07.10.2011 · Er trägt eine Armbanduhr, schaut aber während unseres Gesprächs nicht ein einziges Mal darauf. Ulrich Raulff, Direktor auf der Marbacher Schillerhöhe, misst den Pulsschlag der deutschen Literaturgeschichte nicht mit dem Sekundenzeiger.
Von Hubert SpiegelNirgendwo schlägt der Takt des Literaturbetriebs schneller als auf der Buchmesse, die in der nächsten Woche eröffnet wird. Und nirgendwo schlägt er langsamer als im Archiv. Das besagt zumindest die romantische Vorstellung: das Archiv, ein zeitenthobener Ort, ein Idyll der Ruhe und Bedächtigkeit. Wenn das jemals gestimmt hat, was ist davon noch geblieben? Gehen die Uhren im Archiv heute schneller als vor zehn Jahren?
Ja, einige schon. Aber das Archiv hat nicht nur eine Uhr. Es muss verschiedene Tempi kennen. Das Archiv schließt mit jedem, der ihm einen Bestand anvertraut, einen kleinen Vertrag für die Ewigkeit. Der Kontrakt besagt: Wir werden das, was du uns anvertraust, nach Maßgabe des uns Möglichen ohne jede zeitliche Begrenzung aufheben. An diesem Zeitmaß hat sich nichts geändert und kann sich auch nichts ändern. In diesem Punkt steht ein Archiv geradezu am Rand der Zeitlosigkeit. Aber es gibt auch den Modus der mittleren Geschwindigkeit, etwa im Bereich der Erschließung. Und es gibt natürlich auch die Zone der schnell laufenden Zeit, etwa wenn man bei Erwerbungsmöglichkeiten schnell reagieren und zugreifen muss. Dasselbe kann im Bereich der Themen gelten: Manchmal muss eine Tagung oder eine Ausstellung schnell organisiert werden. Und ich bin durchaus stolz darauf, dass wir mit unserem Museum in der Lage sind, in solchen Fällen - ich denke da etwa an Kafkas Ottla-Briefe, an unsere kleinen Suhrkamp-Ausstellungen oder auch an die Ausstellung mit Robert Gernhardts nachgelassenen „Brunnenheften“ - eine passable Reaktionsgeschwindigkeit zu erreichen. Da hängen wir manche Fachzeitschrift ab.
Marbach ist aber nicht nur schneller geworden, auch der Marbacher Ausstellungsstil hat sich verändert. Warum? Was verlangt das heutige Publikum von einer Literaturausstellung?
In Marbach verlangt es wahrscheinlich etwas anderes als in Hamburg, Amsterdam oder Berlin. Damit meine ich, dass man diese Frage nicht generell beantworten kann. Aber von uns wird sicherlich erwartet, dass wir Originale zeigen. Und zwar möglichst unverkitscht und pur, also ohne übermäßigen Inszenierungsaufwand. Erwartet wird eine ästhetische Präsentation, die informativ ist, kritisch, intellektuell und anspruchsvoll - bis hin zu einem wissenschaftlichen Niveau. Das sind zumindest meine Vermutungen, und sie werden durch die Besucherzahlen bestätigt. Als ich 2004 nach Marbach kam, hatten wir weniger als 20000 Besucher im Jahr; im letzten Jahr waren es über 87000, und dabei war 2010 nicht einmal ein Schillerjahr. Man darf nicht vergessen, dass das Zeigen von Literatur immer noch eine Nischenangelegenheit ist.
Ja, aber die Nische dehnt sich aus, sie wächst kontinuierlich.
Literaturausstellungen haben in den letzten Jahren zweifellos an Popularität gewonnen. Aber das große Publikum geht doch eher in die Staatsgalerie oder ins Porschemuseum. Wer zu uns kommt, weiß was ihn erwartet: in der Regel unscheinbare kleine Zettel.
Warum sind literarische Veranstaltungen dennoch erfolgreicher denn je?
Dafür gibt es verschiedene Gründe. Viele kulturelle Anbieter haben in den letzten Jahren erkannt, dass Literatur einerseits immer noch eine ungeheuer wichtige Kunstform ist: Sie erklärt uns unser Leben, man kann im Fernsehen darüber reden, sie liefert den Theatern und der Filmindustrie einen riesigen Anteil ihrer Stoffe. Wie sähe unser gesamter Kulturbetrieb ohne Literatur aus? Unvorstellbar. Aber Literatur ist nicht nur die vielleicht nach wie vor wichtigste Kunstform, sie ist andererseits auch vergleichsweise billig, sogar unglaublich billig. Was kostet eine große Kunstausstellung, eine Oper, ein Film? Einen renommierten, sogar international anerkannten Schriftsteller können Sie für tausend oder zweitausend Euro am Abend bekommen. Bieten Sie eine solche Summe mal einem berühmten Pianisten oder Tenor an - wenn Sie den Mut dazu haben.
