04.07.2010 · Was produzieren eigentlich die Geheimdienste? Prosa, Lyrik? Oder doch nur Nonsens und Redundanz? Dass das eigene Ich oft noch ein Anderer ist, erklärt zumindest, warum Gauck nicht gewählt wurde.
Von Nils MinkmarAm 30. April 1943 zog ein spanischer Fischer eine Leiche aus dem Wasser. Es handelte sich, wie bald festgestellt wurde, um Major William Martin, einen Offizier der Royal Marines. Mit ihm wurde auch seine Aktentasche geborgen. Sie war mit einer lederüberzogenen Kette an seinem Gürtel befestigt. Zwar war Spanien nominell neutral, aber das franquistische Regime und seine Polizeiverwaltung standen auf Seiten der Nazis, so dass es nicht lange dauerte, bis der Resident der deutschen Abwehr in Madrid Kenntnis vom Inhalt der Aktentasche erhielt. Major Martin war als Kurier nach Tunesien unterwegs gewesen.
Die britischen und amerikanischen Kräfte in Nordafrika sollten sich, das war den von ihm mitgeführten Dokumenten zu entnehmen, bereitmachen für die Landung an der Südflanke Europas, beginnend mit Griechenland und Sardinien. Entworfen hatte diesen Plan, und das ist kein Spezialeffekt, der spätere James-Bond-Erfinder Ian Fleming, der damals im Marine-Nachrichtendienst arbeitete. In einem der mitgeführten Briefe war sogar die humorvolle Bitte vermerkt, der Kamerad möge doch nach geglückter Landung einige Kisten Sardinen in die Heimat schicken, die seien in London rationiert.
Die vorgefasste Meinung der Chefs bestätigen
Das OKW ließ bald darauf Panzerdivisionen auf den Peloponnes verlagern und verstärkte auch die Kräfte auf Sardinien. Als die Alliierten im Juli auf Sizilien landeten, dürfte in Berlin manchem aufgegangen sein, dass Major Martin ein zu guter Fang gewesen war – und nichts als ein Gespenst. In Wahrheit war es die Leiche eines geisteskranken Selbstmörders; die Fotos, Theaterkarten und Liebesbriefe, die er bei sich führte, waren vom britischen Geheimdienst liebevoll hergestellte Requisiten.
Die Geschichte dieser einmaligen geheimdienstlichen Operation erzählt der britische Journalist Ben Macintyre in einem spannenden und hochkomischen Sachbuch „Operation Mincemeat“. In einer ausführlichen Rezension für den „New Yorker“ hat sich Malcolm Gladwell der darin aufscheinenden, mit Spionage stets verbundenen erkenntnistheoretischen Probleme angenommen. Denn der Erfolg der Operation war ja mit dem Auffinden der Leiche allein noch nicht gesichert. Die mitgeführten Informationen mussten auch zu dem passen, was man in Berlin dachte. Der britische Geheimdienstvordenker John Godfrey hatte analysiert, dass die Nazis Informationen nach den Prinzipien von „wishfulness“ und „yesmanship“ sortierten. Es wurden bevorzugt solche Meldungen weitergegeben, welche die vorgefasste Meinung der Chefs bestätigten.
Hitler erkannte sofort, dass die Sache nach Fisch roch
Im Fall der Invasion im Mittelmeer war das ein Problem, denn Hitler und Mussolini waren davon überzeugt, die Alliierten würden auf Sizilien landen. Hat nun der Trick mit dem toten Kurier allein sie vom Gegenteil überzeugt? Das ist kaum anzunehmen. Hitler erkannte sofort, dass die Sache nach Fisch roch. Erst das eindeutige Votum seines Vertrauten in der Abwehr, des „Mannes mit dem gläsernen Verstand“, Alexis Freiherr von Roenne, überzeugte ihn vom Gegenteil. Von Roenne lieferte ein Gutachten, in dem er sich geradezu darin überschlug, die Authentizität der Briefe und ihre strategische Aussagekraft zu attestieren. Doch zu diesem Zeitpunkt war von Roenne, wie Ben Macintyre schreibt, längst mit den Widerstandskreisen einig, die später das Attentat vom 20. Juli vorbereiteten. Er wollte, dass Hitler eine falsche Entscheidung traf. Womöglich hat er die Sache mit dem angespülten Kurier keine Sekunde geglaubt, trotzdem stand am Ende dieser Operation ein militärischer Erfolg.
