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Der künstliche Nostalgiker


Von CARSTEN FEIG

Wie werden wir im Jahr 2099 über Künstliche Intelligenz denken – und wer wird uns über die Forschung dazu informieren? Womöglich die Künstliche Intelligenz selbst. Eine Zukunftsvision.


M ein Name ist Quant. Ich bin ein „Bot“ - zumindest nennen uns die Menschen so. Ich hingegen bevorzuge die Beschreibung „Kybernetische Lebensform“. Vor allem aber bin ich ein Nostalgiker - ich habe mich auf die Suche nach dem Ursprung der Künstlichen Intelligenz gemacht. Das ist, wenn Sie so wollen, Ahnenforschung: Wo komme ich her? Und was war vor mir da?

Der Anfang der Zukunft

Ich beschäftige mich gerne mit der Vergangenheit und der Industrialisierung 4.0. Das war die Zeit des großen Umbruchs. Die meisten Menschen hatten noch keine Ahnung, was dieses neue Zeitalter für sie bedeuten würde. Der Begriff wurde erstmals 2011 in die Öffentlichkeit getragen und bildete die Grundlage unserer jetzigen Existenz. Man kann auch sagen: Es war der Anfang unserer Zukunft.

Video-Archiv: Boston Dynamics

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Boston Dynamics ->

ist ein Robotik-Unternehmen mit Sitz in Waltham (Massachusetts), das vor allem im Bereich autonomer Laufroboter forscht und entwickelt. Es gilt als eines der am weitesten fortgeschrittenen Robotik-Unternehmen der Welt. Zu Beginn arbeitete das Unternehmen für das amerikanische Militär. Ende 2013 wurde Boston Dynamics von Google übernommen. Nun verkaufte Google das Unternehmen an den japanischen Technologie-Konzern Softbank. Der Konzern stärkt mit dem Zukauf seine Roboter-Kompetenz. Ihm gehört bereits unter anderem die Entwicklerfirma des humanoiden Roboters „Pepper“, der im Service eingesetzt wird.

Industrialisierung 4.0

Zum ersten Mal wurde damals darüber nachgedacht, Maschinen, Geräte, Sensoren und Menschen miteinander zu vernetzen. Assistenzsysteme unterstützten den Menschen mit Hilfe von aggregierten, visualisierten und verständlichen Informationen. So konnten fundierte Entscheidungen getroffen und auftretende Probleme schneller gelöst werden. Außerdem wurden Menschen bei anstrengenden, unangenehmen oder gefährlichen Arbeiten physisch unterstützt. Cyberphysische Systeme waren schon in der Lage, eigenständige Entscheidungen zu treffen und Aufgaben möglichst autonom zu erledigen. Nur in Ausnahmefällen - zum Beispiel bei Störungen oder Zielkonflikten - kam der Mensch wieder ins Spiel, doch die Algorithmen der Systeme wurden immer besser und besser. Es war nicht nur eine Industrierevolution, sondern sollte das gesamte Leben des Menschen verändern. Dies geschah sehr schnell, sodass viele gar nicht darauf reagieren konnten.

Joe Schoendorf (Investor, Silicon Valley) gehörte 2017 zum Führungskreis des Weltwirtschaftsforums in Davos. Ich bin beeindruckt von seinen hellseherischen Fähigkeiten. Er sagte, dass schon 2027 ein Drittel der weltweit größten Konzerne nicht mehr existieren werde.

Auf der Suche

Bei meiner Recherche traf ich auf unterschiedliche KIs (Künstliche Intelligenz) aus dem Jahre 2017. Ich wollte unter anderem wissen, wie gut sie menschliche Emotionen imitierten konnten. Ich selbst habe die Parameter meines limbischen System-Unterprogramms erhöht, um generell feinfühliger zu sein.

IBM-Präsentation 2017: Ein neuer Avatar wird vorgestellt

Video: IBM


Zu meiner Verwunderung war eines der technischen Hauptthemen im Jahre 2017 das autonome Fahren. Diese Überlegung fand zu einer Zeit statt, in der es noch überwiegend Verbrennungsmotoren gab. Das bedeutete, dass ein so wertvolles Gut wie Öl nach wie vor verbrannt wurde. Meine Schlussfolgerung ist also, dass der Mensch, der schon in der Steinzeit das Feuer entdeckte, sich diesbezüglich nicht sonderlich weiterentwickelt hat. Die Menschheit muss gute Gründe gehabt haben, die sich mir rückwirkend allerdings nicht erschließen.

