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Veröffentlicht: 29.11.2015, 09:30 Uhr

Bestsellerautor Wohlleben Bäume sind so tolle Lebewesen

Peter Wohlleben ist Deutschlands berühmtester Förster, sein Buch über „Das geheime Leben der Bäume“ steht seit Monaten auf der Bestsellerliste. Der Hype findet kein Ende. Wohlleben sei ein Baumflüsterer, heißt es. Aber stimmt das?

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© Stefan Finger Peter Wohlleben, Hüter des Waldes und Kenner des „Wood Wide Web“

Peter Wohlleben, 1,98 Meter groß, drahtig, bärtig, steht neben einer Buche, die rechte Hand streicht über den Stamm. Auch Buchen seien bei Gewitter gefährlich, selbst wenn der Volksmund etwas anderes behaupte, sagt er. Um die glatte Rindenstruktur legt sich ein Wasserfilm, durch ihn fließt die Elektrizität ab. Schlägt ein Blitz ein, sieht man deshalb im Gegensatz zur Eiche keine Blitzrinne. Wohlleben blickt nach oben, der Wind frischt auf und treibt dunkle Wolken über den Wald, seinen Wald. Er lächelt und sagt: „Bei Bäumen denken die Menschen an Sauerstoffspender, Schattenspender, Wasserreiniger und Holzlieferanten, aber keiner denkt daran, was für tolle Lebewesen das sind.“

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Peter Wohlleben ist Förster der kleinen Gemeinde Hümmel in der Eifel. Seit einigen Monaten ist er auch Bestsellerautor. Sein Buch „Das geheime Leben der Bäume“, das Ende Mai im Ludwig Verlag erschien, steht an diesem Tag an der Spitze der Spiegel-Bestsellerliste, vor der Papstbiographie, vor Helmut Schmidts „Was ich noch sagen wollte“, vor Guido Westerwelles Krebs-Buch, vor Peter Scholl-Latour. Inzwischen hat es sich mehr als 150 000 Mal verkauft. Vierzehn Auslandslizenzen sind unter Dach und Fach, darunter Italien, Frankreich, Kanada, Spanien, Norwegen, Dänemark, Holland und Brasilien. Mit Korea, wo sich gleich fünf Verlage ein Bietergefecht lieferten, hatte das Auslandsgeschäft seinen Anfang genommen. Wohlleben sagt: „Der Erfolg hat mich genauso überrascht wie alle anderen.“ Er glaubt sogar, dass sein Buch anfangs „leichtes Gähnen“ in den Redaktionen hervorgerufen habe. Nach dem Motto: „Das geheime Leben der Bäume? Da gibt es doch Spannenderes!“ Als er und seine Frau das Buch kurz nach Erscheinen bei Thalia im nahen Euskirchen suchten, fanden sie es im Esoterik-Regal. Wohlleben ist amüsiert. Er ein Esoteriker?

Doch genau dieses Bild drängt sich auf: der Buchtitel, das Cover mit Baum, Wiese und untergehender Sonne, dieses Achtsamkeit suggerierende Zusammenspiel. Der Förster Wohlleben muss einer sein, der Bäume umarmt, der mit ihnen spricht, die zu ihm sprechen, wie einst die Berge zu Luis Trenker. Wohlleben, der Baumflüsterer. Das sage ja manches über die Deutschen und ihren „spirituellen Hunger aus“, schrieb ein Kritiker, wenn ein Papstbuch oben auf der Bestsellerliste stehe, hinter einem esoterischen Förster, der vom zärtlichen Familienleben der Bäume erzähle.

Die Deutschen und ihr Wald, schon wieder

Peter Wohlleben bückt sich, hebt ein Blatt vom laubbedeckten Boden auf. Zwei Waldspaziergänger grüßen. „Im Grunde laufen wir hier durch Toilettenpapier“, sagt er. „Bevor der Winter kommt, befreit sich der Baum von überflüssigen Stoffen, die dann in den abgeworfenen Blättern zu Boden fallen.“ Der Winter, die Zeit der Ruhe. Im Buch vergleicht er den Laubfall mit dem Gang des Menschen aufs „stille Örtchen vor dem Zubettgehen“. Wohlleben nennt Bäume auch mal „Muffel“, „Dickköpfe“ und „Eigenbrötler“, er spricht von „Baumbabys“, „Freundschaft“, „Gruppenkuscheln“, „pädagogischer Erziehung“ und „pubertärer Akne“. Selbst Peter Maffay kommt vor: „,Und wenn ich geh, dann geht nur ein Teil von mir‘ - dieser Satz aus einem Schlager von Peter Maffay könnte von einem Baum geschrieben worden sein.“ Der tote Körper sei für den Kreislauf des Waldes unverzichtbar. Über Jahrhunderte hinweg habe er Nährstoffe aus dem Boden gesaugt, in Holz und Rinde gespeichert. „Er stellt einen kostbaren Schatz für seine Kinder dar.“

Es heißt jetzt oft, Wohlleben habe den Deutschen ihren Wald zurückgegeben. Die Deutschen und der Wald, wieder einmal. Goethe, Tieck, Eichendorff, an Verzückungszeugnissen mangelt es nicht. Erst unter dem Blätterhimmel werde der Mensch zum Menschen, schrieb Tieck über den Rückzugsort Wald. Sentimentalität unter Tannen. Heute rollen ausgebrannte Städter auf der Suche nach Tiefenentspannung ihre Yogamatten in ihm aus.

