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Im Kino: „Paradies: Liebe“ Abenteuer für Sugarmama

Für den Film „Paradies: Liebe“ erfindet Regisseur Ulrich Seidl seine wohl stärkste Heldin. Ihre Suche nach Glück führt die Sextouristin Teresa nicht in den Himmel.

© picture alliance/dpa Vergrößern Teresa (Margarethe Tiesel, mit Strohhut) am Strand von Kenia: Sie sucht Zärtlichkeit, wo sie nur sexuelle Dienstleistungen erwarten kann

Für die Nuancen der Zärtlichkeit gibt es nur ein unzureichendes internationales Idiom. „Tatschi, tatschi“, sagt die österreichische Touristin Teresa zu Gabriel, einem kenianischen Mann, mit dem sie auf einem Bett liegt. Teresa möchte berührt werden, allerdings nicht grob, sondern so, wie es ein Verführer vielleicht tun würde. Doch die Situation ist nicht danach, denn es geht um ein Geschäft.

Gabriel bietet Sex, nicht Liebe; er möchte zur Sache kommen, nicht lange anbahnen. Teresa hingegen möchte noch einmal erleben, wie es ist, wenn ein Mann sich um sie sexuell bemüht. Sie möchte spüren, wie die Hände und die Lippen wandern, wie ihr Körper erkundet wird, wie sie sich attraktiv fühlen könnte, so attraktiv, wie sie als junge Frau war. Am Ende dieser Szene in Ulrich Seidls Film „Paradies: Liebe“ liegt Teresa unter einem Moskitonetz und schläft - ein Fleischberg aus einer Wohlstandsnation, den die Ironien des modernen Tourismus in ein stickiges Zimmer in einem afrikanischen Dorf versetzt haben. Ob die Zärtlichkeiten von Erfolg gekrönt waren, verliert sich im Inneren dieses Körpers, den allein Seidl in diesem Moment zeigt.

Es ist eine Pose, die ebenso sehr von der glücklichen Erschöpfung nach dem Orgasmus zeugt wie von dem Stilwillen des Regisseurs, der seine Protagonistin hier so zeigt, wie sie auf einem alten Gemälde erscheinen könnte. Doch von unschuldiger Nacktheit ist das Bild weit entfernt. Wenn Ulrich Seidl einen Film oder gleich eine ganze Trilogie über das Paradies macht, dann ist die Hölle erwartungsgemäß nicht weit. In dem Ferienresort in Kenia hat der Österreicher unter der tropischen Sonne neuerlich das gefunden, was seit seinem Spielfilmdebüt „Hundstage“ seinen erzählerischen Kosmos durchwirkt: drastische Bilder der menschlichen Hinfälligkeit und Unvollkommenheit.

Umkehrung geläufiger Machtverhältnisse

Allerdings ist an „Paradies: Liebe“ eine leichte Verschiebung weg vom Prinzipiellen und hin zu einer eingehenderen Beobachtung von Figuren und Konstellationen zu erkennen. Das hat zuerst einmal mit der Hauptdarstellerin und mit der Konzentration des Regisseurs auf sie zu tun. Margarethe Tiesel spielt Teresa, und sie schafft dabei eine höchst überzeugende Identifikationsfigur über die Geschlechtergrenze hinweg. Denn das, was in „Paradies: Liebe“ ja implizit auch erzählt wird, ist eine Umkehrung geläufiger Machtverhältnisse. Frauen holen nach, was Männer sich immer schon geholt haben. Ulrich Seidl macht dies in einer Szene deutlich, in der Teresa von drei Bekannten einen Mann „geschenkt“ bekommt: „Der g’hört jetzt dir.“ Zu viert spielen die Frauen mit diesem Objekt der Begierde, dessen Geschlecht mit einer Schleife geschmückt ist. Die schwache Erektion bezieht Teresa unmittelbar auf sich selbst zurück: Sie ist eben nicht attraktiv genug.

In allen Spielfilmen, die Seidl bisher gedreht hat, gibt es eine vergleichbare „Ritualszene“, in der Sex zu einer Inszenierung der „tierischen Liebe“ wird, wie er sie in seinem zentralen Dokumentarfilm verhandelt hat. Wenn ein Mann eine Frau mit entblößtem Gesäß und in Hündchenstellung dazu zwingt, die österreichische Bundeshymne abzusingen (wie in „Hundstage“) oder ein anderer Mann eine ukrainische Prostituierte und seinen jüngeren Begleiter gleich mit dazu demütigt (wie in „Import Export“), dann steht immer diese Differenz auf dem Spiel, die aus dem Menschen ein besonderes Wesen macht (und aus Sex mehr als nur Gerammel).

Eine moderne Erlösungsgeschichte

Seidl zeigt in „Paradies: Liebe“ einmal mehr eingehend die Schattenseiten dieser Differenz, die vor allem darin liegen, dass zum Körper ein unglückliches Bewusstsein gehört. Teresa unterscheidet sich von ihren Freundinnen allerdings dadurch, dass sie skeptisch, aber auch unbeirrt herauszufinden versucht, welches Glück in Afrika für sie finanziell drin ist. Seidl versieht diese Suche mit einer Reihe von kolonialen und anthropologischen Signalen, von denen vor allem das Affen-Motiv ebenso subtil wie anstößig ist: „Paradies: Liebe“ wird vor diesem Hintergrund als moderne Erlösungsgeschichte erkennbar, als Versuch, der Evolution ein Schnippchen zu schlagen. Der Sündenfall lässt sich aber nicht mit einem Pauschalangebot tilgen, denn dieses schafft gleichermaßen Glück und Unglück.

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Wie die meisten anderen Filme von Ulrich Seidl hat auch „Paradies: Liebe“ einen Hang ins Gleichnishafte. Aber die genau komponierten Bilder, in denen der Tourismus in Kenia zu einem Sinnbild globaler Machtverhältnisse wird (mit Soldaten, die das Gleichgewicht des Schreckens zwischen den geröteten Körpern und den aggressiven Souvenirhändlern bewachen), erschöpfen sich hier nicht in sich selbst. Das hat damit zu tun, dass Teresa die vielleicht stärkste Protagonistin ist, die Seidl jemals gefilmt hat. Sie ist stark gerade auch in ihrem Leiden an sich selbst, in ihrer Beschränktheit, in ihrer Abhängigkeit von einem Phallus, dessen symbolische Ordnung hier (natur)historisch und geopolitisch durchkreuzt wird.

Teresa ist eine anstößige, aber auch berührende Heldin, weil ihre Darstellerin Margarethe Tiesel nicht sich selbst entblößt, sondern die Conditio humana sichtbar macht: Das Paradies hat eine welke Haut. Wer „tatschi, tatschi“ macht, berührt die Hölle.

Quelle: F.A.Z.

 
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