http://www.faz.net/-gqz-6m35p

Im Gespräch: Peter Singer : Sind Sie der gefährlichste Mann der Welt?

  • Aktualisiert am

Bild: Burkhard Neie/xix

Wir treffen den Philosophen und Bioethiker Peter Singer in Frankfurt auf der Terrasse seines Hotels. Das Mineralwasser, das er sich wegen der sommerlichen Hitze bestellt, wird er wohl nicht bedenkenlos genießen können, wie wir später erfahren.

          Worum handelt es sich bei Ihrem sogenannten Great Ape Project?

          Mit dem Great Ape Project fordern wir Grundrechte, die bisher Menschen vorbehalten sind, auch für Menschenaffen. Das heißt: das Recht auf Leben, das Recht auf Freiheit und ein Verbot von Folter. Wir wollen zum ersten Mal einem nichtmenschlichen Wesen solche Grundrechte geben, um so eine Brücke zwischen Menschen und Tieren zu schlagen. Wir fangen mit Menschenaffen an, weil sie so eng mit uns verwandt sind. Aber was noch wichtiger ist: Bei ihnen haben wir sehr viele Beweise, dass sie vernünftige und fühlende Tiere sind, dass sie ein Selbstbewusstsein besitzen, dass sie Wünsche für die Zukunft haben. Wenn so eine, ich möchte sagen: „Person“ keine Grundrechte hat, wie können wir dann rechtfertigen, dass alle Menschen Grundrechte haben?

          Mit Ihrem Buch „Animal Liberation“ waren Sie in den siebziger Jahren einer der Gründerväter der modernen Tierrechtsbewegung. Momentan ist das Thema ja en vogue und Vegetarismus populär wie nie. Sind Sie zufrieden?

          Ich kann nicht zufrieden sein, weil wir immer noch ungeheure Dinge mit Tieren tun. Wir töten heute noch mehr Tiere als in den siebziger Jahren, 50 bis 60 Milliarden im Jahr. Man kann sich kaum vorstellen, wie viele das sind. Trotzdem haben wir Fortschritte gemacht. Zumindest im Westen hat man langsam eine andere Einstellung zu Tieren entwickelt. In der Europäischen Union gibt es jetzt Gesetze, die nach und nach die schlimmsten Teile der industriellen Tierhaltung verbieten. So werden beispielsweise vom nächsten Jahr an die Bedingungen bei der Käfighaltung von Legehühnern verbessert. Aber das ist natürlich bei weitem nicht genug.

          Sie haben aber die Hoffnung, dass diese Entwicklung so weitergeht?

          Natürlich habe ich Hoffnung, dass immer mehr Leute kein Fleisch essen oder wenigstens keine Produkte aus den Tierfabriken kaufen. Und dass man anerkennt, dass jedes Tier ein Recht hat, ein anständiges Leben zu führen, in dem es seinen Instinkten folgen kann. Ich hoffe, dass wir eines Tages so weit gehen werden.

          2006 haben Sie aber noch gesagt, an der Universität Oxford durchgeführte Versuche an Affen seien gerechtfertigt - sehr zum Ärger verschiedener Tierrechtsorganisationen.

          Ich bin Utilitarist. Das bedeutet, dass ich eine Handlung nach ihren Folgen beurteile. Führt sie zu mehr Glück als Leiden, dann ist sie gut. Außerdem bin ich dafür, dass man die Interessen der Tiere genauso erwägt wie die der Menschen. Wenn es also wirklich so wäre, dass man in Oxford mit einem Experiment an hundert Affen ein Mittel gegen Parkinson entdecken und damit Hunderttausenden oder sogar Millionen von Menschen helfen würde, dann könnte ich das rechtfertigen. Wenn es sich um eine so kleine Anzahl von Versuchstieren handelt und es keine andere Möglichkeit gibt, eine Therapie für eine solche Krankheit zu finden, dann sollte man das machen.

          Nun wirft man Ihnen ja vor, Sie würden einerseits den Wert tierischen Lebens stärken, während Sie andererseits die Würde menschlichen Lebens schwächen wollen.

          Das ist ein Missverständnis. Ich will die Würde menschlichen Lebens nicht senken. Ich möchte die Würde der Tiere erhöhen. Und ich glaube, dass es eine Gewähr dafür ist, dass wir uns auch anderen Menschen gegenüber besser verhalten, wenn wir Tiere in die Gemeinschaft der Wesen mit Rechten aufnehmen. Dann kann man beispielsweise nicht mehr sagen: Dieser Mensch ist nicht so vernünftig, wir können also schmerzhafte Forschungen an ihm vornehmen.

