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Im Kartäuserkloster Hier ist Raum für die große Stille geschaffen

23.12.2011 ·  Inmitten der rasenden Welt das Kreuz der Einsamkeit tragen: Der österreichische Architekt Matthias Mulitzer arbeitet für die verschwiegensten Bauherren der Welt: Er plant Klöster für Eremitenorden.

Von Hannes Hintermeier
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© Petra Steiner Drei Farben Weiß: die Bethlehem-Schwestern auf dem Weg in die Kapelle

Seit einem Vierteljahrhundert fährt Matthias Mulitzer hier hinauf. Früher alle zwei Wochen, seit einiger Zeit einmal im Monat. Er ist in Sichtweite geboren, in Goldegg, „dem schönsten Ort der ganzen Gegend“, sagt Mulitzer - schön, weil nicht verschandelt. Unten im Luftkurort St. Veit ist ein „Thomas-Bernhard-Wanderweg“ ausgeschildert, weil der Schriftsteller hier im Lungensanatorium viele Monate zubrachte, sein Blick auf das Heukareck ist im Memoirenband „Die Kälte“ verewigt. Mächtig ragt im Westen das Kitzsteinhorn auf, im Osten liegen die Skiberge Wagrains und der allesverschlingenden Skiwelt Amadé. Nach Süden öffnet sich das Großarltal, und tief im lichtlosen Grund fließt die winterklamme Salzach.

Ein Sturm hat die Bergfichten umgemäht, nun liegt das Kloster „Maria im Paradies“ ohne Sichtschutz von oben da. Umso deutlicher erschließt sich die kongeniale Idee des Architekten, die Anlage in eine Mulde zu ducken, sie ans Gelände zu schmiegen. Die drei Zellenreihen formen einen sanften Bogen. Das Ensemble vermittelt Leichtigkeit, hat beinahe etwas Verspieltes - trotz der Strenge und Kompaktheit wirkt es filigran. Als wäre es eins mit dem Berg. Nur der Klang der Turmglocke schwingt in die Stille. „Der Wald wird sich das Kloster irgendwann wiederholen“, sagt Matthias Mulitzer voraus.

Die Anfänge des Ordenslebens auf der Kinderalm waren von Entbehrungen geprägt. Ein paar zugige Hütten hatten im ehemaligen Lungensanatorium als Liegestätten gedient. Notdürftig winterfest gemacht, überlebten darin die ersten Schwestern die schneereiche Zeit. Eine Ahnung davon kann man heute noch im Unteren Haus bekommen, jenem Bereich des Klosters, der Laien den Zutritt gestattet. Dort können Besucher und Familienangehörige für ein paar Tage Einkehr halten. Eine dunkle Kapelle, simpel wie eine Baracke verbrettert, dient der Sammlung. Aus der Decke hängt das Glockenseil, das eine lautlos aus dem Dämmer auftauchende Schwester mit ganzem Körpereinsatz in Bewegung setzt. Betschemel stehen da, drei Gläubige knien oder liegen flach auf dem Boden, lebensgroße Ikonen verweisen auf die Tradition der Orthodoxie.

Ein paar hundert Meter bergauf dann die dunkel gebeizte Pforte zum Klausurbereich: Das Gelände ist zur Gänze von einem hohen Maschendrahtzaun umgeben, Schutz von außen wie innen, heißt es: Schaulustige würden sonst ungehemmt ins Kloster strömen, ein Leben nach der Ordensregel wäre nicht mehr möglich. Als sich die 1960 als Orden anerkannten Monialen von Bethlehem 1984 auf der Kinderalm ansiedelten, gab es im Tal Widerstand aus der Politik und von Seiten des Naturschutzes. Wieso mitten im Wald, reine Kontemplation, kein karitativer Einsatz - so und ähnlich lauteten die Einwände. Die Rodung von 0,7 Hektar Bergwald, vor der Baugenehmigung ein komplizierter Grundstückstausch, lange Rechtsstreitigkeiten - daran erinnert sich der Architekt. „Es war gut, dass wir diese Widerstände überwinden konnten mit der Kraft unserer Argumente. So waren am Ende alle wirklich überzeugt, und das ist immer besser.“

Seit Kaiser Joseph II. gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts im Zuge der Aufklärung die damals bestehenden dreiundzwanzig Kartausen im Land aufhob, ist die Kinderalm die erste Kartäuser-Neugründung auf österreichischem Boden. In einem Landstrich, der fest in den Händen der Reformation war. Die Katholiken wurden vertrieben, dann vertrieb die Gegenreformation die Protestanten. Insofern kann man auch „Maria im Paradies“ als Akt der Rekatholisierung deuten. Ein Anziehungspunkt ist das Haus in jedem Fall, obwohl es weder in die Prospekte des Klostertourismus noch der Seelen-Wellness passt.

