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Im Kino: Tim Burtons „Frankenweenie“ Freiwillig in die Fänge der Gedankenpolizei

Dreißig Jahre können einer guten Idee nichts anhaben: Tim Burton Trickfilm „Frankenweenie“, der einen Oscar durchaus verdienen würde.

© dapd Vergrößern Produkt einer tiefen Zuneigung: Tim Burtons Victor Frankenstein und Sparky.

Dieses Werk ist für einen Oscar nominiert. Und träte es in der Kategorie „Langer Animationsfilm“ nicht gegen „Brave“ (in Deutschland „Merida“ betitelt) des Pixar-Studios mit dessen reichlich bemühter, aber natürlich zugkräftiger Genderthematik in historisch-mythischer Verkleidung an, so könnte niemand Tim Burton seinen ersten Oscar nehmen.

Andreas Platthaus Folgen:    

So wäre es auch gerecht, denn Burton hat als einer der stilprägenden und zugleich in seiner Ästhetik unbeirrbaren amerikanischen Regisseure längst die höchste Auszeichnung verdient, die Hollywood zu vergeben hat. Und „Frankenweenie“ ist der beste abendfüllende Trickfilm des vergangenen Jahres. Davon kann man sich von jetzt an in den deutschen Kinos überzeugen.

Ohne überflüssige Mätzchen

Es ist ein Film, der gegen fast alles verstößt, was heute im Animationsgewerbe Erfolg verspricht. Er ist schwarzweiß und in Stop-Motion-Technik hergestellt, also nicht computeranimiert, sondern mittels Einzelaufnahmen von Puppen, deren Haltung für jedes Bild um eine Winzigkeit verändert wird, um die Illusion von Bewegung zu erzeugen. Er setzt keine Serie fort oder benutzt bereits populäre Figuren, sondern ist das Produkt einer tiefen Zuneigung von Tim Burton für das Horrorkino der dreißiger bis fünfziger Jahre. Also ist er auch nicht niedlich. Aber das kann man von einem Tim-Burton-Film ohnehin nicht erwarten.

Immerhin kommt „Frankenweenie“ in 3D-Technik ins Kino. Das ist überflüssig, aber nach dem sensationellen Kassenergebnis von Burtons „Alice im Wunderland“ (2010) konnte man dieses Zugeständnis an die Kinobetreiber wohl kaum vermeiden. Es spricht für den Regisseur, dass er aber keine überflüssigen Mätzchen eingebaut hat, um die Möglichkeiten räumlicher Projektion auszureizen. Burton erzählt ohne Zugeständnisse an den Zeitgeschmack eine Geschichte, die er schon vor dreißig Jahren geschrieben hat, als noch kein Mensch in Hollywood Gedanken an 3D verschwendete.

Monsterfilm in Super-8

Um das zu belegen, reicht ein Vergleich jenes nur halbstündigen Films namens „Frankenweenie“, den Burton 1985 gedreht hat (der aber nie ins Kino kam), mit dem neuen Werk gleichen Namens. Es ist der gleiche Film, nur dass vor 28 Jahren mit echten Darstellern gedreht wurde, weil das billiger war als ein komplett animierter Film. Damals stand Burton als Animator in den Diensten des Disney-Studios, das leider seine talentiertesten jungen Mitarbeiter (neben Burton auch John Lasseter, den heutigen Pixar-Chef) rasch vergraulte.

Die Neufassung von „Frankenweenie“ ist allerdings wieder bei Disney produziert worden, was einen simplen Grund hat, den Burton schon 1995 etwas drastisch so beschrieb: „Wenn man bei Disney angestellt ist, muss man einen Vertrag unterschreiben, in dem steht, dass jeder Gedanke, den man während der Arbeit hat, Eigentum der Gedankenpolizei ist.“

“Frankenweenie“ war ein extrem guter Gedanke, und deshalb arbeitet Burton nun wieder einmal mit der Gedankenpolizei zusammen. Die Handlung ist schlicht: Ein junger Filmfan mit dem einschlägigen Namen Victor Frankenstein dreht mit seinem Hund Sparky als Hauptdarsteller einen Super-8-Monsterfilm. Man kann in dem blassen, nur in seiner Phantasiewelt lebenden Victor ein Selbstporträt von Burton als Schüler sehen, der selbst mehrere Hunde und ein Faible fürs Kino hatte. Schon kurz nach Beginn des Films wird Sparky auf der Straße überfahren, doch Victor holt ihn mittels der Energie eines Gewitters unter die Lebenden zurück. Nur findet die durch Nähte mühsam zusammengehaltene Kreatur nicht das Vertrauen der Nachbarschaft, und es beginnt eine wilde Jagd auf den harmlosen Hund.

Die Burton-Filmfamilie ist dabei

Dieser Teil der Geschichte stammt von 1985, doch um einen jetzt beinahe anderthalbstündigen Film zu füllen, hat der Drehbuchautor Leonard Ripps das ursprüngliche Konzept von Burton um einen Seitenstrang erweitert, der Victors Schulklasse einführt.

In ihr nimmt ein neuer Biologielehrer seine Tätigkeit auf, Mr Rzykruski, der als unverkennbare Hommage an den legendären Horrordarsteller Vincent Price gestaltet ist, allerdings im amerikanischen Original von Martin Landau gesprochen wird. Er gehört zur Burton-Filmfamilie, mit der der Regisseur immer wieder dreht, wie auch Winona Ryder, die als Stimme von Victors Mitschülerin Elsa Van Helsing auftritt. Man sieht auch an diesem Rollennamen, wie munter sich Burton aller Versatzstücke des Horrorgenres bedient.

Schwarzromantische Poesie

Unter dem Einfluss des gegen alle moralischen Bedenken nur der Wissenschaft verpflichteten Lehrers wird die ganze Klasse zu begeisterten Jungforschern und erkennt bald, dass Victors Entdeckung Ruhm und Ehre verspricht. Also werden nun munter weitere tote Haustiere wiederbelebt, und die sorgen für gehörige Unruhe auf dem jährlichen Stadtfest. Während ansonsten die Kulissen fast identisch aus dem alten „Frankenweenie“ übernommen wurden, ist hier Platz für exzessive Effekte, die dann doch einen Gegenwert für den 3D-Zuschlag an der Kinokasse zu bieten versuchen. Aber alle diese aufwendigen Szenen gibt man mit Freuden hin für jeden einzelnen Auftritt des misanthropen Rzykruski.

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Ja, in einer besseren Filmwelt würde diese Liebeserklärung mit dem Oscar belohnt. Aber es ist schön genug, dass parallel zu Quentin Tarantinos „Django Unchained“ mit „Frankenweenie“ eine weitere Genre-Hommage den Weg auf die Leinwand findet, die sich zu den süßen Verlockungen eines Kinos bekennt, das nie mehr sein wollte als Unterhaltung und gerade dadurch nachhaltig fasziniert. Tarantino fügte dem Ganzen sarkastische Ironie hinzu, Tim Burton hält es mit schwarzromantischer Poesie. Eine Großtat ist auch sein Film.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 24.01.2013, 17:10 Uhr

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