09.06.2005 · Da staunen die deutschen Zuhörer: Palaniappan Chidambaram, der indische Finanzminister, läßt keinen Zweifel daran, daß seiner Heimat Großes bevorsteht. Was früher Überbevölkerung hieß, sei heute eine Chance.
Von Christian SchwägerlDie Topographie der Zukunft wird unsere Lese- und Sprechgewohnheiten ändern. Die kleine Computerkapitale Dresden als Bangalore des Nordens zu bezeichnen erscheint noch einfach, den Distrikt Pasumpon Muthuramalingam zu memorieren wird schon schwieriger werden.
Das ist die Gegend, aus der Palaniappan Chidambaram stammt, der indische Finanzminister, den man nach seinem Auftritt am Mittwoch abend in Berlin eigentlich als Globalisierungsminister einführen möchte. Der Mann ließ keinen Zweifel, daß seiner Heimat Großes bevorsteht, und er klang dabei sowenig nach einem Handelsvertreter, wie sein deutscher Kollege Hans Eichel den Ressourcenminister der noch drittgrößten Wirtschaftsmacht abgibt.
Aufstrebende Weltregion
Chidambaram sprach auf Einladung der Bertelsmann-Stiftung, die den Blick auf aufstrebende Weltregionen richtet, welche der selbstvergessen-depressiven deutschen Nabelschau entgehen. Der Jurist mit Harvard-Abschluß sprach so leise, daß er von der Klimaanlage fast übertönt wurde. Ob das gegen deutsche Ingenieurskunst spricht oder eher dafür, daß der Finanzminister eines boomenden Eins-Komma-x-Milliarden-Volkes es gar nicht mehr nötig hat, sich Gehör zu verschaffen, blieb unentschieden.
Völlig entschieden hingegen überbrachte Chidambaram den Deutschen, die resigniert bis hasenfüßig auf ihre kollektive kinderarme Alterung reagieren, in feinstem, von Denkpausen interpunktiertem Präsidialenglisch eine einfache Botschaft. Indien stehe vor einer einmaligen demographischen Chance. In den kommenden zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren wachse die arbeitende Bevölkerung im Verhältnis zu den Hochbetagten überproportional an. Was man noch vor zwanzig Jahren als Umschreibung von „Überbevölkerung“ gedeutet hätte, wird zur freundlich vorgetragenen Warnung: In zwanzig Jahren würden amerikanische Jugendliche fragen, ob Hollywood sich von Bollywood ableite. Und in Europa werde es Städte geben, die sich stolz nach indischen Technologiehochburgen benennen wollten.
Hunger nach Bildung
Die Frage, ob es in Indien ein Problem mit der Auswanderung Hochqualifizierter gebe, quittierte der Minister mit einem Lächeln: Es gebe in Indien bald schon genügend Hochqualifizierte, um die Bedürfnisse Indiens, Amerikas und Europas zu befriedigen. „Humankapital“, das Wort, das in Deutschland zum Unwort des Jahres gewählt wurde, geht Chidambaram flüssig von den Lippen. Er sieht junge Frauen und Männer vor sich, die nicht mehr nach Essen, sondern nach Bildung und nach intelligenter Arbeit hungern. Mit ihrer Hilfe werde Indien zur Weltmacht des Wissens aufsteigen. Man wisse China dabei als Partner mit gleichen Zielen an seiner Seite.
Die zweite große Botschaft: Bei aller Liberalisierung werde Indien seine Armen nicht vergessen. Sie zu den größten Nutznießern der Globalisierung zu machen sei die wichtigste Aufgabe. Dazu müsse alles beseitigt werden, was wirtschaftliches Wachstum behindere, und alle Mittel, die beim Rückzug des Staates aus Subventionen und Planwirtschaft frei werden, müßten in die Bildung investiert werden. Lag es nur am feinen Ausdruck, daß dies so gar nicht nach jenen hohlen, nichtsnutzigen Beschwörungsformeln klang, mit denen in Deutschland über Bildungs- und Forschungsinvestitionen gesprochen wird?
Die „Verjüngung“ der Deutschen
In Deutschland stürzten sich manche Medien am Tag des Auftritts von Palaniappan Chidambaram auf ein Forschungspapier aus dem angesehenen Magazin „Nature“, in dem der Versuch unternommen wird, die deutsche Bevölkerung mit statistischen Kniffen angesichts steigender Lebenserwartungen, relativ gesehen, jung und dynamisch zu rechnen. Ja, die Bevölkerung altere, doch zugleich nehme die durchschnittliche verbleibende Lebenszeit zu, heißt es da. Das wurde als „Verjüngung“ bejubelt.
Der „völlig neue Blick“ auf die kollektive Alterung, der von manchen Meinungsmachern diagnostiziert wurde, entpuppt sich beim zweiten Hinsehen freilich nur als die hinlänglich bekannte und gleichwohl ignorierte Mahnung, das Rentenalter deutlich nach oben zu verschieben und gerade in die Bildung und Berufsqualifizierung der Älteren zu investieren. Man braucht keine hochkarätig begutachteten Statistiker, um das zu verstehen. Man muß nur hinhören, wenn ein Mann wie Chidambaram spricht - der übrigens herzlich wenig zu der künftigen deutsch-indischen Kooperation in Wirtschaft und Wissenschaft sagte. Die Berliner Gesellschaft erlaubte sich den dekadenten Luxus, in dem kleinen Saal zehn Plätze leer zu lassen.