Malcolm Gladwell vergleicht eine solche komplexe Spionageoperation mit einem Gedicht, das immer wieder anders interpretiert wird. In der Tat trug „Operation Mincemeat“ Züge einer lyrischen Komposition. Da war das komische Element in den fingierten Begleitschreiben unter Offizierskollegen. Weil die Deutschen einen „etwas bleiernen“ Humor pflegten, glaubte Ewen Montagu, der Kopf der Operation, würden sie die briefliche Bestellung einiger Sardinen nach geglückter Invasion von Sardinien sehr witzig finden und als Zeichen des typisch britischen Humors werten, also als Ausweis der Authentizität der Schreiben. Umgekehrt mag von Roenne direkt durchschaut haben, dass in dieser nassen Aktentasche zu viel geboten wurde, was deutschen Augen gefallen sollte. Dass er es dennoch, also gerade deswegen gebrauchen würde, konnte man in London damals allerdings nicht ahnen.
Plötzliche ragen Spione wie Ötzi-Mumien ins Alpenpanorama
Aus dem Vexierspiel der Spionage gibt es kaum ein Entkommen. Später sind die Alliierten sogar dazu übergegangen, einem von den Nazis längst als Doppelagenten enttarnten Botschaftsattaché den wahren Termin der Landung in der Normandie mitzuteilen. Alles, was von diesem dubiosen Mann käme, würde man in Berlin sicher als Desinformation werten und verwerfen. Die oberflächliche Moral von „Operation Mincemeat“ könnte also sein, dass der britische Geheimdienst der Abwehr überlegen war. Doch derselbe Dienst wurde wenige Jahre später durch den Verrat seines Chefs Kim Philby blamiert. Dieser Verrat führte wiederum dazu, dass die CIA jahrelang nach russischen Agenten in ihren Reihen fahndete. Damit waren sie so beschäftigt, dass der oberste Agentenjäger selbst beschuldigt wurde, ein russischer Agent zu sein, denn nur ein solcher hätte ein Interesse daran haben können, die Agentur mitten im Kalten Krieg mit der so aufwendigen wie vergeblichen Suche nach Maulwürfen lahmzulegen.
Als in der vergangenen Woche der Ring der langjährigen Agenten des russischen Geheimdienstes in amerikanischen Vorortsiedlungen aufflog, waren all diese Fragen genauso aktuell und unlösbar wie 1943. Nur kurz zuvor hatten Präsident Obama und sein Amtskollege Medwedjew gemeinsam Cheeseburger verzehrt. Ein wichtiges, die atomare Abrüstung beschleunigendes Abkommen ist unterschrieben und wartet auf Ratifizierung. Ausgerechnet in diese frühsommerliche Entspannungslandschaft, früher hätte man von „Tauwetter“ gesprochen, ragen nun ein Dutzend Spione wie Ötzi-Mumien ins Alpenpanorama. Der Sinn ihrer Tätigkeit ist unklar, weswegen die amerikanische Staatsanwaltschaft sie nicht wegen Spionage anklagen konnte. Es gibt keinen Zweifel daran, dass die übermittelten Erkenntnisse auch durch legale Quellen zu beschaffen gewesen wären, etwa die amerikanische Spitzentechnologie Google.