In der Literatur gibt es Moden. Gibt es die auch in ihrer Darstellung und ihrer Vermittlung im Museum?
Ja, natürlich. Wir vermitteln Literatur heute anderes als dies unsere Vorgänger vor zwanzig Jahren getan haben. Und wir sollten uns nicht einbilden, wir seien das Ende der musealen Vermittlungsästhetik. Auch über uns wird die Zeit hinweggehen. Das ist in Ordnung so, auch wenn man das persönlich nicht so gern hören mag. Was daraus folgt, ist der Anspruch, auf der Höhe der ästhetischen Mittel seiner Zeit zu sein, also diese Mittel zu benutzen, soweit sie in der Lage sind, Erkenntnisprozesse zu fördern, zu begleiten oder sogar anzustoßen. Wir sehen das Museum, und da unterscheiden wir uns vielleicht am deutlichsten von unseren geschätzten Vorgängern, nicht mehr allein als Schaufenster des Archivs. Ich begreife das Museum als eine durchaus eigenständige Einrichtung, die selbst denkt, Probleme formuliert, die Forschungen durchführt und die dem Archiv auf den Leib rückt. Das Museum stellt dem Archiv Fragen. Ich sehe das Museum in einer aktiven Rolle.
Und wie steht es mit dem Reiz des Authentischen? Ist nicht auch der stetig gewachsen?
Es mag schon sein, dass mit jedem Jahr, das wir länger in einer zunehmend digitalisierten Welt verbringen, das Verlangen nach originalen Zeugnissen größer wird. Vielleicht wächst einfach unser Vergnügen daran, vom Atem der Vergangenheit berührt zu werden.
Aber gerade Manuskripte sind doch, was diesen Atem betrifft, eher schwach auf der Brust. Warum entfaltet, was seit Jahrzehnten gedruckt und viel besser lesbar in verschiedenen Ausgaben vorliegt, im Original noch immer einen besonderen Reiz? Ist da noch ein Rest magischen Denkens am Werk?
Ganz sicher. Ohne magisches Denken würde es keine Museen geben. Wenn wir diese wunderbare Fähigkeit des magischen Denkens und Fühlens nicht hätten, müssten wir das ganze Geraffel in unseren Sammlungen gar nicht aufheben. Im Akt des Zeigens kann ein denkbar einfacher Gegenstand den Rang einer Erscheinung erringen: Das Alltagsding wird zum Wunderding.
Wird das auch für das Alltagsding Computerdiskette oder USB-Stick gelten? Steht dem Archiv nicht eine ungeheure Zäsur bevor?
Analoge und digitale Textdokumente schließen sich ja nicht aus, sie existieren nebeneinander, wie man jetzt schon sieht.
Auch die Nachlässe, die in Marbach aufbewahrt werden, sind dem Wandel unterworfen. Stichwort Dichterkorrespondenz: Kaum jemand schreibt noch Briefe.
Das ist richtig. Noch sind wir überwiegend im Papierzeitalter, und die digitalen Bestandteile unserer Sammlung sind überschaubar. Aber sie nehmen mit jedem Tag zu. Wir sammeln ja längst nicht mehr nur gedruckte Literatur, sondern auch digital generierte Dokumente wie etwa literarische Blogs. Als sammelndes Archiv sind wir längst im digitalen Zeitalter angekommen. Auch die Vorlässe und Nachlässe, die zu uns kommen, enthalten zunehmend digitale Bestandteile.
Wie sehen die Bestandteile aus: Disketten, ausgedruckte Mails, Festplatten vom Dichter-PC?
Wir nehmen alles. Und deshalb brauchen wir auch die entsprechende Hardware, um die verschiedenen Speichermedien wie Floppy Disk oder CD überhaupt noch lesen zu können. Daher haben alle Museen, die heute aktuelle Bild- und Textträger sammeln, das Problem, dass sie nebenher noch einen Schrottplatz unterhalten müssen, einen Friedhof der elektronischen Kuscheltiere.
Das Archiv wird also zwangsläufig zum Computermuseum?
Ja, aber natürlich gehen wir auch auf diesem Feld Kooperationen ein, damit unser Technikpark überschaubar bleibt.
