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Im Gespräch: Seamus Heaney Retten Gedichte unsere Seele, Mr. Heaney?

23.12.2011 ·  Das Haus des Lyrikers Seamus Heaney liegt direkt an der Bucht von Dublin. Durch ein Oberlicht kann der Nobelpreisträger bei der Arbeit einen verschwenderischen Himmel bestaunen.

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Sie haben über die Häuser von W.B. Yeats und Thomas Hardy geschrieben, die Monumentalität des einen und die Herkömmlichkeit des anderen, und für die BBC durch Wordsworths Dove Cottage geführt. In welchen literarischen Gefilden steht das Haus, in dem Sie arbeiten?

Das Haus, in dem wir uns befinden, ähnelt natürlich eher Hardys „Max Gate“ als „Thoor Ballylee“, dem Turm, in dem Yeats lebte. Aber Glanmore Cottage, mein Haus im County Wicklow, in das ich mich für gewöhnlich zum Schreiben meiner Gedichte zurückziehe, lässt mich oft an Wordsworths Cottage denken. Es handelt sich um ein altes Torhaus mit Schieferschindeln und so weiter - außerhalb von Dublin auf dem Land, wo es sehr still ist. Im Unterschied dazu ist dieses Haus hier eher eine Art Bürgerhaus - eine Maschine, in der das Familienleben betrieben wird.

Haben Sie in den fünfunddreißig Jahren, die Sie inzwischen hier wohnen, nie ein Gedicht in diesem Haus geschrieben? Angeblich trommeln Sie den Rhythmus von Gedichten sogar auf Flugreisen aus.

In meinen Zwanzigern und Dreißigern konnte ich tatsächlich im größten Durcheinander arbeiten, aber mittlerweile brauche ich die Stille. Ted Hughes sagte mir einmal: „Es ist gut, wenn man nicht gestört wird. Aber noch wichtiger ist zu wissen, dass man nicht gestört wird.“ Auf dem Land weiß ich, dass ich nicht gestört werde, und als wir 1976 in dieses Haus einzogen, hatte ich anfangs das Gefühl, Verrat zu üben, weil es sich um kein Schriftstellerhaus handelte. Ich musste mir hier erst ein Nest bauen.

Das enge „Nest-unter-dem-Dach“, das Sie in Ihrem Gedicht „Das Oberlicht“ erwähnen?

Richtig. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mich nach unserem Einzug ganz bewusst hinsetzte, um über einen Freund zu schreiben, der während des Nordirland-Konflikts, kurz nach dem „Blutsonntag“ ein paar Jahre zuvor, bei einer Explosion ums Leben gekommen war. Das Herumschieben der Strophen und Reime war hilfreich, um mit dem Tod dieses Mannes zurechtzukommen, und als ich das Gefühl hatte, dass mir ein gutes Gedicht gelungen war, dachte ich: „Okay, ich bin in diesem Haus sicher.“ Neben diesem Gedicht, „Opfer“, habe ich aber noch einige andere der in dem Band „Feldarbeit“ erschienenen Gedichte hier geschrieben - einige von denen, die mir selbst die liebsten sind.

Welcher innere Zustand bringt ein Gedicht hervor?

Ich kann nicht ohne eine gewisse Erregung anfangen, ohne ein Versprechen, dass irgendetwas geschieht. Hin und wieder beginne ich ein Gedicht zu früh, manchmal halte ich eine Idee, ein Bild oder die initiierende Energie zu lang zurück und verpasse den richtigen Moment des Anfangs. Für einen alten Lyriker wie mich ist es am besten, auf Teufel komm raus loszulegen, sich einfach mit Begeisterung oder Vertrauen kopfüber in die Sache hineinzustürzen - Risiken einzugehen, immer wieder bereit zu sein, Änderungen vorzunehmen, ein wenig herumzuspielen. Einen Großteil der Zeit ist man natürlich sehr ernst und mürrisch gegen sich selbst.

Liest man „Human Chain“, Ihren 2010 erschienenen jüngsten Gedichtband, hat man den Eindruck, Sie bewegten sich mühelos zwischen Gegenwart und Vergangenheit und den verschiedenen Elementen, zwischen der Erinnerung an irische Lyrik des zwölften Jahrhunderts und der Beobachtung eines aufsteigenden Drachens. Welche Orte suchen Sie in Ihren jüngsten Gedichten am liebsten auf?

Ich nehme an, dass ich am häufigsten an die Orte im nordirischen Ulster zurückkehre, an denen ich aufgewachsen bin. Meine Erinnerungen, meine Energie und meine Inspiration sind dort größtenteils verwurzelt. Orte waren für mich schon immer eine wichtige Inspiration, weshalb natürlich auch die Gegend um mein Cottage in Wicklow einer ist, über den ich oft geschrieben habe. Neuerdings wende ich mich auch gern Vergil zu, Dante und so weiter, und früher waren für mich die Reisen ins Werk mitteleuropäischer Lyriker wie etwa Czeslaw Milosz sehr wichtig, obwohl sich das in meinen Gedichten vielleicht nicht so zeigt. Milosz hatte ein starkes Bewusstsein für das menschliche Befinden: Er war frei und wahrhaftig, nicht schwermütig, aber ernst.

