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Beeindruckender Fotoband : Hinz macht alles, Hinz kann alles

Den Großen ganz nah: Volker Hinz mit Muhammad Ali, Santa Monica 1984 Bild: Volker Hinz/Edition Lammerhuber

Vierzig Jahre lang war Volker Hinz Redaktionsfotograf beim „Stern“. Ein umwerfend schöner Band zeigt nun hunderte Porträts von Draufgängern, Mystikern – und Wahnsinnigen.

          Als der „Stern“ seinem Redaktionsfotografen Volker Hinz vor drei, vier Jahren, gleichsam als Abschiedsgeschenk, einen Band seiner Buchreihe Portfolio widmete, schloss ein halbes Dutzend Porträts prominenter Fotografen den Bilderreigen. Das schaute nach all den Beispielen seiner Politreportagen und Weltstarinszenierungen, den Home-Storys und Straßenszenen aus der vierzig Jahre dauernden Zeit bei Gruner und Jahr aus wie eine Verbeugung vor Kollegen, vielleicht sogar Vorbildern – Anregern allemal: Lisette Model, die Draufgängerin; Joel-Peter Witkin, der Mystiker; Andreas Feininger, der Feingeist; David LaChapelle, der Wahnsinnige; Peter Lindbergh, der Frauenversteher; Helmut Newton, der Erotiker – eine behutsam ausgewählte Riege, auf deren Bildsprachen und Sichtweisen sich aufbauen lässt, und wer sich die Mühe macht, sich durch die Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende Arbeiten im Archiv von Volker Hinz zu wühlen, wird ohne allzu übertriebene geistige Verrenkungen immer wieder Bezüge herstellen können.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Das hat einen einfachen Grund: Hinz macht alles, und Hinz kann alles. Die Themen im Laufe seiner Karriere waren so weit gefächert, wie man es bei einer Publikumszeitschrift erwartet. Und seine ästhetischen Ansätze sind so unterschiedlich, wie es der jeweilige Gegenstand erfordert hat. Vermutlich ist es nur geringfügig übertrieben, Hinz als den letzten großen universalen Bildreporter unserer Tage zu bezeichnen – auch wenn sich genau genommen nur eines seiner Bilder für immer ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat: Franz Beckenbauer und Pelé, lachend und nackt unter der Dusche, aufgenommen 1977 nach einem Spiel.

          Die Kamera als natürliche Verlängerung des Arms

          Und jetzt dieses: eine Liebeserklärung an die Fotografie auf 425 Seiten – vierhundertfünfundzwanzig! Zudem in einem Format, das jedes übliche Regalfach sprengt. Mit einem Wort ist dieses Projekt nicht zu fassen, aber Adjektive wie draufgängerisch, mystisch, feingeistig, wahnsinnig, verständig und erotisch geben zumindest schon einmal eine Richtung vor. Es handelt sich um ein Lebenswerk, wenngleich man unterstellen darf, dass Volker Hinz das selbst erst spät begriffen hat, vielleicht sogar erst bei der Suche nach jenen letzten Bildern für sein Buch in der Reihe Portfolio.

          Die lieben Kollegen: Fotograf und Filmemacher Peter Lindbergh, im Hintergrund Milla Jovovich, Mailand 1998 Bilderstrecke
          Die lieben Kollegen: Fotograf und Filmemacher Peter Lindbergh, im Hintergrund Milla Jovovich, Mailand 1998 :

          Denn die meisten Aufnahmen des Buchs, allesamt schwarzweiß, entstanden en passant. Sie zeigen Fotografen. Die berühmtesten der Welt. Und zwar alle – wenigstens nahezu. Knapp dreihundert Namen listet das Register auf: von Avedon über Leibovitz und Mapplethorpe bis Warhol. Weil Hinz jedoch in das von 1968 bis 2015 streng chronologisch sortierte Material etliche Selbstporträts eingestreut hat, die ihn in Spiegeln zeigen, als Schatten, mit dem Selbstauslöser fotografiert oder auf seine Füße reduziert, und weil hin und wieder seine Frau und Kinder zu sehen sind, wird das Buch in einer Art Dreisprung vom Fotografenalbum über das Fotoalbum zum Familienalbum. Im besten Sinn. Oder in Anlehnung an Edward Steichens epochemachende Ausstellung: The Family of Photography.