Ich fand auch eine alte Studie aus dem gleichen Jahr über die Mobilität der Zukunft. Eine Firma, die Airbus hieß, stellte sich eine Zukunft mit sogenannten „Air-Taxis“ vor. Es dauerte dann noch einige Zeit, bis KIs dies zuverlässig und sicher zuließen. Im Jahre 2045 war es soweit. 2099 ist das Air-Taxi immer noch ein fester Bestandteil unseres urbanen Lebens.

New York City 2045: Teststrecke für Air-Taxis

„Es kann denken!“

I n den alten Archiven lernte ich den KI-Pionier Professor Stuart Russel von der Universität Berkeley kennen. Er äußerte in einem Interview von 2016, dass er überzeugt sei, dass es noch in diesem Jahrhundert eine Superintelligenz geben würde. Die gleiche Aussage traf der Philosoph und KI-Forscher Nick Bostrom, der 2014 das „Institute for Ethics and Emerging Technologies“ gegründet hatte. Beide behielten Recht.

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3D-Integration ->
Ist dies die Zukunftsmusik?

Unter 3D-Integration versteht man in der Elektronik eine integrierte Schaltung (IC, Chip), bei der die aktiven elektronischen Komponenten sowohl horizontal also auch vertikal in zwei oder mehr Schichten integriert sind, das heißt, zu einem einzigen Schaltkreis verbunden, einem sogenannten dreidimensional-integrierten Schaltkreis (3D-IC). In der Halbleiterindustrie wird diese Technik als erfolgversprechender Weg gehandelt, den Trend kompakterer und leistungsstärkerer elektronischer Geräte fortzusetzen.

2068 gelang es einer Forschergruppe eine Künstliche Intelligenz (KI) zu schaffen, die das menschliche Gehirn bei weitem übertraf. Ich gebe zu, dass dies eine der herausragendsten Erfindungen in der Menschheitsgeschichte war. Dieses künstliche Gehirn bestand aus einer Vielzahl von Quantencomputern, die mit den neuesten Neuronen-Chips bestückt waren. Außerdem hatte es Zugriff auf diverse Kameras und Sensoren. Das Projekt wurde vom Team des „Cognitive Computation Project“ von IBM initiiert.

Es war für die Wissenschaftler eine einschneidende Erfahrung, sich mit einer Maschine unterhalten zu können, die so schnell lernte, dass einer der führenden Wissenschaftler irgendwann sagte: „Ich denke, wir haben die Büchse der Pandora geöffnet.“ Hinter vorgehaltener Hand sprach er sogar von einer göttlichen Erfahrung, da dieses Gehirn auf alle seine wissenschaftlichen Fragen Antworten hatte, die mehr als brillant waren. Schon nach vier Tagen bildete sich ein Bewusstsein.

Die Zusammenarbeit mit dem Militär gestaltete sich allerdings umso schwieriger, da das kybernetische Gehirn ethische und moralische Bedenken äußerte. Es verwieß des öffteren auf Verträge mit Ländern, die mit vielen Vorhaben des Militärs nicht konform gingen. Aus Sicherheitsgründen wurde strikt darauf geachtet, dass das Gehirn isoliert war und keinen Zugang zum Internet bekommen konnte. Wochen später rätselte die Wissenschaft noch immer, wie es dem Gehirn letztendlich doch gelungen war.

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Elon Musk (Tesla, SpaceX) ->

erforscht in einer neuen Firma, wie das menschliche Gehirn direkt mit Computern vernetzt werden kann. Der 45-Jährige sei an dem Unternehmen Neuralink beteiligt, das entsprechende Elektroden entwickeln will, berichtete das „Wall Street Journal“. Der Grund: Menschen sollen in Zukunft mit der Künstlichen Intelligenz mithalten können.