„Die Strichelspur von Vaters Eschenstock/ Auf dem Strand von Sandymount/ Ist gleichfalls etwas, was die Flut nicht tilgt.“ Für „Der Strand“, das kürzeste der Gedichte, die Sie für die unlängst in Deutschland erschienene Anthologie „Die Amsel von Glanmore“ ausgewählt haben, scheinen Sie nur mal eben vor die Tür getreten zu sein.

Das Gedicht ist auf ganz eigene Weise hermetisch und spielt auf den „Ulysses“ an, wo Stephen Dedalus über den Strand von Sandymount spaziert. Seine Spuren werden von der Flut nicht getilgt, weil sie für immer in Joyces Roman bewahrt sind. Hier in Dublin ist man sich der Präsenz von James Joyce auf Schritt und Tritt bewusst, und ich hätte nicht über den Strand vor meiner Haustür schreiben können, ohne mich dabei vor Joyce zu verbeugen.

Dennoch ist das Gedicht nicht nur eine Referenz an Joyce, sondern auch an Ihren verstorbenen Vater, und es scheint die Beharrlichkeit der Erinnerung zu thematisieren, die für Ihr Gesamtwerk charakteristisch ist. Welches Verhältnis besteht zwischen Erinnerung und dichterischer Imagination?

Für Samuel Taylor Coleridge war beides beinahe identisch, und je älter ich werde, desto mehr stimme ich ihm zu. Auch in „Human Chain“ kommen mein Vater und meine Mutter wieder vor, Jahrzehnte nach ihrem Tod, und zum Teil ist es der Prozess des Schreibens selbst, der die Erinnerung heraufbeschwört. Viele der Gedichte, die ich in den siebziger und achtziger Jahren schrieb, hatten ihren Ursprung in der Notwendigkeit, den Nordirland-Konflikt zu verarbeiten, in einem Gefühl sozialer Verpflichtung. Als ich jedoch merkte, dass dies zu nichts führte, besann ich mich zunehmend auf eine sehr viel persönlichere Form der Selbstfindung und Festigung und wandte mich in meinen Gedichten wieder meinen biographischen Wurzeln zu, meinen Grundfesten sozusagen.

Bereits aus „Vom Graben“, dem Auftaktgedicht Ihres ersten, 1966 erschienenen Lyrikbandes, spricht die starke Verbundenheit mit dem Erd- oder Ackerboden Ihrer ländlichen Herkunft im County Derry, wo Ihr Vater Bauer und Viehhändler war. Kommt der Erinnerung an die Ursprünglichkeit bäuerlicher oder handwerklicher Arbeit, die Ihr Werk bewahrt, in einer Zeit, in der sich immer mehr Menschen vor allem auf die Handhabung ihres Smartphones und der Tools ihres Computers verstehen, eine neue Bedeutung zu?

Früher hatte ein Großteil der Einwohner Dublins einen ländlichen Hintergrund, aber ich stimme Ihnen zu und glaube, dass die Erinnerung an das Land für Angehörige jüngerer Generationen keine Rolle mehr spielt oder bereits verloren ist. Mir selbst ergeht es manchmal wie dem eisenzeitlichen Tollund-Mann, der in meinem Gedicht „Der Tollund-Mann im Frühling“ in unsere „virtuelle Stadt“ gelangt und sich angesichts der „verkabelten, abwesend blickenden Lächler“, die mit Kopfhörern zum Beispiel vor den Bankautomaten Schlange stehen, sehr fremd fühlt. Der innere Kern des schöpferischen Wesens, das in mir wohnt, liegt in der physischen Welt, in der in „Vom Graben“ beschriebenen Welt, die nach „Kartoffelhumus“ und „sumpfigem Torf“ riecht. Aber ein anderer Teil von mir, der Zeitgenosse und Staatsbürger, lebt an einem anderen Ort, fährt Mercedes und ist auf ganz normale Weise Teil der Konsumgesellschaft.

Ende der neunziger Jahre haben Sie das mehr als tausend Jahre zuvor entstandene angelsächsische Versepos „Beowulf“ ins Neuenglische übertragen. Was verlieren wir, wenn uns die Erinnerung an Texte wie „Beowulf“ abhandenkommt, die Teil des Nährbodens sind, aus dem unsere heutige Kultur hervorgegangen ist?

