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Im Gespräch : Was stört Sie an Interviews, Herr von Oswald?

  • Aktualisiert am

Bild: Illustration von Burkhard Neie

Die Sonne brennt. Moritz von Oswald ist in feines Tuch gewandet. Wir treffen den scheuen Ururenkel von Otto von Bismarck zum Zitronenwasser in der Berliner Paris Bar, um mit ihm über Techno, Jazz und klassische Musik zu sprechen.

          Herr von Oswald, Sie kommen gerade aus Japan. Reagieren die Leute dort anders auf Musik als in Europa?

          Die Menschen in Japan sind zurzeit sehr dankbar, dass man zu ihnen kommt und für sie Musik macht. Die kulturelle Euphorie scheint, zumindest im Konzert, ungebrochen. Obwohl auch wirtschaftliche Einschnitte zu spüren sind - ein Konzert in Sapporo wurde uns abgesagt.

          Wie haben Sie es als einer der einflussreichsten Techno-Produzenten geschafft, in den neunziger Jahren, dem Techno-Jahrzehnt schlechthin, keine mediale Präsenz zu zeigen?

          Mein Produktionspartner Mark Ernestus und ich haben Musik gemacht und wollten damit allein gelassen werden. Wir wollten uns nicht mit anderem mühsamen Kram abgeben. Für mich ist das Interview immer noch eine Gesprächsform, die ich sehr schwierig finde.

          Warum haben Sie sich dann auf unser Gespräch eingelassen?

          Das ist eine Sache, mit der ich üben kann, meine Scheu zu überwinden. Mein letztes Interview ist zwei Jahre her, mit einem sehr guten englischen Journalisten, den ich für einen der besten Musikjournalisten überhaupt halte, Philip Sherburne.

          Was macht für Sie guten Journalismus aus?

          Ein guter Journalist darf es sich nicht einfach machen. Er sollte die üblichen Standardfragen weglassen und nicht zu viel schwatzen. Geschwätzigkeit ist eine Sache, die ich überhaupt nicht mag. Immer noch einen draufsetzen, dazureden und am besten auch noch von sich selbst erzählen.

          Reden wir also von Ihnen: Sie sind eine Lichtgestalt des Techno, Sie werden verehrt.

          Das ist mir völlig gleichgültig.

          Sie haben klassisches Schlagwerk studiert. Wie kommt man von klassischer Musik zu Techno?

          Man entschließt sich zunächst gegen das eine, um dann das andere zu machen. Ich habe Schlagzeug in Hamburg studiert, mit einer Exkursion nach Mailand, wo ich Unterricht bei einem Solopauker der Scala genommen habe. Und ich habe mich irgendwann dazu entschlossen, den Standardberufsweg der klassischen Musikausbildung zum Orchestermusiker nicht mehr zu gehen, habe das Studium zu Ende gebracht und mich parallel dazu bereits mit Elektronik und elektronischer Musik auseinandergesetzt. Das war neu, das war faszinierend, die ersten Musikprogramme kamen auf und die ersten Computer, die damals Musik machen konnten - der Atari zum Beispiel. Ich wollte nicht stillstehen und alte Orchesterwerke zum Besten geben, sondern weiter forschen, eine musikalische und technische Entwicklung vorantreiben. Ich wollte einfach ausprobieren, was man machen kann.

          Was fasziniert Sie an der Klassik?

          Die Räumlichkeit. Denn in meinem Verständnis wird klassische Musik nicht durch Melodik oder ein großes Orchester geprägt, sondern durch Räumlichkeit. Klassik ist Räumlichkeit, die während des Spielens entsteht. Besonders durch gut gesetztes Schlagwerk werden in der klassischen Musik die Räume geschaffen. Das haben uns Igor Strawinski, Maurice Ravel oder Edgar Varèse gezeigt, die ganz meisterlich Schlagwerk einzusetzen wussten, um den Klang zu vertiefen und dem Klangbild eine Dreidimensionalität zu geben.

          Haben Sie deshalb Ravel rekomponiert?

          Ja, denn Ravels Bolero weist in seiner ästhetischen Verfahrensweise eine gewisse Verwandtschaft zum Techno auf. Der Bolero lässt sich als Loop fassen, also als eine Schleife, die sich um ihren rhythmischen Kern windet. Und wie Techno ist auch der Bolero eine Tanzmusik. Ein spanischer Tanz, der fast schon jazzige Elemente in sich trägt. Ravel hat damals versucht, bestimmte Instrumente aus dem Jazz in das klassische Orchester einzuführen, das Saxophon zum Beispiel, das es zuvor in der Kunstmusik noch gar nicht gab. Und das hat mich an Ravel so fasziniert: Er ist nicht stehengeblieben, er hat versucht, die Musik anzureichern, weiterzuentwickeln. Er war eben auch ein Forscher. Aber in den zwanziger Jahren war ein immer wiederkehrender Rhythmus völlig verpönt. Das hat kein Mensch verstanden, obwohl die Klassik zu diesem Zeitpunkt schon länger im Umbruch war.