Seit zwanzig Jahren führt Peter Wohlleben Menschen durch den Wald, zeigt, erklärt, erzählt. Zwanzig Jahre Marktforschung darüber, welchen Ton er anschlagen muss, damit die Wissensvermittlung funktioniert. Bei der trockenen Wissenschaftssprache jedenfalls, da schalten die meisten sofort ab. Menschen wollen Geschichten. Und Gefühle. Wohllebens rhetorische Vermenschlichungsstrategie ist lange erprobt.

In Wahrheit gibt Wohlleben den Deutschen nicht ihren Wald zurück. Er erklärt ihnen den Baum, damit sie den Wald besser verstehen. Er fragt nicht, wie die Romantiker und die Yogamattenausroller, was der Wald für unser Seelenheil tun kann, sondern was wir für den Wald tun können.

„Ich umarme keine Bäume, und ich spreche auch nicht mit ihnen“, sagt Wohlleben.

Kommunizieren Bäume wirklich miteinander?

Wie geschickt er wissenschaftliche Erkenntnisse in Alltagssprache übersetzt, wie sympathisch und souverän er das tut und mit welch feinem Sinn für Humor, demonstrierte Wohlleben in der Talkshow von Markus Lanz. Er saß am Rand der Runde, neben ihm der Kabarettist Hans-Joachim Heist, die Schauspielerin Renan Demirkan und der Politiker Thomas Oppermann. Lanz stellte Wohlleben, komplett in Grün gekleidet, ganz zum Schluss vor, als den „unkonventionellsten Förster Deutschlands“. Laut Ablaufplan sollte Wohlleben seine Geschichte als Letzter erzählen, doch Lanz fand Wohlleben so interessant, dass er ihm eine Frage nach der nächsten stellte. Die gesamte Runde tat das. Kommunizieren Bäume wirklich miteinander? Wie warnen sie sich vor gefährlichen Käfern? Ob die im Garten von Herrn Heist stehende Buche wirklich einsam sei? Haben Bäume ein Gedächtnis? Wohlleben antwortete, sprach von „knallharter Wissenschaft“, zitierte Studien. Für die Nachrichtenverbreitung sorgten Pilze. Pilze agierten wie die Glasfaserleitungen des Internets. „Sie durchziehen den ganzen Waldboden und leiten teilweise auch elektrische Signale weiter. Sie verteilen gleichzeitig auch Zuckerlösungen. Ein Teelöffel Walderde enthält mehrere Kilometer dieser hauchdünnen Fäden.“ „Wood Wide Web“ heißt diese Vernetzungsstruktur, ein Begriff aus der Wissenschaft, nicht von Wohlleben. Bäume, sagt er, könnten sogar zählen. Im März gebe es ja schon einige sehr warme Tage, aber die Bäume würden mit dem Austreiben trotzdem warten. Weshalb? Möglicher Spätfrost. „Die Technische Universität München hat festgestellt, dass die Bäume die Anzahl der Tage über zwanzig Grad zählen. Erst wenn eine bestimmte Anzahl überschritten ist, treiben sie aus.“ Die Lanz-Runde staunt: „Ach!“; „ne, jetzt!“, „echt?“; „wow!“; „das muss ich meinem Nachbarn sagen“.

Wohlleben ist kein Esoteriker, er ist ein Aufklärer.

Früher, als er noch bei der staatlichen Forstverwaltung arbeitete, war er ein Plantagenoptimierer. Seine Aufgabe im Getriebe der modernen Forstwirtschaft bestand darin, den Wald auszubeuten, die Rohstoffquelle mittels riesiger, alles platt walzender Erntemaschinen gewinnbringend zu nutzen. Bäume verwandelten sich in Wohllebens Kopf in verarbeitetes Holz. Täglich taxierte er Buchen, Fichten, Eichen oder Kiefern hinsichtlich ihres Vermarktungswerts. Er begutachtete den Wald wie ein Immobilienmakler ein Haus. Er prüfte die Stämme auf deren Krümmung, unterteilte sie in einzelne Abschnitte und attestierte ihnen A-, B- oder C-Qualität. Welche Bäume hatten das Zeug zu edlem Furnierholz? Welche taugten nur noch als Brennholz? Er sah in den Bäumen nicht, was sie waren, sondern was sie werden konnten.