Ich glaube, man verliert ein Gefühl für den Ernst, für die Erdschwere der menschlichen Existenz. Gedichten wie „Beowulf“ ist eine Art von psychischem Gewicht zu eigen, das sich von dem Diskurs, dem wir im Alltag oder in der Alltäglichkeit heutiger Literatur begegnen, grundlegend unterscheidet. Im ersten Teil ist Beowulf ein junger Mann, der sich als Krieger und als Held erst beweisen muss, aber die eigentliche Schönheit des Gedichts liegt im zweiten Teil, in dem der gealterte Beowulf abermals von etwas herausgefordert wird, das in der Macht seines Schicksals steht und ihn schließlich zerstört. Ich glaube, das Leid oder die Trauer, die diesem zweiten Teil eingeschrieben sind, ist für die Faszination, die dieses Gedicht auf seine Leser nach wie vor ausübt, nicht weniger verantwortlich als die darin beschriebene Entfesselung von Gewalt. „Furcht und Mitleid“, wie Aristoteles in seiner Poetik schreibt. Ich glaube, die Sehnsucht nach dem Gewicht einer Ernsthaftigkeit, wie sie Gedichte wie „Beowulf“ auszeichnet, existiert in vielen Menschen. Das Wesen des Menschen hat sich in den letzten tausend Jahren nicht wirklich verändert, und auch wenn ein angelsächsisches Publikum aus „Beowulf“ vielleicht noch mehr herausgelesen hätte als ein heutiger Leser, ist das Timbre des Textes nach wie vor spürbar.

In seinem Nachwort zu „Die Amsel von Glanmore“ erinnert Michael Krüger daran, dass in der poetischen Rede etwas zum Ausdruck kommen könne, „das sonst nicht vorkommt“. Ist die Lyrik angesichts der unablässigen Talkshow unserer globalen Kommunikation von besonderer Relevanz?

Ich denke schon, dass die Lyrik in einer Welt, in der der Einzelne von morgens bis abends, sei es an seinem Mobiltelefon oder im Internet, einer Vielzahl von oft nicht sehr eindringlichen linguistischen Begegnungen ausgesetzt ist, ein guter Kompass sein kann. Wir erwarten von jedem Gedicht eine Ahnung dessen, was in der Sprache möglich ist, und spüren sofort, wenn es ihm daran ermangelt. Aber sogar ich ändere meine Gewohnheiten und muss Ihnen gestehen, dass ich in den letzten vier oder fünf Jahren zu einem Googler geworden bin: Ich hätte vor unserem Gespräch Ihren Namen googlen sollen.

„Alles kann geschehen, die höchsten Türme können/ Umgestürzt, die Hochstehenden eingeschüchtert,/ Die Übersehenen beachtet werden“: Wie verändert sich unser Blick auf die Realität vertrauter, fortwährend reproduzierter Bilder wie jenen von den Anschlägen auf das World Trade Center, wenn sie von einem Gedicht beleuchtet wird?

Auf der glatten Oberfläche der Bilder, die uns im Alltag umgeben, kann ein Gedicht allenfalls ein Haken sein, an dem der Leser Halt findet. Aber die Aktualität oder der unmittelbare Zeitbezug, wie ich ihn zuletzt in einigen Gedichten meines vor fünf Jahren erschienenen Bandes „District and Circle“ gesucht habe, kann sich als problematisch und vordergründig erweisen. Es gibt einen amerikanischen Lyriker, der als Soldat den Krieg im Irak oder in Afghanistan überlebt und darüber geschrieben hat. Seine Gedichte handeln von den Schrecken des Krieges, sie beinhalten viele Informationen, dringen aber nicht bis zu der menschlichen Erfahrung wirklichen Leids vor. Derartige Gedichte sind eher wie guter Journalismus und erzählen uns eigentlich gar nichts darüber, was es heißt, Mensch zu sein.

Wenn Lyrik eine „Bewegung der Seele“ ist, wie Sie einmal geschrieben haben: Wie schützen Sie Ihre Seele vor den Anstürmen der Gegenwart?

Durch Widerstand. Man muss sich der Dinge bewusst sein, die um einen herum existieren, und diesen widerstehen. Man schützt seine Seele, indem man sein Werk schützt - soweit das eben geht. Es ist ein schweres Geschäft.

Zur Person

Seamus Heaney wird am 13. April 1939 als erstes von neun Kindern einer Viehhändlerfamilie in der Nähe des nordirischen Toomebridge geboren.

1957 nimmt Heaney das Studium der englischen Literatur am Queen‘s College in Belfast auf. Sein erster Lyrikband, „Death of a Naturalist“, erscheint 1966. 1972 zieht er nach Dublin, um am Carysfort College zu lehren. Im selben Jahr erscheint „Wintering Out“.

1985 übernimmt Heaney einen Rhetorik-Lehrstuhl in Harvard, wo er bis 2006 lehrt. Zusätzlich übt er von 1989 bis 1994 eine Poetik-Professur in Oxford aus. 1990 erscheint sein erstes Theaterstück „The Cure at Troy“.

1995 erhält Heaney den Literaturnobelpreis. Vier Jahre später wird seine Übersetzung des Versepos „Beowulf“ ein großer Erfolg. Sein jüngster Gedichtband, „Human Chain“, erscheint 2010.

Heaney ist mit der Lehrerin Marie Devlin verheiratet und hat zwei Söhne.

Das Gespräch führte Thomas David.

Quelle: F.A.Z.
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