          Manche Menschen reagieren heute verstört auf Ihre Rekomposition, weil sie das berühmte Bolero-Motiv vermissen.

          Ja klar, denn wir haben nur das rhythmische Fundament des Bolero als Anregung genommen, um mit den einzelnen Tonspuren der Karajan-Einspielung zu improvisieren. Es sind aber auch Motivfragmente aus den „Bildern einer Ausstellung“ von Mussorgsky mit eingeflossen. Wir haben Ravel, Mussorgsky und unsere eigenen Bass-, Synthesizer- und Percussion-Aufnahmen zu etwas Neuem zusammenfließen lassen. Und das gefällt durchaus auch Hörern älteren Semesters.

          Nach Ihrem Studium haben Sie eine Zeitlang bei der Neue-Deutsche-Welle-Band Palais Schaumburg gespielt. Sind Sie so zur elektronischen Musik gekommen?

          Ich bin erst in der Endphase dieser Band dazugestoßen. Und in dieser Formation haben wir dann schon angefangen, Elektronik zu benutzen und auch das Studio selbst wie ein Musikinstrument zu behandeln, die ersten Sampler und Synthesizer einzusetzen. Also fremdartige Geräusche in die Musik einzuführen, die es bis dahin noch nicht gab und die man in diesen Zusammenhängen so noch nicht gehört hatte.

          Ist die Räumlichkeit der klassischen Musik eine ästhetische Verbindungslinie zum Techno? Sie haben mit ihren Basic-Channel-Produktionen das Klangbild von Techno enorm erweitert und aufgefaltet.

          Ich habe mich deswegen so auf die Räumlichkeit der klassischen Musik bezogen, weil auch die architektonischen Räume, in denen klassische Musik stattfindet, so enorm sind. Durch die Klassik habe ich überhaupt erst gelernt, dass es das gibt: räumliche Tiefe und Dynamik. Und natürlich habe ich davon auch profitiert. Nur war mir das, als ich anfing, Techno zu produzieren, gar nicht so bewusst. Und ich habe ja auch nicht versucht, das nachzumachen. Denn das ist unmöglich. Das Klangbild eines klassischen Orchesters kann nicht technisch simuliert werden. Nie wird ein künstlicher Hall die akustische Erfahrung eines Konzertsaals ersetzen können.

          Die echobelegten Akkorde und wabernden Bassmodulationen der Basic-Channel-Stücke sind sehr stark vom Reggae inspiriert, deshalb spricht man von Dub-Techno.

          Ja, aber wir wollten nie das eine zum anderen machen. Es war eher ein inspirativer Einfluss einzelner Elemente. Wichtig war für uns die Schleifen-Ästhetik des Reggae, die gedämpften Basslinien, die Echo-, Hall- und Verzögerungseffekte, mit denen im Reggae schon lange vor Techno gearbeitet wurde.

          Wie nehmen Sie die Flut an Dub-Techno-Produktionen der letzten Jahre auf, die ja häufig verwechselbar klingen und sich ganz stark an Ihren Basic-Channel-Klang anlehnen?

          Ach wissen Sie, auch das ist mir vollkommen egal. Ich habe ja nie erwartet, dass es so weit kommen wird, dass die Leute so begeistert aufnehmen, was wir damals gemacht haben, und dass unsere Musik dereinst ein ästhetischer Bezugspunkt sein wird. Deswegen kenne ich die neueren Dub-Techno-Veröffentlichungen gar nicht, ich verfolge das auch nicht weiter.

          Sie haben jetzt fast zwei Jahrzehnte lang Techno produziert. Wie kommt es, dass Sie vor einigen Jahren mit dem Moritz von Oswald Trio wieder eine Live-Band ins Leben gerufen haben?

          Ich sehe mein Trio nicht als Band im konventionellen Sinne. Das ist eine Art durch Improvisation bestehende oder arbeitende Formation, in der es wieder um Elektronik geht, um akustische Experimente mit Synthesizer-Sequenzen. Wir betreiben Klangforschung.

          In welche Richtung geht Ihre Klangforschung zurzeit? Es ist erstaunlich, dass auf dem neuen Album Ihres Trios ein akustischer Bass zu hören ist, gespielt vom Jazzbassisten Marc Muellbauer.

