14.07.2002 · In seinem einzigen Deutschlandkonzert spielte David Bowie nicht nur eine gelungene Mischung aus neuen Stücken und frühen Werken.
Von Michael SchuhMan wusste es schon vor seinem Auftritt in Köln: David Bowie hat sich mit seiner ruhmreichen Vergangenheit versöhnt. Als beeindruckender Beweis dafür gilt sein aktuelles Album „Heathen“. Kritiker loben es als nahtlosen Anschluss an Bowies goldene Albumzeit, die wohl schon 1980 mit „Scary Monsters“ zu Ende ging. Dazwischen lagen lange Jahre, in denen er, von innerem und äußerem Erfolgsdruck getrieben, zumeist uninspirierte Ergebnisse ablieferte.
Nun konnte man dieser Tage auf einer Internet-Fanpage nachlesen, Bowie habe vor einer Woche in Dänemark „Space Oddity“ gespielt; jene bewegende Weltraum-Ode von 1969, über die er noch vor wenigen Jahren in einem Interview sagte, er singe sie höchstens noch für seine Frau Iman im privaten Schlafzimmer.
Perfekt: Bowies siebenköpfige Band
In Köln stand der Welthit nicht auf dem Programm. Niemand konnte aber zu Beginn ahnen, was David Bowie für das deutsche Publikum stattdessen vorbereitet hatte. Mit zarten Pianoklängen begann das zweieinhalbstündige Konzert. Wie in Zeitlupe windet sich die grandiose Melodie von „Life On Mars“ aus den Boxen, die das Publikum aufschreien lässt, zumal es den Sänger in demselben Moment zu Gesicht bekommt.
Grinsend läuft Bowie ein, in edlem dunklen Zwirn und weißem Hemd. Ventilatoren wehen seine blonden Haare nach hinten, die ihn - mal wieder - bedeutend jünger aussehen lassen, als er ist. Zur Freude hat Bowie allen Grund: Seine siebenköpfige Band ist perfekt eingespielt und gibt ihm an diesem Abend genau so viele Anstöße, die er benötigt, um über sich hinaus zu wachsen.
Ungebrochene Bühnenpräsenz des Altmeisters
Der Beginn gehört der Vergangenheit, Bowie singt „Ashes To Ashes“ und „China Girl“. Opium fürs Volk. Seine neuen Songs erfordern dagegen Ruhe und geben ihm die Chance, seine Bühnenpräsenz voll auszuspielen. Wie ein Conferencier schreitet er von links nach rechts, scherzt zwischen den Songs, küsst seine barhäuptige Bassistin zart auf den Hinterkopf und wirft Kusshände in die Menge.
In den Neil-Young-Song „I've Been Waiting For You“ habe er sich „1969, es kann auch früher gewesen sein“ verliebt, gesteht Bowie, und die Band verwandelt ihn postwendend in ein psychedelisches Rock-Manifest. Übertroffen wird er an Härte nur von dem relativ jungen „I'm Afraid Of Americans“, der wirbelsturmartig über den Innenraum hinwegfegt. Welche Klasse ein Song wie „Starman“ hat, beweisen die acht Musiker ebenfalls mit einer leidenschaftlichen Rock-Version.
„Ziggy Stardust“ als scheinbarer Schlusspunkt
In „Hello Spaceboy“ darf die Elektronik herzhaft fiepsen, danach geht der Blick wieder weiter zurück. Dem Aufruf „Let's Dance“ folgen erwartungsgemäß alle Altersklassen, „Heroes“ gerät zur Mitsing-Orgie. Doch es ist kein müdes Abfeiern alter Hits, Bowie und Band begeistern mit Melodie-Variationen, die das vermeintlich Alte wieder interessant klingen lassen und dabei stets den Songcharakter wahren. Die neue Single „Everyone Says Hi“ wird wie ein Oldie bejubelt, und als Bowie zur ersten Zugabe erscheint und verkündet, die Hallen-Tore seien noch verschlossen und man müsse nun länger spielen, kann niemand ahnen, was der Brite tatsächlich meint.
Beinahe entrüstet verfolgt man, wie Bowie dem Scherz, seine neue Single müsse für die TV-Kameras noch einmal gespielt werden, Taten folgen lässt. Anschließend bildet „Ziggy Stardust“ den Schlusspunkt. Die Menge bejubelt den Abgang der Musiker, das Konzert scheint mit dem Klassiker von 1972 beendet zu sein.
Das 25-jährige Berliner Album „Low“ als Zugabe
Doch Bowie kommt ein weiteres Mal auf die Bühne. Er stellt sich mit seinem Gitarristen hinter zwei Synthesizer und lässt das schaurige „Warszawa“ durch die Halle wabern. Es ist der Beginn eines ganz speziellen Geschenks. 1977 lebte Bowie mit Iggy Pop und Lou Reed in Berlin und nahm das Album „Low“ auf. 25 Jahre später steht er in Köln auf der Bühne, der einzigen deutschen Stadt auf seiner Tournee, und spielt, als Liebeserklärung, das ganze Album als zweite Zugabe.
Das Instrumental „Speed Of Life“ sowie das zäh quietschende “Breaking Glass“, die Single „Sound & Vision“ und auch das wundersame „Always Crashing In The Same Car“. David Bowie steht da oben und zelebriert Musikgeschichte. Köln und Berlin werden eins in diesem Moment, in dem sich die Hauptstadt auf die Loveparade vorbereitet. In Köln schwebten die elektronischen Experimente des jungen David Bowie durch die Halle. Sie sind nicht jedes Jahr zu erleben.