Sichtbeton verträgt sich nicht mit Charisma

Die Kartäuser sind der bedeutendste Eremitenorden der katholischen Kirche. Nicht nach Zahlen, weltweit gehören der Gemeinschaft nur ein paar hundert Mönche an. Sie leben einen Spagat: Sie sind Einsiedler, die dennoch in naher klösterlicher Gemeinschaft leben. Beten, essen, arbeiten, das geschieht in einer Eremitage. Innerhalb der Kirche sind die kontemplativen Orden hoch angesehen - sie gelten als ein Selbstvergewisserungsinstrument, das sich auschließlich um einen Aspekt des Kerngeschäfts kümmert.

Die Kleinen Schwestern von Bethlehem, auch Monastische Familie von Bethlehem genannt, sind im strengen Sinn keine Kartäuser, orientieren sich aber an der Ordensregel des heiligen Bruno, der 1084 mit der Grande Chartreuse das heute noch existierende Stammhaus der Kartäuser in den französischen Seealpen baute. Weltlich berühmt ist es durch den Kräuterlikör Chartreuse. Das Leben der dortigen Mönche wurde 2005 von dem deutschen Dokumentarfilmer Philipp Gröning kongenial in „Die große Stille“ dokumentiert. Er hatte mehr als zehn Jahre auf die Drehgenehmigung warten müssen. In den Kartausen regiert ein anderes Zeitmaß.

Die Kleinen Schwestern unterhalten derzeit weltweit dreißig Klöster, zwei weitere in Mexiko und Jordanien sind in Gründung. In Deutschland scheiterte eine Ansiedlung in der Lüneburger Heide; einen Platz fand der Orden schließlich mit dem Kloster Marienheide in der Diözese Fulda. Die Schwestern wollen keine Öffentlichkeit, auch die Priorin auf der Kinderalm macht keine Ausnahme. Dass das Haus gefüllt ist, die vierzig Zellen besetzt sind, ist aber ebenso wenig ein Geheimnis wie der steinige Weg zur Ewigen Profess. Zehn Jahre werden die Schwestern geprüft und prüfen sich selbst. Jeder Tag beginnt mit dem ersten Gebet um halb vier in der Frühe, Nachtruhe ist um 19 Uhr. Am Sonntag stehen gemeinsames Essen, Gespräch und Spaziergang an, zweimal im Jahr eine ganztägige Wanderung.

Ein anspruchsvollerer Bauherr dürfte schwer zu finden sein. Vier „Bauschwestern“ hat Mulitzer bereits erlebt, alle paar Jahre wechselt seine Ansprechpartnerin. Das setzt Vertrauen voraus; bei täglichen Telefonaten zwischen Wien und dem Pongau wird der Baufortgang abgestimmt. „Sie wissen schon, dass sie das ohne mich so nicht geschafft hätten“, sagt Mulitzer, der auch Reibereien nicht verschweigt. Die „Himmelsleiter“ etwa, das Treppenhaus, das im Osten der Anlage mit hundert Stufen fünfundzwanzig Höhenmeter überwindet, war in Sichtbeton geplant. Der verträgt sich aber nicht mit dem Charisma, das die Schwestern anstreben, um eins mit sich und ihrem Glauben zu sein - also wurden die Wände verputzt.

Keine kann der anderen in den Garten schauen

Die Kirche ist mit dem Altar exakt nach Osten ausgerichtet und mit drei Dutzend Metern Länge die größte Holzkirche Österreichs. Das mächtige Tonnengewölbe ist mit Zirbelholz verkleidet, strenge Symmetrie herrscht in allen Bauteilen: jeweils fünf Rundbogenfenster, ein erhöhtes Presbyterium mit einem kubischen Altartisch von je einem Meter Seitenlänge. Das schlanke Chorgestühl haben Freunde des Klosters aus Vorarlberg gebaut. Durch einen verwinkelten Gang ist es Laien möglich, auf der Empore an den Messen teilzunehmen. Um 16.30 Uhr wird Vesper gefeiert, sie dauert neunzig Minuten einschließlich einer abschließenden halben Stunde stiller Einkehr, die von einem „Salve Regina“ beschlossen wird.