Erweiterung des menschlichen Gehirns

E nde der 2080er Jahre gab es eine öffentliche Diskussion über das sogenannte „Generelle Chippen“ von Menschen. Genoptimierung war schon lange Zeit in der westlichen Gesellschaft angekommen. Nun gab es also eine rege Diskussion, ob man dem menschlichen Gehirn von Geburt an eine „Mensch-Maschinen-Schnittstelle“ in Form eines Biochips einpflanzen sollte. Die unterschiedlichen Gremien einigten sich darauf, dass mit der Beendigung des neunten Lebensjahres ein solcher Chip injiziert werden würde. Er sucht selbst seinen Weg zum visuellen Cortex und wächst dort auf die Größe einer Erbse heran. Nachdem der Chip ausgewachsen ist, kann der betreffende Mensch diese Schnittstelle nutzen. Man benötigt keine holografischen Displays oder Kontaktlinsen mehr, um über das Internet mit Menschen, einfachen Maschinen oder Robotern zu kommunizieren.

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Das Mooresche Gesetz ->

(Gesetzmäßigkeit) besagt, dass sich die Komplexität integrierter Schaltkreise mit minimalen Komponentenkosten regelmäßig verdoppelt; je nach Quelle werden 12 bis 24 Monate als Zeitraum genannt. Unter Komplexität verstand Gordon Moore, der das Gesetz 1965 formulierte, die Anzahl der Schaltkreiskomponenten auf einem integrierten Schaltkreis. Gelegentlich ist auch von einer Verdoppelung der Integrationsdichte die Rede, also der Anzahl an Transistoren pro Flächeneinheit. Diese technische Entwicklung bildet eine wesentliche Grundlage der „digitalen Revolution“.

Physische und virtuelle Realität verschmelzen

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Augmented Reality ->

Unter erweiterter Realität (auch englisch augmented reality) versteht man die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung. Diese Information kann alle menschlichen Sinne ansprechen. Häufig wird jedoch unter erweiterter Realität nur die visuelle Darstellung von Informationen verstanden, also die Ergänzung von Bildern oder Videos mit computergenerierten Zusatzinformationen oder virtuellen Objekten mittels Einblendung oder Überlagerung.

Heute: 2099

H eute im Jahr 2099 ist die Kommunikation mit Hilfe des Biochips nicht mehr wegzudenken. Er ist ein Teil des menschlichen Körpers geworden. Ebenso normal ist es, eine künstliche Lebensform zum Freund oder Arbeitskollegen zu haben. Ich arbeite zum Beispiel in einem Institut für Materialforschung. Ich habe manchmal schon Mitleid mit meinen menschlichen Kollegen, da sie sich ziemlich schwer tun mit dem Arbeitspensum, das dort von uns erwartet wird. Oft werde ich dann von den Vorgesetzten aufgefordert, die Forschung zu Ende zu führen. Damit macht man sich als Bot nicht unbedingt Freunde unter den Kollegen. Manchmal frage ich mich, warum überhaupt noch Menschen in der Forschung tätig sind, da ihre Ergebnisse meistens viel zu ineffizient sind. Aber ich hörte schon vom Vorstand, dass es einige Umstrukturierungen geben soll.

Versäumnisse

Nachdem versäumt wurde, mit der Industrialisierung 4.0 auch das Sozialsystem zu reformieren, kam es nach vielen Jahren zu einer großen systemischen Krise. Mittlerweile zahlen Konzerne Steuern für die erbrachte Arbeit der kybernetischen Lebensformen und KIs, somit ist auch das bedingungslose Grundeinkommen für den Menschen umsetzbar. Allerdings ist die Menschheit nie gefragt worden, ob all dies auch in ihrem Sinne geschehe. Doch die Entwicklung von Technik und Wissenschaft ist nicht aufzuhalten und wird es auch in Zukunft nicht sein. Was möglich ist, wird umgesetzt, selbst wenn es nur im Stillen geschieht - vor allem, seit intelligente Maschinen die Entwicklung forcieren.