          Dennoch sind Ihre ethischen Thesen für viele eine Provokation, da es für Sie offensichtlich kein absolutes Tötungsverbot gibt.

          Wenn ein Flugzeug von Terroristen entführt wird und man weiß, sie wollen es in ein Fußballstadion mit 50. 000 Menschen lenken, dann finde ich, dass man es rechtfertigen kann, das Flugzeug abzuschießen. Man tötet die unschuldigen Insassen des Flugzeugs, rettet aber die sehr viel mehr Menschen im Fußballstadion. Ein anderer Fall ist es, wenn sich ein Mensch freiwillig für den Tod entscheidet. Jemandem, der Krebs hat und sein Leben wegen der starken Schmerzen einfach nicht mehr erträglich findet, sollte sein Arzt ermöglichen, human zu sterben. Selbstverständlich nur, wenn der Patient es wirklich möchte. Und es gibt ein paar sehr seltene Fälle, in denen ich bei Neugeborenen die Tötung erlauben würde. Wenn die Prognosen schlecht sind, das Baby sehr leidet und vielleicht in ein paar Wochen sowieso sterben würde, halte ich es für besser, dieses Kind nicht länger leiden zu lassen, sondern es gleich zu töten. Aber auch das darf nur auf Wunsch der Eltern geschehen.

          Im Deutschen Bundestag ist kürzlich über die Präimplantationsdiagnostik abgestimmt worden. Man hat sie eingeschränkt zugelassen. Das müsste Ihre Zustimmung finden.

          Eltern sollten die Freiheit haben, selbst zu entscheiden. Wenn nicht die Eltern, wer dann? Ich finde es besser, PID zu benutzen, wenn man irgendeine genetische Krankheit hat, als später abzutreiben. Das ist in vielen anderen Ländern erlaubt. Ich sehe hier kein Problem.

          Eine komplexe Problematik ist auch der Umgang mit Wachkomapatienten.

          Bei Wachkomapatienten würde ich wissen wollen, wie sie sich vor dem Koma entschieden hätten. Ich würde die Verwandten fragen, ob dieser Mensch je geäußert hat, ob er unter solchen Bedingungen weiterleben wolle oder nicht. Ich persönlich würde nicht weiterleben wollen, wenn es keine Hoffnung mehr gäbe, dass ich wieder aufwache. Und meine Frau weiß das. Sie würde dem Arzt sagen, dass ich nicht weiterleben will und dass er mich töten darf. In so einem Fall würde ich das rechtfertigen. Aber wenn jemand gesagt hat, er würde auch im Wachkoma weiterleben wollen, dann muss man diesen Wunsch wohl respektieren.

          Man hat Sie aufgrund solcher Überlegungen einmal den „gefährlichsten Mann der Welt“ genannt. Was fühlt man, wenn man so etwas über sich liest?

          Man hat das vor dem 11. September 2001 über mich gesagt, danach nicht mehr. Jetzt wo Bin Ladin tot ist, sagt man es vielleicht bald wieder. Ich kann darüber nur lachen. Ich kann es wirklich nicht ernst nehmen. Andererseits freut es mich, dass die Philosophie offensichtlich noch so ernst genommen wird.

          Aber können Sie diesen Widerstand gegen Ihre Position gar nicht verstehen? Vielleicht haben Sie die falsche Sprache gewählt, um über derart schwierige Themen zu reden? Mir kommen Ihre Gegenüberstellungen häufig zu mathematisch vor.

          Vielleicht besteht auch ein Unterschied zwischen dem Deutschen und dem Englischen. Es kann sein, dass wir auf Englisch gewohnt sind, in einem, ich möchte nicht sagen: klareren, aber doch kälteren Ton über solche Dinge zu sprechen. Und vielleicht spricht man in Australien noch offener als in den Vereinigten Staaten. In Australien habe ich nie ähnliche Reaktionen erhalten wie in Deutschland oder Amerika. In den Vereinigten Staaten hat es aber auch mehr damit zu tun, dass die Religiösen einen so großen Einfluss haben und die ganze politische Debatte über Abtreibung immer noch sehr heiß ist. Hätte ich mehr wie ein akademischer Philosoph geschrieben und wäre ich ein bisschen schwieriger zu verstehen wie Kant oder Hegel, dann wären solche Reaktionen sicher ausgeblieben.

