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Im Kino: „Das bessere Leben“ : Wünsche einer Frau in den besten Jahren

Für das, was ihr fehlt, ist eine Zigarette kein Ersatz: Juliette Binoche als Reporterin Anne in Malgoska Szumowskas Film Bild: Zorro Film

Der Zauber wirkt: In „Das bessere Leben“ spielt Juliette Binoche eine Journalistin, die Pariser Prostituierte interviewt - eine große Studie über Sehnsucht und Einsamkeit.

          Wenn eine Schauspielerin altert, legt sie nicht, wie andere Menschen, die Bilder ihrer Jugend in Fotoalben und Computerdateien ab. Sie bleibt von ihnen umstellt. Die Filme, in denen sie gespielt hat, mit zwanzig, mit dreißig, sind immer da, auf DVD, im Internet, im Fernsehen, die alten, ewig jungen Gesichter tauchen stets wieder auf. Für manche Schauspielerinnen ist das eine schreckliche Heimsuchung, eine Art Wettlauf mit sich selbst, den sie nicht gewinnen können. Mit Botox-Spritzen und Make-up versuchen sie, wenigstens den Abstand zu verkürzen; statt dessen wird er noch größer. Am Ende hilft nur Vergessen. Die greise Marlene Dietrich, heißt es, wollte von ihrer großen Zeit nichts mehr hören; es gebe keinen größeren Schmerz, pflegte sie mit einem Dante-Zitat zu sagen, als sich im Elend ans eigene Glück zu erinnern.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das alles, scheint es, wird Juliette Binoche nicht passieren. Noch immer nämlich sieht sie, wenn sie will, genauso mädchenhaft rein und unschuldig aus wie vor zwanzig und mehr Jahren, als sie als Teresa in der „Unerträglichen Leichtigkeit des Seins“, als Michèle in „Die Liebenden von Pont-Neuf“ und als Anna in Louis Malles „Verhängnis“ ins Licht des Kinos trat. Andererseits kann sie ebenso überzeugend Mutterrollen wie in Michael Hanekes „Caché“ oder Cédric Klapischs „So ist Paris“ verkörpern, Figuren, in denen sie sich mit einem Ruck eine Generation älter macht, als sie es gerade noch war.

          Im Duell mit dem Betrachter

          In Abbas Kiarostamis „Die Liebesfälscher“, ihrem letzten großen Film, war sie beides, Mutter und Liebende, und vielleicht hatte das Flirren und Zittern der Geschichte auch damit zu tun, dass sie selbst zwischen den Rollentypen schwankte, zwischen backfischhafter Koketterie und überlegener Reife. Von Unsicherheit oder Misstrauen gegenüber der eigenen Wirkung aber war in diesem Auftritt nichts zu spüren; Juliette Binoche spielte ihren Filmpartner, ihr Kostüm, ihren iranischen Regisseur und sogar die Toskana-Kulisse mühelos an die Wand.

          Das Filmplakat zu Malgoska Szumowskas „Das bessere Leben“ (“Elles“) zeigt die französische Schauspielerin jetzt in ungewohnter Pose. Den Kopf zurückgeworfen, die Schultern entblößt, die geschminkten Lippen vorgewölbt, scheint sie das Cocktailkleid, das sie trägt, abwerfen zu wollen, um den Betrachter nackt zum Duell zu fordern. Es ist, wie viele Plakatmotive, ein falsches Versprechen, denn Anne, die Pariser Hausfrau und Journalistin, der Juliette Binoche in Szumowskas Film ihre Erscheinung leiht, ist alles andere als eine erotische Abenteurerin; und doch enthält das Bild einen Schimmer von Wahrheit. Es zeigt jene Person, die Anne gern sein würde, eine starke, unabhängige Frau, die das bessere Leben hätte, das die Journalistin in ihrer Pariser Luxuswohnung mit Ehemann und Kindern nicht hat.

          Sie spielt alle an die Wand: Juliette Binoche Bilderstrecke
          Sie spielt alle an die Wand: Juliette Binoche :

          Der Film erzählt die Geschichte einer Recherche. Anne hat für ein Frauenmagazin zwei Studentinnen interviewt, die sich für ihren Lebensunterhalt prostituieren; während sie die Aufnahmen abtippt, zeigt die Kamera zum einen die Gespräche, die teils im Park, teils im Hotel stattfinden, zum anderen das, wovon Charlotte und Alicja berichten: Sex mit Freiern jeglichen Alters und Charakters, Sex vor dem Spiegel, im Bad, im Büro, Sex als Hingabe und Vergewaltigung. Und dann wieder Annes Gesicht vor dem Computer, ihre Wege durch die leere Wohnung, ihre Einkäufe für den Abend, an dem sie den Chef ihres Mannes bewirten soll, ihre Telefonate mit der Magazinredaktion. Und zwischendrin, erst verstohlen, dann immer offener, Andeutungen eines Kampfes, den Anne mit ihren eigenen Wünschen austrägt, der Sehnsucht, Teil dessen zu sein, was die beiden Frauen erleben, und dem Abscheu vor der Vorstellung, sich selbst als Ware anzubieten auf dem Markt der Körper.

          “Das bessere Leben“ funktioniert wie ein Mobile: Szenen, Zeiten, Schauplätze wirbeln durcheinander, mal ist die Kamera Voyeur, mal Chronist, mal vergießen die Frauen Tränen der Demütigung, mal halten sie einander lachend im Arm. Diese Sprunghaftigkeit ist auch die Schwäche des Films: Er hat keine Haltung zu dem, was er zeigt. Alicja (Joanna Kulig) ist einerseits das luxuriöse Luder, andererseits die brave Tochter, die ihrer polnischen Mutter (Krystyna Janda) gern den Traum vom bürgerlichen Leben in Frankreich erfüllen würde.

          Der Film scheitert nicht - dank Binoche

          Charlotte (Anaïs Demoustier) schämt sich ihrer proletarischen Herkunft, scheut aber auch den sozialen Aufstieg, den Anne ihr zaghaft anbietet. Es ist, als hätten die Polin Szumowska und ihre dänische Drehbuchautorin Tine Byrckel einen Frauenfilm für jene Klientel drehen wollen, für die ihre Heldin das Abendessen kocht, Pseudoliberale, die die Emanzipation auf den Lippen und die Pornobildchen im Laptop haben.

          Man könnte „Das bessere Leben“ also zu den vielen anderen gescheiterten Versuchen legen, Buñuels „Belle de jour“ und Godards „Vivre sa vie“ filmisch zu aktualisieren - wäre da nicht Juliette Binoche. Aus der mageren Skizze, die der Film ihr hinwirft, macht sie eine große Studie über bürgerliche Sehnsucht und Einsamkeit. Wenn sie in ihrer Küche Austern knackt oder neben der Waschmaschine masturbiert, denkt man nicht an die bourgeoisen Karikaturen der französischen Kinokomödien, sondern an die Frauenfiguren eines Max Ophüls, die im Schmerz jene Erfüllung suchten, welche ihnen in der Liebe nicht vergönnt war. Am Ende sieht Anne statt ihrer Gäste die Freier ihrer Interviewpartnerinnen vor sich am Tisch sitzen. Da läuft sie aus ihrer Wohnung auf die nächtliche Straße. „Die Nacht ist jung“ hieß ein Film mit Juliette Binoche aus den achtziger Jahren. Ihr Zauber, das ist sicher, wirkt immer noch.

          Quelle: F.A.Z.

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