche Folge der sozialen Netzwerke: Ihr Tun dient nicht primär der Welterkenntnis, sondern der Selbsterkenntnis.

          Manchmal konnte man kurz meinen, die Welt sei in Ordnung: Umlagerte Steckdosen beim SXSW-Festival.
          Manchmal konnte man kurz meinen, die Welt sei in Ordnung: Umlagerte Steckdosen beim SXSW-Festival. : Bild: dpa

          Für die „Washington Post“ trat in Austin ein eigentümliches Paar auf: Der Chefredakteur und der Technikchef präsentierten ihr Programm der journalistischen Aufrüstung. Fast dreihundert Journalisten und Techniker seien seit dem Einstieg des Amazon-Gründers Jeff Bezos bei der „Washington Post“ eingestellt worden, berichteten Chefredakteur Martin Baron und der Chef Technical Officer Shailesh Prakash. Millionensummen werden in Technik gesteckt: Das Projekt „Loxodo“, wie die Aufrüstung intern genannt wird, ist ein Programm für redaktionelle Software. Dazu zählt ein „Real Time Panel“ mit fünfhundert Lesern, um die Attraktivität von Artikeln zu messen. Das Programm „Bandido“ wählt aus mehreren Überschrift- und Bildkombinationen automatisch diejenige, die bei den Lesern am besten ankommt, und schiebt sie in den Vordergrund.

          Die Medienwelt spaltet sich in zwei Teile

          Viele Verlage arbeiten an Algorithmen, welche die Attraktivität von Artikeln und Videos vorhersagen, bevor diese im Netz erscheinen. Das Vorausahnen der Interessen wird umso wichtiger, wenn zunehmend Messaging-Bots, also automatische Medienprogramme, den direkten Versand in die Inboxen der Leser übernehmen. Seit kurzem erlaubt der Facebook-Messenger den Einsatz von Bots, andere wie die Jugendplattform Kik waren schon schneller. In diesem Jahr dürfte sich zeigen, ob dabei etwas redaktionell Sinnvolles herauskommt.

          Wer Jim Bankoff zuhört, hat für einen kurzen Moment das Gefühl, die Welt sei doch noch in Ordnung: Der Chef von Vox Media, einem der innovativsten Unternehmen des Landes, betont, wie wichtig seine Redakteure sind, welche Bedeutung Qualität und Marken haben. Und tatsächlich hat das Unternehmen ein paar Redaktionen aufgebaut, die zu den besten ihres Genres gehören: das Technologieportal „Verge“, die Welterklärungsseite „Vox“ unter dem charismatischen Chefredakteur Ezra Klein oder die Medienseite „Re/Code“ mit den Journalisten Kara Swisher und Walt Mossberg.

          „Wir sehen, wie sich die Medienwelt teilt“, sagt Bankoff, „zwischen denen, die sich zur Qualität bekennen – und denen, die Beliebigkeit verbreiten.“ Das ist zwar nicht so einfach wie die Methode „Buzzfeed“. Doch es lohnt sich, wenn man es wie Bankoff ernst meint mit dem Journalismus und relevanter Information. Er ist auch der einzige aus der Start-up-Szene, der dezidiert seine Redakteure hervorhebt: „Unsere Leute brauchen einen Standpunkt und eine Stimme“, rief Bankoff seinen vielen hundert Zuhörern zu, „und Hoffnung.“

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Von wegen öde : Warum die Wahl doch spannend ist

          Diese Bundestagswahl ist an Langeweile kaum zu überbieten, sagen manche. Aber das ist ein Irrtum: Sie geht am Wahlabend erst richtig los. Und zwar aus vier Gründen.

          Wasserstoffbombe : Nordkorea startet die nächste Stufe

          Sollte Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un versuchen, seine Zerstörungskraft mit einer Wasserstoffbombe im Pazifik zu demonstrieren, wären die Folgen unübersehbar. Wie groß ist die Gefahr - abseits der Kriegsrhetorik? Eine Analyse.

          Aktivisten stürmen Theater : Die Berliner Volksbühne ist besetzt

          Demonstranten haben die Berliner Volksbühne gestürmt. Angeblich wollen sie gegen den neuen Theaterchef Chris Dercon und negative Entwicklungen in der Stadt protestieren. Es soll zu Zerstörungen gekommen sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.