Während draußen früh die Winternacht hereinbricht, zelebriert ein Priester die mit ostkirchlichen Elementen angereicherte Liturgie, die das Beten mit dem ganzen Körper kennt: die tiefe Verbeugung, den Bodenkuss, das hingestreckte Liegen. Mulitzer hat diese Liturgie studiert, ebenso wie jene anderer Mönchsorden, um die Bewegungsabläufe zu verstehen. Der Kirchenraum ist schwach erleuchtet, die Akustik überraschend gut. Wer Gottesdienstroutine kennt, wird sie hier vergeblich suchen.

An den Kirchenraum schließt sich das Refektorium an, im Obergeschoss die dem Vernehmen nach sehr gut sortierte Bibliothek. Radio, Fernsehen oder Internet gibt es im Kloster nicht, Telefon und eine Tageszeitung sind die Verbindungen zur Außenwelt, jenseits der Nachrichten, die Besucher bringen. Der Wirtschaftstrakt liegt zentral für eine einfache Essensversorgung; die längste Zeit des Tages ist der Einsamkeit und dem Gebet in den zweigeschossigen Zellen vorbehalten. „Keine kann der anderen in den Garten schauen“ - so verlangt es die geheime Ordensregel. Jeder Zelle ist ein Atelier zugeordnet, in dem die Schwestern Kunsthandwerk für den Klosterladen herstellen: Keramik, Kruzifixe, Rosenkränze.

Peichl schien nicht begeistert: Hütten?

Die Anordnung der Baukörper spiegelt die schrittweise Entwicklung hin zu Stille und Einsamkeit wider. Sie versucht mit einfachen Mitteln auszukommen, was wegen der Steilheit des Geländes nicht immer möglich war: Massive Stützwände waren nötig, um den Hang abzufangen. Die Häuser sind aus Fichte-Massivholz-Platten gebaut, weil diese einfach vorzufertigen und zu montieren sind. Fassadenverkleidung und Dachschindeln sind aus heimischem Lärchenholz. Das Kernstück der Kartause, diese zentrale Leistung des Architekten in puncto Raumeinteilung, ist dem Laien verschlossen. Dabei hat der Baumeister auf deren Gestaltung „am meisten Hirnschmalz“ verwendet, schließlich sind dort auf einem Grundriss von 4,5 auf 4,85 Metern gleich mehrere Räume untergebracht.

Der Vorraum (Praecella) dient der Lagerung von Holz und dem eventuell notwendigen Gespräch mit einer Mitschwester. Das Deambulatorium erschließt die verschiedenen Bereiche der Zelle, auf sechs Quadratmetern kann die Nonne körperliche Übungen machen, falls der Garten zugeschneit ist. Von hier aus führt eine Treppe in den Arbeitsraum (Laboratorium) und eine in das zweigeschossige Oratorium, wo die Gebetsstunden verbracht werden. Im Cubiculum mit eingebauter Dusche und WC wird auf acht Quadratmetern geschlafen und gegessen, darüber liegt eine winzige Studierstube (Skriptorium). In der oberen Zellenreihe liegen die Wohnbereiche im Obergeschoss - mit freiem Bergblick nach Süden; die untere Reihe schaut auf den kleinen Teich mit dem Pavillon, in dem sich die Schwestern vor den Gottesdiensten sammeln. Dazwischen liegen die grasbewachsenen Kreuzganghöfe, deren konzentriertes Raumgefühl man nur ahnen kann. Talseitig vor der Kirche steht auf einer halbkreisförmigen Wiese ein schlichtes Holzkreuz. Hier ist der Platz für den Friedhof. Noch gibt es keine Gräber.

Der Faszination des Klosterbaus ist schon vor hundert Jahren Le Corbusier erlegen, der 1907 die Kartause Ema bei Florenz besucht hatte und zwei Jahrzehnte später notierte: „Ich hätte niemals gedacht, dass ich einmal eine so heitere Interpretation des Wohnens kennenlernen würde... Diese moderne Stadt stammt aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Ihre strahlende Vision ist mir für immer gegenwärtig geblieben.“ Matthias Mulitzer, Jahrgang 1960, ist ein Baumeister im klassischen Sinn. Bei Gustav Peichl studierte er in Wien Architektur. Als er hörte, dass nahe seinem Heimatort ein Kloster gebaut werden sollte, überredete er seinen Professor, als Thema der Diplomarbeit einen Entwurf für dieses Kloster zu akzeptieren. Peichl schien nicht begeistert: Hütten? Mulitzer nahm Kontakt mit den Schwestern auf, fand ihr Wohlwollen, der ursprünglich vorgesehene Architekt wurde vom Bistum Salzburg abgezogen. Und so kam der Student zu einer Lebensaufgabe, die ersten Jahre für Gotteslohn.

