31.01.2012 · Franco Maria Ricci baut auf seinem Grundstück den größten Irrgarten der Welt. Wir treffen ihn auf seinem weitläufigen, etwas versteckt gelegenen Anwesen westlich von Parma.
Sie tragen eine rote Blume aus Kunststoff im Knopfloch, die auch auf allen Fotos von Ihnen zu sehen ist. Ihre ständige Begleiterin?
Ja, ich trage sie immer. Seit fast vierzig Jahren. Ich bin eng mit Ottavio Missoni befreundet, der sie mir 1973 bei einem Abendessen angesteckt hat. Seitdem habe ich sie nicht mehr abgelegt. Inzwischen habe ich etwa zwanzig Exemplare, weil immer mal eine Blume verlorengeht oder zerbricht oder ich sie verlege. Ein Spiel.
Das Emblem des Kunstfreunds, des Ästheten?
Ich frönte auch anderen Leidenschaften. Ich hatte mal einen Jaguar E, mit dem habe ich die 110 Kilometer von Parma nach Mailand in 32 Minuten geschafft - allerdings gab es damals auf der Autostrada noch keine Mautstationen.
Und studiert haben Sie auch etwas Kunstfernes, nämlich Geologie.
Meine Begeisterung für die Kunst ist älter. Als ich zehn war, hat mir mein Vater am Wochenende fünftausend Lire in die Hand gedrückt und gesagt: "Du fährst jetzt nach Siena, und wenn du wieder hier bist, erzählst du mir, was du gesehen hat." So habe ich Florenz, Lucca, Pisa und viele andere Orte besucht. Mit fünfzehn kannte ich mich gut aus in der italienischen Kunst, mit achtzehn war ich Experte. Als ich Abitur machte, sagte ich mir: "Sprache und Kunst kannst du, Naturwissenschaften nicht." Deshalb habe ich Geologie studiert.
Lange haben Sie es mit der Geologie nicht ausgehalten. Sie sind bald zur Kunst zurückgekehrt . . .
Das war 1963, da hab ich für ein Studententheaterfestival das Plakat entworfen, das später vom Museum of Modern Art in New York in seine Sammlung aufgenommen wurde. Kurz danach habe ich Giambattista Bodoni für mich entdeckt. Die zwanzig Millionen Lire, die mir meine Mutter damals für einen Ferrari schenkte, habe ich in zwei alte Buchpressen investiert, um Bodonis Hauptwerk, das "Manuale Tipografico", neu aufzulegen.
Grafischer Gestalter war aber nur einer Ihrer vielen Berufe.
Ein Beruf, den es heute kaum mehr gibt. In Italien so wenig wie in Deutschland. Das haben alles die Werbeagenturen übernommen. Und denen geht es nur darum, ein Image, eine Marke zu kreieren. Mein Anspruch war immer, der Firma, die mich beauftragt hatte, ein Gesicht zu geben.
Wie Sie es Ihren Zeitschriften verpasst haben.
Ich habe damals Willy Fleckhaus kennengelernt, einen der großen Stilisten des grafischen Designs. Er hat mich mit seinen Studenten besucht, als er das F.A.Z.-Magazin vorbereitete, dem er dann das schwarz hinterlegte Cover als Markenzeichen gab.
Das Magazin gibt es nicht mehr, es wurde 1999 eingestellt.
Schade. In Italien sind solche Beilagen sehr erfolgreich. Schauen Sie sich den "Corriere" oder die "Repubblica" an, die haben inzwischen zwei solche Supplemente die Woche und verdienen gutes Geld damit.
Ihr berühmtestes Magazin, das Sie 1982 gründeten und in fünf Sprachen, auf Italienisch, Französisch, Englisch, Spanisch und von 1986 an auch auf Deutsch herausgaben, trug als Titel nur ihre Initialen: "FMR", ein Wortspiel. "Ephemer" ist die Zeitschrift, die Sie unbescheiden die beste der Welt nannten, sicher nicht geblieben, auch wenn sie 2003 mit Nummer 162 eingestellt wurde. Doch Ihr neues Projekt hat ein ganz anderes Kaliber: Sie haben begonnen, ein Labyrinth zu bauen. Warum?