Waldverjüngung bedeutet Kahlschlag

Ökonomisch betrachtet, besteht der größte Nachteil des Waldes in seiner Langsamkeit. Bis ein Baum richtig hochgewachsen ist, dauert es eine halbe Ewigkeit. Was die Natur so vorgesehen hat, passt nicht in die heutige Zeit, weshalb der Förster nachhilft und den von mächtigen Bäumen in Schach gehaltenen Jungbäumen mehr Licht verschafft, damit die Stämme schneller dick und erntereif werden. „Die Forstwirtschaft peilt ein Alter von 80 bis 120 Jahren an, dann werden die Bäume gefällt und verwertet. Unter natürlichen Verhältnissen sind die Bäume dann allerdings erst bleistiftdick und mannshoch“, sagt Wohlleben.

Waldverjüngung heißt die Abholzung offiziell. „Kahlschlag“, sagt Wohlleben. In seinem Wald undenkbar. Er nimmt den feinen Ast eines Jungbaumes zwischen die Finger. „Schauen Sie, der ist erst etwa um die hundert Jahre alt.“ Der Schlüssel zum Verständnis des existierenden Missverständnisses sei, dass die Öffentlichkeit die Informationen von den meist staatlichen Förstern bekämen. „Das ist in etwa so, als würde der Bauernverband über Tiergefühle sprechen. Dann würden wir auch alle denken, Massentierhaltung sei gut.“

Während er für den Staat arbeitete, litt Wohlleben darunter, dass Begriffe wie Effizienz, Flexibilität und Gewinnmaximierung seinen Umgang mit der Natur diktierten. Er wollte nicht länger auf der Seite der Waldzerstörer stehen, also begab er sich in den Kampf gegen die Forstverwaltung. Er ließ weniger Buchen fällen, als er sollte, ersetzte die schweren Erntemaschinen durch Pferde, kurz: Er ging nicht mehr mit der ihm befohlenen Brutalität gegen den Wald vor. 2006 kündigte er schließlich. Wohlleben, Jahrgang 1964, Ehemann und Vater zweier Kinder, war zwar kein Beamter mehr mit lebenslanger Absicherung für sich und seine Familie, aber er musste sich auch nicht weiter verbiegen.

Das alles hatte ihn aber so viel Kraft gekostet, dass er 2009 zusammenklappte. Panikattacken. Der Arzt diagnostizierte eine Erschöpfungsdepression. Der Ort, der für Entschleunigung steht, hatte sein Leben gefährlich beschleunigt.

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Er machte eine Psychotherapie, inzwischen gehe es ihm wieder gut, sagt er, sehr gut sogar. Sein jetziger Arbeitgeber, die Gemeinde Hümmel, ist wie er überzeugt, dass sanfte Waldnutzung und Gewinn einander nicht ausschließen. Wohlleben verantwortet 1200 Hektar Wald, wovon 23 Hektar Ruheforst sind. Auf diesem Waldfriedhof wurden schon über dreieinhalbtausend Menschen beerdigt. Ein Einzelurnengrab kostet etwa 500 Euro, an vielen Bäumen sind kleine Schilder mit Nummern befestigt, auf denen manchmal ein Name steht und manchmal keiner. Ein älterer Herr blickt sich ratlos um. Ob er helfen könne, fragt Wohlleben. Der Herr reicht ihm einen Zettel mit einer Nummer drauf. Wohlleben zeigt Richtung Westen und geht voran, der Mann stapft hinterher, dann ruft er: „Ach, da ist der Baum ja, danke!“

Später - Wohlleben sitzt zu Hause am Küchentisch, im Ofen knistert das Feuer, und durch die Fenster sieht man den Wald - checkt seine Frau bei amazon.de, auf welchem Platz sein Buch heute steht. Um die 39, sagt Wohlleben und macht eine wegwerfende Handbewegung, als sei diese Zahl nicht der Rede wert. Wie absurd das ist, weiß er selbst, aber seit dem großen Erfolg steht er ständig unter Strom. Wer ihm eine E-Mail schreibt, erhält eine automatische Antwort: „Aufgrund der überwältigenden Resonanz zu meinen Büchern komme ich momentan nicht dazu, jede E-Mail zeitnah zu beantworten. Es kann sogar passieren, dass einmal eine Nachricht im Getümmel verlorengeht. Bitte nehmen Sie mir das nicht übel. Ich bin ja hauptsächlich als Förster tätig und kümmere mich um die Wälder rund um Hümmel.“ Peter Wohlleben könnte jetzt auch durch die Republik reisen und jeden Abend irgendwo einen gutbezahlten Vortrag halten. Doch dazu fehlt ihm die Zeit. Außerdem wollen die Wohllebens an ihrem Leben nichts ändern, sie sind zufrieden. Das Geld, das der Bestseller bringt, soll in die Sanierung des Hauses fließen.

Peter Wohlleben glaubt ohnehin, dass in seinem Leben bald wieder Ruhe einkehrt. Der Hype müsse ja mal ein Ende haben. Heute ist die neue Spiegel-Bestsellerliste erschienen. Sein Buch steht auf Platz zwei.

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