Sieben Jahre dauerte es, bis die Nonnen ein Grundstück auf der Kinderalm erwerben konnten; jene höhergelegene Mulde, die der junge Planer als ideal für ein kleines Dorf erachtete. Mit der Topographie zu bauen ist sein Ziel. Ohne Engagement, sagt Mulitzer, hätte er den Auftrag nie bekommen. „Meine Autorität habe ich mir auf der Baustelle erarbeitet.“ Ihn selbst umgibt die Aura des Mönchischen in seiner Wiener Junggesellenwohnung: Alle Zimmer dienen erkennbar wissenschaftlichen Zwecken, der Computer ist prähistorisch, alle Bücher tragen Stempel, die Stapel mit Fotografien, Katalogen und Zeitschriften sind hoch. Aber der Architekturhistoriker weiß stets genau, wo er hingreifen muss. Eine Statistik zur Entwicklung der Kartausen und Eremitagen im vergangenen Jahrtausend gefällig? In den vergangenen fünfhundert Jahren sank die Zahl der Kartausen von knapp zweihundert auf heute vierundzwanzig - erst die Französische Revolution, dann Napoleon.

Der Reiz des Klosterbaus

Wenn Mulitzer mit leisem, weichem Nachdruck spricht, verschränkt er die Hände wie zum Gebet, oder er legt die Fingerspitzen aneinander. Er sei gar nicht fromm, sagt er, auch habe er in der Kirche und in ihrer Laienschar so viele verhinderte Mönche getroffen, dass ihn das eher abgeschreckt habe. Dennoch: Die Bethlehem-Schwestern haben Zulauf, meist aus gebildeten Ständen. Von einer Priorin mit drei Doktortiteln erzählt der Architekt, von Mathematiklehrerinnen und Apothekerinnen. Wie um seine Erzählung zu stützen, klingelt das Telefon: Die Bauschwester von der Kinderalm ist am Apparat, es geht um die Befestigung von Dämmplatten. Mulitzer gibt höflich und entschieden Anweisungen.

Lange vor dem Plan steht bei ihm das Studium. Matthias Mulitzer hat viele Eremitagen besucht, vermessen und gezeichnet, er ist der Dokumentar dieser Bauform. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal in der Welt der Architektur: In seiner Liga tummeln sich weltweit keine fünf Konkurrenten. Kartäuserklöster hat eben nicht jeder auf der Referenzliste - abgesehen davon, dass sein Architekturbüro im Internet keinen Auftritt hat. Dass er mit der Hand zeichnet, versteht sich. Er baue auch Fahrradständer, wenn er einen entsprechenden Auftrag bekomme. In Wien hat er für ein paar ausgesuchte Bauherren Privathäuser entworfen, für die Salzburger Privatbank Carl Spängler die Filiale am Stephansdom. Ausstellungsarchitektur für Museen führt er auch aus.

Der Reiz des Klosterbaus liegt in der Interpretation tradierter Vorgaben. Die Kinderalm ist deswegen ungewöhnlich, weil die Gründungspriorin eine maßgeschneiderte, dem alpinen Bautyp angepasste Lösung durchsetzte. Heute bieten die Vorgaben des Ordens weniger Spielraum, die Kartausen sollen überall gleich aussehen. Während die Kinderalm der Vollendung entgegengeht, hat Mulitzer längst eine neue ungewöhnliche Aufgabe. Seit dreizehn Jahren leitet er den Bau des Klosters Yermo de Santa Maria de Los Angeles im Osten Venezuelas. Kamaldulenser-Mönche siedeln dort auf 1300 Meter Seehöhe in einem abgelegenen Winkel, spektakulär am Steilhang oberhalb eines Stausees gelegen.