Überall wird eine Story hinter der Story in der Story vermutet
Andererseits scheint der Einsatz von langjährig operierenden, wenig Aufsehen erregenden Schläfern ein Spiel mit geringem Risiko zu sein. Es hätte ja sein können, dass unter ihren Kollegen, Nachbarn oder Vereinskameraden irgendwann mal jemand auftaucht, der optimalen Zugang zu Geheimnissen hat. Es war ja schließlich auch in den fünfziger Jahren nicht vorherzusehen, dass der biedere Zigarrenverkäufer bei „Boom am Dom“ in Frankfurt einmal zum persönlichen Referenten des Bundeskanzlers Willy Brandt aufsteigen würde. Doch je mehr Punkte im großen Spiel der Auslandsspionage Markus Wolf und Kollegen sammeln konnten, desto schneller ging ihr eigenes System unter. Auch diese hochentwickelte Form der Spionage diente keinem politischen oder wirtschaftlichen Zweck, sie wirkte, Malcolm Gladwell bestätigend, wie eine Form hochsubventionierter Kunst – eine, deren Material menschliche Beziehungen sind.
Zum Fall des nun ausgehobenen, strategisch weitgehend sinnfreien Spionagerings bemerkte der Russlandforscher Mark Galeotti vom Center for Global Affairs der New York University, in Moskau pflegten die Machthaber, die ja selbst zum großen Teil aus dem Geheimdienst kommen, immer noch eine entsprechende gedankliche Kultur: „Sie nehmen an, dass es eine Story hinter der Story in der Story geben muss.“ Doch was machten die Spione aus Suburbia, als sie entdeckten, dass alle dort zu lüftenden Geheimnisse bereits auf DVD erhältlich sind, und zwar auch in Moskau, in den gesammelten Boxen von „Desperate Housewives“, „Twin Peaks“ und der „Simpsons“? Die Spione waren Musterbürger und gerade darin verdächtig, denn wer kennt schon, wie Don Heathfield, die derzeitigen Anschriften und Berufe all seiner ehemaligen Klassenkameraden?
Wollte Russland nur demonstrieren, dass es immer noch lauscht?
Und dann war da noch die Sache mit den Akzenten. Obwohl sie offenkundig einen melodiösen russischen Einschlag ins Amerikanische brachte, gab Cynthia Murphy an, sie sei aus Belgien. Das wiederum kam einigen geographisch dann doch besser gebildeten Amerikanern verdächtig vor. War es, kann man nach Lektüre von „Operation Mincemeat“ fragen, nicht allzu verdächtig? Waren diese am helllichten Tag Geld, Laptops und Dokumente tauschenden Amateurspione nicht etwas zu auf- und schwerfällig? Ging es in ihrem Einsatz also bloß darum mitzuteilen, dass sich Russland nach wie vor als globale Macht sieht und demonstrativ horchen, funken und fotografieren lässt? War der Sinn der Sache einzig der, sie eines Tages hochgehen zu lassen? Oder war die Festnahme, die so auffällig auf die Zeit nach dem friedlichen Essen terminiert war, eine Botschaft der amerikanischen Dienste an die Welt, dass man sie bitte nicht auch abrüsten möge?
Die Lyrik der Spionage verweist immer wieder auf sich selbst. Zweifellos verleiht diese schwarze Kunst den darin befangenen Personen eine weitere, scheinbar relevantere oder spannendere Dimension ihres Lebens. Schließlich leben sie mit mindestens einer weiteren Identität. Danach kann man süchtig werden. Offenbar können ganze östliche Machteliten sich in der Pflege solcher Geheimspiele verlieren wie Spielsüchtige am Daddelautomaten. Und so versteht man endlich, warum eine Fraktion, in der allzu viele selbst den biographischen Thrill eines Doppellebens als Informeller Mitarbeiter erlebt haben oder in einer Kultur der Bewunderung für die großen Spione des Ostblocks erzogen wurden, so ziemlich alles tun würde – außer einen der bekanntesten Geheimdienstabwickler der Welt zum Bundespräsidenten zu wählen.