27.06.2009 · Wir erleben, wie einer der größten Hirnforscher der Gegenwart sein jüdisches „Wiener Erbe“ nach siebzig Jahren bewältigt, und begleiten ihn bei seinen Ausgrabungen des neuronalen Fundaments von Gedächtnisleistungen. Ein dokumentarisches Meisterwerk der Wissenschaftsgeschichte.
Von Joachim Müller-JungDieser Film enthält schon in den allerersten Sekunden ein Versprechen, ein geradezu unheimliches Versprechen: Wenn du diesen Saal verlässt und das hier angesehen hast, bist du nicht mehr derselbe, der du warst. Das wäre nichts Besonderes, wenn es nur darum ginge, nach der Betrachtung das Gesehene zu reflektieren. Dazu fordert die Kunst unentwegt auf. In dem Filmporträt des Nobelpreisträgers Eric Kandel aber ist die Verwandlung, die Metamorphose des Geistes, buchstäblich gemeint, und man lernt schnell, dass das keine leeren Worte sind. Man sieht auf die Leinwand und sieht der Natur bei ihrem Handwerk zu: Hirndesign.
Der Film, lässt uns der aus Wien stammende und in New York aufgewachsene Hirnforscher wissen, wird deine Gene im Gehirn aktivieren und dessen Anatomie möglicherweise für alle Zeiten verändern, bei denen einen mehr, bei den anderen weniger. Müssen wir das glauben? Wir dürfen es. Und diese autobiographische Dokumentation, verwirklicht nach dem gleichnamigen Buch „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“ von der deutschen Regisseurin Petra Seeger, macht diese Erkundungen im Gehirn zu einem phantastischen, zu Herzen gehenden Kinoerlebnis.
Bananen, Fisch und Joghurt - und der Seehase
Das Leben des Neurobiologen Eric Kandel ist dafür wie gemacht. Auch das wird schnell klar. Der hagere Mann mit dem herzhaften Lachen, ein Energiebündel mit Faible für Bananen, Fisch und Joghurt und einer fast schon manischen Liebe zur Kunst, er hat im Grunde viele Leben in einem zu bieten. Da ist einmal das Leben eines der erfolgreichsten und schillerndsten Naturwissenschaftler der Gegenwart. Nicht das eines geborenen Naturforschers. Erst nach dem fast schon zufälligen Übertritt von seinen literarisch-historischen Studien in Harvard zur Psychologie kam Kandel zur Hirnforschung. Mit seinen Experimenten an einer mächtigen Meeresschnecke, dem kalifonischen „Seehasen“, hat er die Mechanismen an und in den Kontaktstellen der Nervenzellen – den Synapsen – entschlüsselt und damit das Basiswissen für Kurz- und Langzeitgedächtnis gelegt. Im Jahr 2000 erhielt er dafür den Medizin-Nobelpreis.
Da ist aber auch der andere Kandel, der verfolgte Wiener Jude aus der „unteren Mittelschicht“, der alles andere als gläubig ist und doch ganz konsequent die jüdische Kultur pflegt. Der es liebt, Pessach im Kreise seiner Kinder und Enkel zu feiern, der Jiddisch spricht, Synagogen besucht und hebräische Lieder singt. Und der am Ende irgendwie widerwillig, aber dann doch glücklich zu seiner Heimat Wien, aus der er vor den Antisemiten und Nazis fliehen musste, zurückfindet.
Wiener Erinnerungen
Diese schwebende jüdische Identität und ihre Erinnerungen daran sind es, die den Faden des Films bilden: Kandel und seine französische Frau Denise, ebenfalls Jüdin, wurden als kleine Kinder Ende der dreißiger Jahre von den schrecklichen Begegnungen mit Nazis und ihren Bedrohungen traumatisiert. Ihm nehmen Gestapo und die Wiener Antisemiten sein glänzend blaues, ferngesteuertes Modellauto, sie muss sich vor den Schergen in einem Klostertunnel verstecken, den die oberste Ordensschwester gegraben hat. Beide fliehen nach New York, sie lernen sich kennen und meistern Familie und Karriere, bis sie schließlich im Zuge der Dreharbeiten zu dem Film ihre, wie Kandel sagt, „Heilung“ erleben.
Die Begegnungen mit seinen Wiener Erinnerungen werden für ihn mit dem Handschlag des österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer zur Erlösung. Für Kandel ein Deja-vu. Als Wiener Schuljunge litt er an einer Dunkelphobie. Schlagartig war die verschwunden, als Mitzi, die Haushälterin, die ihm so ans Herz gewachsen war, ihn ins Kino nahm. Sein Gehirn hatte die Angst vor der Dunkelheit mit dem Kinoglück besiegt. Siebzig Jahre später schließt sich der Kreis, Kandel fährt tief gerührt durch das nächtliche Wien und fühlt sich erneut erlöst. Heute ist er wieder in der österreichischen Forschung engagiert und ein glücklicher Wiener Jude.
Eine anrührende und faszinierende Dokumentation
Regisseurin Seeger dürfte mit ihren Dreharbeiten einiges zu dieser persönlichen Heilung beigetragen haben. Diese Sensibilität, das Anrührende, ist der eine bleibende Eindruck dieser Dokumentation. Die anderen großen Stärken sind die Leichtigkeit, mit der die zwei, drei großen wissenschaftlichen Ideen Kandels dem Publikum vermittelt werden (Eric Kandel im Gespräch: Wir verbessern uns) Das Wissen des Hirnforschers und seine spannende, mitunter aber auch frustrierende Laborarbeit werden klug in die Erinnerungen eingebettet. Wir sehen den Forschern praktisch im Labor auf die Finger, bekommen unglaubliche Aufnahmen von auswachsenden sensorischen Nervenzellen zu sehen und betrachten so quasi unser eigenes Gehirn beim Denken und Werden. Näher dran geht kaum. Nur mit Leidenschaft werden die Dinge interessant, sagt einer aus Kandels junger Truppe. Ein Satz, der nur von einem großen Vorbild stammen kann.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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