Wenn ich heute nach Marbach gehe, um über einen Autor des frühen zwanzigsten Jahrhunderts zu forschen, bekomme ich einen Stapel Papier. Was wird der Literaturwissenschaftler in hundert Jahren in Marbach erhalten?
Der bekommt einige Megabyte oder Gigabyte auf den Tisch und einen kleinen Stapel Papier. Das ist zumindest meine Vermutung.
Ist nicht die begrenzte Haltbarkeit dieser Speichermedien ein Problem? Was vor zwanzig Jahren auf der Floppy Disk gespeichert wurde, ist doch heute schon nicht mehr lesbar.
Das stimmt, die modernen Speichermedien haben in der Regel eine Haltbarkeit von wenigen Jahren. Das ist noch schlimmer als bei den rasch vergilbenden Farbfotos der sechziger Jahre. Die hatten immerhin eine Lebenserwartung von zwanzig, dreißig Jahren. Digitale Zähne fallen noch viel schneller aus. Deshalb hat man heute gigantische Datenverbünde, in denen die Daten ständig als Strom fließen und gar nicht mehr materialisiert und abgelegt werden. An diese Datenverbünde sind auch wir angeschlossen - mitsamt den dazugehörigen Sicherungsmaßnahmen.
Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Ein Autor hinterlässt einige Floppy-Disks, deren Inhalt überspielt wird, bevor die Disk unlesbar ist. Der geistige Gehalt ist also gerettet. Aber wo ist nun das Original? Welche Folgen hat die Digitalisierung für unseren Begriff des Originals? Schafft sie das Original nicht schlicht ab?
Wir versuchen nicht nur, den flachen Text durch die Übertragung zu konservieren. Es gibt mittlerweile eine Art Elektropaläografie oder digitale Archäologie, die sämtliche digitale Vorstufen eines Textes entziffern kann: alle Varianten, Vorstufen, Streichungen lassen sich herauslesen und festhalten. Und genau das tun wir auch.
Wissen die Autoren das? Oder kann es passieren, dass ein Autor glaubt, er liefert eine Diskette mit dem perfekten Manuskript ein, und dann geht das Archiv hin und klamüsert alle Vorstufen und verworfenen Passagen wieder heraus?
Das hat der Autor in der Hand. Wenn er das nicht will, kann er uns ja lediglich einen Ausdruck seines Manuskripts überlassen.
Das Ansehen des Dichters korrespondiert mit der Schriftgläubigkeit einer Gesellschaft: Im Dichter ehren wir auch die Schrift und das Buch als Medium ihrer Speicherung. Ist damit nun Schluss? Sind unsere Schriftsteller auf dem Wege, zu profanen Content-Providern zu werden?
Man sollte die Bedeutung des Speichermediums nicht überschätzen. Da spielen doch auch soziologische Faktoren eine Rolle. Unser zukünftiges Bild des Autors hängt gewiss nicht allein davon ab, welcher Speichermedien er sich bedienen wird. Meiner Ansicht nach findet zurzeit eine Differenzierung statt: Viele Autoren sinken in der Tat zu Content-Providern ab und sind damit vielleicht auch ganz zufrieden. Das hat es immer schon gegeben, wie es auch immer schon Gebrauchsgrafiker gab. Aber die Mechanismen, die dafür sorgen können, dass so etwas wie der Großschriftsteller entsteht, sind nach wie vor intakt.
Welche Mechanismen sind das?
Es gibt zum Beispiel den Generationenwechsel. Das erleben wir ja derzeit in Deutschland: Die Generation der über Achtzigjährigen bereitet sich darauf vor, eine Bühne zu räumen, die ihre Nachfolger dann vielleicht ganz anders bespielen werden. Die literarische Öffentlichkeit, die Medien, das Literaturpreiswesen und anderes mehr, das ist ja alles weiterhin wirksam und bewirkt nicht nur die Kanonbildung, sondern erschafft auch Autoren und Autorenbilder. Dazu trägt auch das Archiv bei, wenn es einen Autor um seinen Nachlass bittet. Da legen auch wir so weltliche Kriterien wie Erfolg und Präsenz zugrunde. Aber bitte keine Missverständnisse: Kanon bedeutet Selektion, bedeutet Exklusion, immer und unbarmherzig. Unser Auftrag ist ein anti-kanonischer: Wir widmen uns auch den Vergessenen, den Verlierern dieses literarischen Darwinismus. Weil wir wissen, dass er fehlbar ist.