Home
http://www.faz.net/-gqz-74jx5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Sachbücher des Jahres

Im verbissenen System Die albernen Piraten

Für uns Piraten gehört ein bisschen Spaß zur Politik. Ja, die gewisse Prise Albernheit zählt sogar zu unseren Grundwerten. Und das ist gut so.

© dapd Vergrößern Auch auf dem Parteitag in Bochum wieder mit dabei: die Splittergruppe der Playmobil-Piraten

In einer repräsentativen Demokratie sollen Politiker das Volk nicht nur vertreten, sondern auch repräsentieren. Im Idealfall wäre der Bundestag ein Querschnitt der Bevölkerung. Leider ist dem nicht so. Trotz Quoten gibt es deutlich mehr Männer als Frauen im Parlament, und auch der Anteil an Abgeordneten mit Migrationshintergrund ist deutlich zu niedrig.

Angesichts dieser Missstände fällt es kaum auf, dass Politiker noch etwas ganz anderes nicht repräsentieren: Menschen mit all ihren Facetten. Politiker sind trocken, effizient, ernst. Menschen sind aber nicht nur Homines Oeconomici, sie sind eben auch gern kreativ. Menschen lachen. Politiker lächeln höchstens. Auch über das, was in der Politik passiert, möchte man zuweilen lachen, wäre es nur nicht oft so traurig.

Für Piraten gehört das ganze Jahr über auch ein bisschen Spaß zur Politik. Denn die gewisse Prise Albernheit zählt zu den Grundwerten der Partei. Das zeigte sich schon bei der Gründung, die im Berliner Hackerspace C-Base stattfand - der nicht nur die Zentrale des Chaos Computer Clubs, sondern laut Legende das Überbleibsel eines gestrandeten Raumschiffs ist.

Was die Öffentlichkeit wahrnimmt

Eine Zeichentrickserie mit regenbogenbunten Ponys ist Kult unter den Mitgliedern, sie wird bei Parteitagen ausgestrahlt, um überhitzte Gemüter zu beruhigen, ziert Profilseiten und dient für immer neue Memes im Internet. Piraten lieben Memes, diese kurzen Insider-Witze zu einem bestimmten Stichwort. Egal ob es darum geht, Wahlkampfslogans zu veralbern, Promi-Posen nachzuahmen oder liebevolle Wortschöpfungen zu kreieren. „Seriöslichkeit“ ist eine dieser Wortschöpfungen. Sie bezeichnet unter anderem die übertriebene, aufgesetzte Ernsthaftigkeit vieler Politiker.

Die mittlerweile zu Berufspolitikern gewählten Piratinnen und Piraten pflegen weiterhin ihre eigene Kultur. Sie bringen statt der verbotenen Laptops Schreibmaschinen mit und twittern Tiernamen. Was keineswegs zu Lasten ihrer inhaltlichen Arbeit geht. Wenn das aber das Einzige ist, was in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, sagt das mehr über die Öffentlichkeit als über diese neuen Politikerinnen und Politiker aus.

Es heißt oft, die Piratenpartei würde vor allem von Protestwählern gewählt. Normalerweise dafür genutzt, einen legitimen Wahlwunsch zu diffamieren, trifft dieser Begriff in Sachen „Seriöslichkeit“ mit Sicherheit zu. Wer Piraten wählt, protestiert damit auch gegen Politik und Politiker, die so gar nichts Menschliches mehr haben.

„Zeitreisen Realität werden lassen“

Dieser Schuss Albernheit wird aber nicht den Wählerinnen und Wählern zugunsten aufrechterhalten, von einer Partei, die selbst langsam erwachsen wird. Im Gegenteil, er erfüllt für die immer noch junge Piratenpartei essentielle Funktionen. Der Humor hat eine identitätsstiftende Wirkung, die besonders wichtig ist, wenn die eigene Position zu vielen Themen noch unklar ist.

Und er bietet einen Schutzschild gegen den rauhen Wind, der in der „großen“ Politik herrscht. Oft genug wurde proklamiert, dass es mit dem Welpenschutz für die Piraten vorbei sei, die Angriffe der politischen Gegner sind hart und nicht immer herzlich. Aber auch innerhalb der Piratenpartei gibt es mittlerweile einige, die den „echten“ Politikern in nichts nachstehen möchten und sich mit Verve auf missliebige Parteikollegen, gern auch Kolleginnen, stürzen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Pegida-Demonstrationen Wer regiert, verändert sich

Nicht nur in Dresden tragen Bürger ihren Missfallen gegen das politische System auf die Straße. Das fordert den Rechtsstaat heraus. Doch er hat schon bewiesen, dass er solches Unbehagen aufnehmen und sich ändern kann. Ein Kommentar. Mehr Von Reinhard Müller

16.12.2014, 13:36 Uhr | Politik
Verliebt in virtuelle Partner

Romantische Interaktionen von Mensch und Computer bieten sogenannte Dating-Sims. Nirgendwo auf der Welt sind diese gefühlsbetonten Spiele so erfolgreich wie in Japan. In Love Plus der tragbaren Spielekonsole Nintendo DS kann der Spieler sich von virtuellen Schulmädchen durch sein Leben begleiten lassen. Mehr

19.08.2014, 11:02 Uhr | Gesellschaft
Die Risiken der Legalisierung Kiffen für die Freiheit

Ein Bezirk in Köln will, dass Cannabis legal verkauft wird. Denn viele Grüne halten die Droge für ungefährlich – und wissen dabei eine breit aufgestellte Legalisierungsbewegung hinter sich. Doch Sie irren. Mehr Von Reiner Burger

18.12.2014, 19:40 Uhr | Politik
Keine Waffen im Theater von Donezk

Bei der Wiedereröffnung des Theaters von Donezk lachen Ukrainer und prorussische Rebellen gemeinsam und friedlich zu Gogols Komödie Heirat" - und vergessen für knapp drei Stunden die Tragödie, die sich in ihrer Stadt abspielt. Mehr

14.10.2014, 11:49 Uhr | Feuilleton
Die CSU und ihr Deutsch-Zwang Tiefflug über die Stammtische

Die CSU debattiert darüber, wo Ausländer deutsch sprechen sollen. Zuhause? In der Öffentlichkeit? Oder nur im täglichen Leben? Vom frühen Ende eines umstrittenen Satzes. Mehr Von Eckart Lohse, Berlin

08.12.2014, 17:05 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 23.11.2012, 16:35 Uhr

German, please

Von Michael Hanfeld

Wird die Deutsche Welle bald ausschließlich auf Englisch senden? Alle schütteln den Kopf. Peter Limbourg gibt genügend Grund für viele Fragen - aber auch für eine Antwort: Die Deutsche Welle spricht die Sprache des Geldes. Mehr 4