Labyrinthe haben mich schon als Kind fasziniert. Seit dem Altertum sind sie ein wichtiges Thema, wir finden sie auf Mosaiken römischer Fußböden und im Mittelalter als Metapher für die Reise nach Jerusalem in vielen Kathedralen, nicht nur in Chartres. Heute sind Labyrinthe Orte, an denen wir uns verlieren, doch diese Möglichkeit war damals noch gar nicht vorgesehen. Zwischen zwei Punkten, dem Eingang und der Mitte, verlief eine einzige Wegstrecke, die aussah wie ein Knäuel. Das Besondere daran war, dass man, um die Mitte zu erreichen, einen Weg ging, der sich ihr immer wieder annäherte und von ihr entfernte. Erst im Manierismus und im Barock wurden Labyrinthe so angelegt, dass sie eine Vielzahl von Wegen mit Verzweigungen und Sackgassen enthielten. In dieser neuen Form, als "maze", wie die Engländer, oder "Irrgarten", wie die Deutschen sagen, werden sie erstmals zum gebauten Ausdruck für die Angst, sich zu verlieren, und die Gefahr, sich zu irren, die das Nachdenken über Labyrinthe immer begleitet hatten. Im achtzehnten. Jahrhundert werden Labyrinthe in den großen Gartenanlagen in Frankreich und England dann zum Gesellschaftsspiel, in dem Adlige den jungen Damen nachliefen.
Und Ihr Labyrinth, was wird es mit dem, der es betritt, anstellen?
Ich möchte, dass mein Labyrinth alle diese Aspekte vereint. Ich hoffe, dass, wer es betritt, sich verlieren und wieder finden, sich erholen, nachdenken und den Kopf frei bekommen will; oder dass er es als Herausforderung ansieht, als eine Wette, die er mit sich selbst eingeht; oder auch - warum nicht? - es nur als Spiel versteht. In Italien gibt es nur wenige historische Heckenlabyrinthe, die beiden größten und bekanntesten befinden sich in Venetien: das eine im Park der Villa Pisani in Strà, das andere in den Gärten der Villa Barbarigo in Valsanzibio.
Wie kamen Sie darauf, selbst eines zu bauen?
Die Idee stammt von Jorge Luis Borges, mit dem ich befreundet war. Ich war begeistert von seiner Literatur, ich habe alle seine Gedichte und Erzählungen gelesen.
Wie haben Sie ihn kennengelernt?
Ich habe ihm geschrieben und ihn in Buenos Aires, das muss 1968 oder 1969 gewesen sein, in der Nationalbibliothek besucht. Der Kontakt kam durch Horacio Armani, zustande, der als Journalist für "La Nacion" arbeitete, aber auch ein bedeutender Lyriker ist. Seine Frau, Maria Esther Vazquez, war zuvor mit Borges liiert gewesen und hatte einen guten Draht zu ihm. Sie hat mehrere Bücher mit ihm gemacht. Als ich ankam, hat er Dante Alighieri im Original rezitiert. Sein erster eigener Satz war, dass er sehr glücklich sei, jemanden zu treffen, der sich für Labyrinthe interessiert: "Schauen Sie sich das Labyrinth Nationalbibliothek an, die Balkone, die Treppen, die vielen Zimmer, hier unten ist der Mittelpunkt", rief er. "Ich bin der Minotauros, befreien Sie mich, oder töten Sie mich!" Borges befand sich damals in einer schwierigen Lage, er fühlte sich als Gefangener. Perón galt zwar als Linker, war aber ein Faschist.
Sie haben Borges auch als Herausgeber der "Bibliothek von Babel" gewonnen, einer Buchreihe, die seine dreißig Lieblingswerke der phantastischen Literatur versammelte.
Borges hat die Titel ausgewählt. Er ließ sich da nicht reinreden. Ich hatte ihm zum Beispiel E.T.A. Hoffmann nahegelegt. "Nein", sagte er, "der gefällt mir nicht."
Borges hat Sie auch hier besucht?
Ja, ich habe ihn eingeladen. Er kam gern nach Europa, wo er seit der Vorkriegszeit nicht mehr gewesen war. Kulturell war er kein Argentinier, sondern ein Engländer, der in Argentinien geboren wurde. Sein Gedächtnis war phänomenal, er kannte die Bilder im Louvre besser als ich. Nach zwei Tagen Paris wollte er weiter nach Italien. Ich habe ihm zu Ehren ein großes Essen gegeben und fünfzig Leute eingeladen. Gekommen sind tausend, alle wollten ihn sehen und ihm die Hand drücken. Borges war ein Mythos, die Leute wallfahrten zu ihm wie zur Madonna von Lourdes.
Aber war für Borges das Labyrinth nicht eher eine Metapher als etwas Gegenständliches?
Borges hat immer davon gesprochen, das größte Labyrinth der Welt bauen zu wollen. Aber er hat auch gesagt, dass es das schon gibt, dass die Wüste das größte Labyrinth sei.
Wie groß wird Ihr Labyrinth?
Ich habe hier ein vierzig Hektar großes Gelände, acht Hektar wird das Labyrinth beanspruchen. Die Seitenlänge wird 250 Meter betragen, die Wege drei Kilometer. Die Hecken sollen fünf Meter hoch werden.
Und wie finanzieren Sie das?
Ich hatte früher nie das Geld dafür, doch vor neun Jahren habe ich meinen Verlag verkauft, an Leute übrigens, die nichts mit ihm anfangen konnten und ihn zerstört haben. Mit den zwölf Millionen Euro, die ich dafür bekommen habe, baue ich das Labyrinth. Wenn es fertig ist, werde ich ein armer Mann sein.