          Unser Trio ist eine durchaus nicht ironische Auffassung von der Verwandtschaft der elektronischen Musik zum Jazz, obwohl man mit solchen Genrebezeichnungen vorsichtig sein sollte. Man hört das besonders gut in der Bassbegleitung im zweiten Stück, die sich gegen Ende von allen anderen Tonspuren emanzipiert und improvisatorisch völlig aus dem Ruder läuft. Denn der akustische Bass ist ein sehr faszinierendes Instrument, und die Möglichkeiten tieffrequenter Bassgestaltung haben mich schon immer interessiert. Und deswegen habe ich gesagt: Wir probieren das mal aus. Elektronische Musik mit akustischer Bassbegleitung. Die Forschungsfrage wäre hier: Wie tief kann man gehen, was ist noch hörbar? Und mit Marc Muellbauer hat das auf Anhieb gut funktioniert. Der Bassist hat einfach zu unseren Tonspuren gespielt. Was ihm eben so einfiel. Und das war eine wirkliche Bereicherung für unsere Musik.

          Zehn Minuten lang wird eine ostinate Bass-Figur gespielt, bis diese völlig arhythmisch aus der Form fällt.

          Ja, das kommt durchs Ausprobieren, durch den Spaß am Spiel. Der Bassist hat uns nämlich nicht gesehen, er ist dann ausgebrochen aus seinem Korsett und hat sich auf und davon gemacht. Wir haben das Stück "Structure 2" wie traditionellen Jazz aufgenommen: Man sieht sich nicht, jeder steht oder sitzt mit seinem Instrument in einer Aufnahmekabine und hört die anderen Musiker nur über Kopfhörer. Man reagiert also nur auf das, was man hört. So hat man ganz andere Freiheiten in der Spielweise. Das musikalische Ergebnis ist ein ganz anderes als bei einer Improvisation mit Blickkontakt.

          Kommt ein rein akustisches Album für Sie in Frage?

          Jetzt versuchen Sie, das Gespräch nach musikalischen Schubladen zu führen: hier den Techno, da den Jazz und dort das akustische Ensemble. Musik können Sie gerne kategorisieren, ganz so, wie Sie das wollen. Ich aber mag das nicht und mache da nicht mit. Eigentlich mag ich auch die ganzen journalistischen Vergleiche nicht: Das klingt ja soundso und wie die und der, und der Herr von Oswald macht jetzt dies und demnächst macht er schon wieder das - lassen Sie das. Aber ich habe schon neue Aufnahmen geplant.

          Haben Sie eine bestimmte Vorstellung davon, wie Tonproduktionen klingen sollten? Immerhin haben Sie das renommierte Mastering-Studio "Dubplates & Mastering" eröffnet.

          Für mein Empfinden sollte die Audionachbereitung elektronischer Musik den Rhythmus und den Bass akzentuieren. Es geht bei unserer Art, Musik zu mastern, um die Feinabstimmung zwischen den einzelnen tonalen und harmonischen Elementen.

          Sie haben Ihre Platten lange in den Vereinigten Staaten pressen lassen, nicht in Europa.

          Ja, denn uns waren die Wege hier in Europa zu lang. Mal eben mit einer Aufnahme zum Presswerk laufen, um seine Platte schnell auf dem Tisch zu haben? Nein, das ging nicht. Die bürokratischen Prozesse waren mir zu enervierend. Das war in den Vereinigten Staaten ganz anders. Da lässt man die Platte schneiden, dann fährt man zum Presswerk, und eine Woche später bekommt man die Vinylscheiben geliefert.

          Das war also keine Verschleierungstaktik? Denn gerade deshalb schossen ja die Gerüchte über die Produzenten ins Kraut.

          Nein, überhaupt nicht. Uns ging es nur um die Praktikabilität. Mir ging es nie darum, mich oder uns irgendwie interessant zu machen. So etwas ist doch albern!

          Zur Person

          Moritz von Oswald wird 1962 in Hamburg geboren. Er studiert klassisches Schlagwerk, spielt nach dem Studium Schlagzeug in der NDW-Band Palais Schaumburg und produziert seit den frühen neunziger Jahren elektronische Musik. Von Oswald lebt mit seiner Familie in Berlin.

          Zu Beginn der neunziger Jahre gründet er mit Mark Ernestus die Techno-Projekte „Maurizio“ und „Basic Channel“ (BC), die zugleich auch Plattenlabel sind. Beide verknüpfen das Klangbild des Reggae mit dem Viervierteltakt des Techno.

          Zusammen mit Carl Craig rekomponiert von Oswald 2008 für die Deutsche Grammophon den Bolero von Maurice Ravel und die „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgski, jeweils auf Grundlage von alten Aufnahmen Herbert von Karajans. „ReComposed“ gilt schon unmittelbar nach Erscheinen als Standardwerk der Annäherung von klassischer Musik und Techno.

          Mit dem Moritz von Oswald Trio spielt von Oswald reduziert mäandernde Klangkulissen ein, die der rhythmischen Präzision elektronisch produzierter Musik den im provisatorischen Habitus des Jazz beigeben.

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