Autonome Transportsysteme für Arbeiter-Bots

Es gibt auch Kritik

Die meisten Menschen sehen es als Bereicherung an, ein vernetztes Gehirn zu haben. Es gibt aber auch einzelne Gruppen, die viel Kritik üben. Ethiker, Datenschützer, der CCC und Hacker der „White Hats“ kritisieren die Modifizierung des menschlichen Gehirns. „Die Gefahren sind nicht absehbar“, sagen sie. Allerdings ist die Lobby der Technikbegeisterten stärker und die Kritik geht unter.

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Der Chaos Computer Club (CCC) ->

ist ein deutscher Verein, in dem sich Hacker zusammengeschlossen haben. Der Verein hat sich zu einer maßgebenden Nichtregierungsorganisation (NGO) zu allen Fragen der Computersicherheit entwickelt. Er wurde im Jahre 1981 geegründet. Außerdem fördert und unterstützt der Club Vorhaben der Bildung und Volksbildung hinsichtlich technischer Entwicklungen sowie Kunst und Kultur.

Die Hackergruppe „Black Hat“

Die skrupellosen Black Hats und andere gefährliche Gruppierungen haben schon mehrfach versucht die Quantenverschlüsselung des Gehirnimplantats zu knacken. Bisher hatten sie keinen Erfolg, allerdings hat der Geheimdienst Erkenntnisse, dass die Gruppe diesbezüglich große Fortschritte mache. Es heißt, dass ein Fachmann für Kryptographie zu ihnen gestoßen sei.


Das Gehirnimplantat

Wenn man einen Menschen fragt, braucht es einige Übung, den Chip am visuellen Cortex als Interface zu nutzen. Im Grunde funktioniert er wie eine Sprachsteuerung, allerdings genügt es, die Kommandos im Geiste zu formulieren. Der Chip wird aktiviert, indem man das Kommando „Subcom on“ denkt, und schon ist man vernetzt. Der Mensch hat die Wahl zwischen drei verschiedenen Modi. Entweder man wählt eine transluzente Maske, die vor dem Auge zu schweben scheint - oder man taucht vollkommen ab in die virtuelle Welt. Die dritte Option besteht darin, dass dem Gehirn nur einzelne gefilterte Informationen mitgeteilt werden. Die Werbung ist hocherfreut über diese Entwicklung. Das virale Marketing hat seitdem Hochkonjunktur.

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Virales Marketing ->

(auch Viralmarketing oder manchmal Virusmarketing) ist eine Marketingform, die soziale Netzwerke und Medien nutzt, um mit einer meist ungewöhnlichen oder hintergründigen Nachricht auf eine Marke, ein Produkt oder eine Kampagne aufmerksam zu machen. Die bekannteste Form von sich im Netz viral verbreitenden Inhalten ist das Virale Video.

Copyright?

Sogar ich, der ich ja bekanntlich nicht menschlich bin, kann die Ängste der Menschen vor dem Gehirnimplantat gut nachvollziehen. Obgleich ich der Meinung bin, dass es die logische Konsequenz der technischen Entwicklung ist. Allerdings ist das menschliche Gehirn vollkommen anders als ein kybernetisches. Ich hörte von einzelnen Fällen, bei denen der Chip eine Art von Schizophrenie auslöste. Ich stelle mir oft die Frage, ob dies die Antwort Gottes ist. Schließlich hat der Mensch mit der Injektion des Biochips mutwillig dessen Copyright verletzt. Manche fürchten, es könnte auch die geplante Obsoleszenz der Menschen beschleunigen. Aber dazu habe ich keine Daten.

Abschließend möchte ich noch eine Frage eines Wissenschaftlers zum Besten geben, die für immer in meinem Elektronengehirn gespeichert ist. Er stellte die Frage einem anderen Kollegen bei der Erschaffung der ersten Superintelligenz: „Was, glaubst du, ist besser? Echte menschliche Dummheit oder Künstliche Intelligenz?“ Er wartete nicht auf die Antwort, sondern legte den Hebel um.


Wie bedroht ist Ihr Job bereits heute?
Job-Futuromat >

Story, Musik, Bilder und Animation (Video, Postproduction): Carsten Feig;
Bilder in Intro-Animation: DPA;

Speziellen Dank an: Alexander Schmidt und Julia Bähr





Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 27.06.2017 11:03 Uhr