Erhalten Sie keine öffentlichen Mittel?
Nein, ich habe Subventionen vom Staat immer abgelehnt. Für meine Zeitschrift hat sich dort auch nie jemand interessiert. Mit Politikern will ich nichts zu tun haben. Der Staat soll die Basisfinanzierung gewährleisten, das Gesundheitssystem aufrechterhalten und für Restaurierungen aufkommen, aber nicht Kunstprojekte fördern. Ich habe aus fiskalischen Gründen eine Stiftung ins Leben gerufen, die Fondazione FMR, aber auch die muss noch Steuern zahlen.
Und der Betrieb des Labyrinths wird über die Eintrittsgelder finanziert?
Ja, ich denke, der Eintritt wird zehn Euro betragen, aber dafür können Sie noch das Museum und die Bibliothek besuchen. Es werden auch ein Restaurant und ein Hotel errichtet, mit zwei Luxussuiten, die mindestens 600 Euro die Nacht kosten werden. Ich bin noch dabei, ein touristisches Konzept zu erarbeiten.
Mit wie vielen Besuchern rechnen Sie?
Die Nationalgalerie in Parma, diese großartige und wichtige Sammlung im Palazzo della Pilotta, mit Werken von Leonardo, Tiepolo, Bernini, mit dem kompletten Bodoni, besuchen vielleicht 20 000 Menschen im Jahr. Das ist eine Schande. Aber es liegt auch daran, dass sie um halb zwei schließt.
Das Konzept stimmt nicht?
In Italien funktionieren in den Museen nicht mal die Toiletten. Im Castello in Fontanellato, nicht weit von hier, gibt es ein Zimmer, das der junge Parmigianino mit Fresken ausgemalt hat, mit dem Mythos von Diana und Aktaion, einem Hauptwerk des Manierismus. Da kommen 90 000 Besucher im Jahr. Warum? Weil es ein schöner Wochenendausflug ist, weil sie auch die Burg besichtigen, hier spazieren gehen, sich erholen können und es eine gute Trattoria gibt.
Modell Disneyland?
Genau. (lacht) Aber auf dem Gebiet der Kunst. Mein Labyrinth werden Sie auch nachts besuchen können.
Und wenn sich jemand verirrt?
Jeder wird sich verirren. Wer sich nicht verirrt, bekommt das Eintrittsgeld zurück.
Und wenn sich jemand wirklich nicht mehr zurechtfindet?
Dann finden wir ihn schon. Es gibt ja Mobiltelefone.
Mit welchen Pflanzen legen Sie das Labyrinth an?
Bambus. Bambus ist ideal dafür, er wächst schnell, braucht wenig Wasser, verliert keine Blätter, ist preiswert, zwanzig Euro die Pflanze, und sieht im Winter genauso aus wie im Sommer. Und sicher ist er auch: Von Bambus ist noch keiner erschlagen worden.
Dann werden Sie die 25.000 Euro, die Sie mit dem Kythera-Preis erhalten haben, in Bambussträucher investieren?
Ich bin sehr beeindruckt von diesem Preis. In Italien nehme ich keine Preise mehr an. Geld gibt’s hier sowieso keins. Sie bekommen den Anruf eines Kulturdezernenten, der Ihnen sagt, dass Sie am Freitag um sechs Uhr abends in Frascati sein sollen. Dort wird Ihnen eine scheußliche Statuette in die Hand gedrückt, und Sie können froh sein, wenn Sie Reise und Hotel nicht selbst bezahlen müssen.
Das Gespräch führte Andreas Rossmann
Franco Maria Ricci wird am 2. Dezember 1937 in Parma geboren. Er stammt aus einer aristokratischen Familie. Nach dem Abitur studiert er Geologie, nebenher fährt er Autorennen.
1963 gründet er in Parma ein Design- Studio, zwei Jahre später in Mailand seinen eigenen Verlag. Zu dessen Aushängeschild wird 1986 die Zeitschrift "FMR", ein Hochglanzjournal mit reich illustrierten Aufsätzen zu oft ausgefallenen kulturhistorischen Themen, das sich durch seine Gestaltung auszeichnet und zeitweise in fünf Sprachen erscheint. Einer der ersten Autoren ist Jorge Luis Borges, zu den Mitarbeitern zählen Roland Barthes und Susan Sontag, Octavio Paz und Hans Magnus Enzensberger.
Im Herbst 2011 erhält Ricci den Kythera-Preis der von Gabriele Henkel gegründeten Kythera-Stiftung. Seinen Verlag hat er 2002 verkauft, um sich seinen Lebenstraum zu erfüllen: Auf seinem Grundstück lässt er das größte Labyrinth der Welt anlegen.