          Fotografieren mit einem Augenzwinkern

          Es überwiegt denn auch der private Blick. Der private Moment. Und deshalb unterscheidet sich das Buch zum großen Teil erheblich von jenen Bildbänden, für die etwa Vera Isler, Abe Frajndlich oder Arnold Crane Fotografen in der Tradition des klassischen Künstlerporträts aufgenommen haben, so also, dass im Idealfall Werk und Wesen des Porträtierten verschmelzen. Volker Hinz hingegen zeigt zuallererst Menschen, mehr noch: Freunde.

          Nie legt sich eine Regieanweisung als Subtext hinter seine Aufnahmen. Und nie vernimmt man vom Gegenüber geflüstert die Frage: Was soll ich tun? Blödeleien, und davon gibt es nicht wenige, sind keine Inszenierungen, sondern Belege für Vertrauen und einen spielerischen Umgang miteinander. Ob Elliott Erwitt in der Nase bohrt, Roger Ballen sich in seinem Pullover versteckt oder der Reporter René Burri mit Zigarre im Mund Che Guevaras Mimik imitiert, wie er sie 1962 auf seinem berühmtesten Foto festhielt.

          Radikale Kompositionen und Bildausschnitte indessen belegen, wie dicht Hinz manchem Kollegen auf die Pelle rücken konnte – und durfte. Und wie nah er dabei war, wenn wiederum diese arbeiteten. Dann sieht es aus, als habe er sich förmlich zwischen David LaChapelle oder Stephan Lupino und deren Nacktmodelle gezwängt, aber auch zwischen Jeff Koons und Andreas Gursky, die auf einer Party die Köpfe zusammenstecken, und Wim Wenders, so erweckt es den Eindruck, hätte er in die Hand beißen können, als dieser ein Selfie von sich und einem freudig strahlenden Fan aufnahm.

          Wer freilich jemals Volker Hinz beim Fotografieren zugeschaut hat, weiß, dass ihm die Kamera weniger die Verlängerung des Blicks ist als die seines Arms. Statt durch den Sucher zu schauen, hält er den Fotoapparat mitten hinein in eine Szene – und zündet dann auch noch den Blitz. So entstand im Laufe von fast zwanzig Jahren auf Feiern und Empfängen eine Serie, für die er das Getue von Sehen und Gesehenwerden mit einem extremen Weitwinkelobjektiv buchstäblich verzerrt bis an den Rand der Karikatur. „Böse Bilder“ nennt er diese Aufnahmen, als wolle er sich damit zugleich selbst das Attribut des bösen Buben verleihen. Das sind Momentaufnahmen, in denen er die Welt des Glamours und der Kunst der Lächerlichkeit preisgibt.

          Auch davon finden sich Beispiele in diesem Buch, entstanden bei Ausstellungseröffnungen oder Buchpräsentationen. Aber kein Fotograf wird dem anderen ein Auge aushacken – und so überwiegt bei dem Bild June Newtons, die gerade umgefegt wird, oder bei Tom Jacobi, der sich fast gnädigerweise von vier Blondinen anhimmeln lässt, statt des bösen Blicks ein Augenzwinkern. Das sind die Bilder, mit denen Volker Hinz auch bei sich selbst angekommen ist: als Schelm. Wohl dem, der sich das als Reporter erhalten konnte.

          Volker Hinz: „In Love with Photography“. Mit einer Einleitung von Peter-Matthias Gaede.
          Edition Lammerhuber, Wien 2015. 425 S., Abb., geb., 248,- €.

          Quelle: F.A.Z.

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