Einmal im Jahr besucht Mulitzer diese Baustelle, zuletzt Ende Oktober. Zwei Tage braucht er für den einfachen Weg. Die Mönche bauen selbst, unterstützt von heimischen Hilfsarbeitern. Die Kirche ist bislang nur Gerippe, der Orden sucht auch in Europa nach Geldgebern, aber nicht mit einer Kampagne - zum Glück finden viele Spender den Weg von selbst. 70.000 Dollar fehlen aber noch, um sie fertigzubauen. Eine winzige Summe im Vergleich zu den Baukosten der Kinderalm. Genaue Summen werden nicht genannt, Mulitzer umschreibt die Kosten mit dem Bau von fünfzehn großen Einfamilienhäusern in schwieriger Lage. Das Geld kam und kommt aus Spenden, darunter substantielle Großspender, die anonym bleiben.

Verdienen kann Mulitzer mit dem Projekt in Venezuela nichts. „Das ist mein Hobby“, sagt er ernst, aber seine Augen leuchten, wenn er von den Kamaldulensern erzählt. „Ich bin der Einzige, der alles studieren konnte, ich durfte überall hinein.“ Weil ihn der Orden als Baumeister nach Venezuela empfohlen hat. Denn auch die Kamaldulenser haben eine ganz eigene Bautradition ausgebildet, und diese weiterzuentwickeln ist Mulitzers Aufgabe. Empfohlen hat ihn der Prior der Kamaldulenser-Einsiedelei von Monte Rua, der aus Frankfurt am Main stammende Pater Winfried. Seit 1972 Einsiedler, macht er am Telefon nicht den Eindruck, als hätte er den Bezug zur Außenwelt verloren. Mit sechs Mitbrüdern lebt er in den Euganeischen Hügeln nahe Padua.

Die Freiheit der Zelle

Die Gemeinschaft ist winzig, sie unterhält mit sechzig Patres neun Klöster. Im Gegensatz zu dem benediktinischen Zweig der Kamaldulenser, der nächstes Jahr den tausendsten Geburtstag begeht, sei sein Orden „relativ jung, noch keine fünfhundert Jahre alt“, sagt der Prior, und es klingt nicht unbedingt nach einem Scherz. Die mittlerweile auf die Zahl von fünfhundert Nonnen zugehenden Bethlehem-Schwestern hält er für „eine Erfolgsgeschichte“, die sich „vielen Freunden und Wohltätern“ verdanke. Matthias Mulitzer schätzt er, weil „er noch mit der Hand zeichnet und nicht wie alle anderen mit dem Computer“.

Handarbeit mit einem ganzheitlichen Ansatz. Denn Mulitzer betreibt eigentlich Siedlungsbau, und zwar auf engstem Raum, denn ursprünglich waren Kartäuser-Klöster üppiger dimensioniert: „Die Klausur der Kinderalm würde spielend in den Innenhof der Kartause Mauerbauch am Ortsrand von Wien passen.“ Private Bauherren hätten ebenso wie Kommunen kaum Interesse an Lösungen für geschlossene Ensembles. Dabei muss man nur ins Salzachtal hinunterschauen, um zu sehen, wie sich die Bebauung unkontrolliert den Hang hinauffrisst. Zweifel an diesem bedingungslosen Wachstumsglauben treiben heute wieder Menschen ins Kloster. Die kontemplativen Orden sind in Mitteleuropa im Aufwind, junge Menschen entdecken eine aus dem Hochmittelalter stammende Lebensform als Alternative. „Die jungen Leute müssen heute nicht mehr nach Asien, sie finden das vor ihrer Haustür“, sagt der Architekt.

„Stat crux dum volvitur orbis“ (Das Kreuz steht fest, während die Welt sich dreht) - so lautet das Motto der Kartäuser. Für den Wiener Architekten muss sich nun die Welt weiterdrehen. „So etwas baut man nur einmal im Leben. Noch einmal würde ich das nicht machen“, gibt sich Matthias Mulitzer nüchtern. Am Anfang unseres Spaziergangs auf der Kinderalm hat er erzählt, warum er nie daran gedacht habe, wieder im heimatlichen Pongau zu arbeiten: Die soziale Kontrolle des Dorfes sei ihm unerträglich. Andererseits war ihm das Dorf eine gute Schule, um zu wissen, wie sich ein Leben hinter Mauern anfühlt. Die Freiheit der Zelle? Wie hatte die Priorin gesagt? Ein Jahr Stille sei sehr viel leichter auszuhalten als ein paar Tage.

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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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