          Sie stammen aus einer deutsch-jüdischen Familie. Ihre Eltern flohen 1938 aus Wien nach Australien. Drei Ihrer Großeltern starben im Holocaust. War das ein Impuls für Sie, sich mit Ethik zu beschäftigen?

          Man hat mich das immer wieder gefragt. Mir war das vorher nie bewusst, aber vielleicht hat dieser Hintergrund in mir eine gewisse Barmherzigkeit gegenüber Leiden gefördert. Oder eine Sensibilität dafür, dass andere Wesen unter unserer Tyrannei leiden.

          Sie haben sogar ein Buch über Ihren Großvater geschrieben.

          Mein Großvater David Ernst Oppenheim war ein Kollege Sigmund Freuds und hat sogar einen Artikel mit ihm verfasst. Auch mit Alfred Adler hat er zusammengearbeitet. Zuerst wollte ich gar kein Buch schreiben, sondern einfach herausfinden, was er gedacht hat und ob es Ähnlichkeiten zwischen ihm und mir gibt. Aber am Ende hatte ich so viel Material, und ich dachte, es könnte auch für andere ein interessanter Stoff sein. Ich habe auch sehr viele Briefe gefunden, die er und meine Großmutter sich vor ihrer Heirat geschrieben haben. Beide hatten homosexuelle Neigungen, waren darin aber sehr ehrlich zueinander und führten später eine ausgesprochen glückliche Ehe. Dann gibt es noch viele Briefe aus der Zeit, nachdem meine Eltern ausgewandert waren und bevor mein Großvater nach Theresienstadt deportiert wurde. Das waren schmerzhafte Briefe, aber auch sehr interessante.

          In Deutschland hat man Ihre Haltung zur Euthanasie gerade wieder kritisiert.

          Ja, das scheint mir alles sehr paradox. Man vergleicht, was ich und die ganze englische Sprachwelt unter Euthanasie verstehen, mit dem Euthanasieprogramm der Nazis, und das hat wirklich nichts miteinander zu tun. Bei den Nazis ging es darum, vermeintlich lebensunwertes Leben zu töten, das ihrer Meinung nach nicht zur arischen Rasse passte. Bei mir dagegen geht es um Leiden. Außerdem spreche ich immer von individuellen Entscheidungen, nicht von staatlich verordneten. Ein weiteres Paradox ist, dass mir die sogenannten Antifaschisten das Recht auf Redefreiheit genommen haben. Wenn ich in den neunziger Jahren einen Vortrag in Deutschland hielt, pfiffen oder schrien sie so laut, dass ich nicht weitersprechen konnte. Offenbar sind sie gegen Meinungsfreiheit. Sie sagen, sie seien Antifaschisten, und dann tun sie genau das, was die Faschisten getan haben.

          Ihre Großmutter hat geschrieben: „Wenn Gott einen guten Menschen wie meinen Mann sterben lässt, dann brauche ich seinen Gesetzen nicht zu folgen.“ Bedeutet Ihnen Religiosität etwas?

          Vor dem Krieg war meine Großmutter noch religiös. In Theresienstadt musste sie dann zusehen, wie mein Großvater fast verhungerte, schließlich erkrankte und starb. Als sie nach der Befreiung zu meinen Eltern nach Australien kam, frage man sie, ob sie koscheres Essen wolle. Da hat sie dann diesen Satz gesagt. Der Holocaust hat ihr wohl den Glauben an Gott genommen. Auch ich kann mir nicht vorstellen, wie ein christlicher Gott mit unserer Welt vereinbar sein soll.

          In Ihrem neuesten Buch geht es um unsere Verantwortung gegenüber der Dritten Welt.

          Mein Grundgedanke ist: Wir sitzen hier bequem, bestellen Mineralwasser, und andererseits gibt es auf der Welt eine Milliarde Leute, die jeweils von der Summe, die dieses eine Mineralwasser kostet, einen ganzen Tag leben müssen. Das hat zur Folge, dass jedes Jahr acht Millionen Kinder an Krankheiten sterben, die einfach zu behandeln sind, wie zum Beispiel Durchfall. Ich würde nicht sagen, dass wir Mörder sind, wenn wir ihnen nicht helfen, aber wir haben eine große Verantwortung gegenüber diesen Menschen. Deswegen sollte jeder in den reichen Ländern einen Teil seines Einkommens spenden. Auf meiner Website kann man ausrechnen lassen, wie viel das sein sollte. Ich halte bis zu fünf Prozent für angemessen, spende aber persönlich 25 bis dreißig Prozent.

          Sie schlagen auch vor, dass man sich bei jedem Opern-, Kino- oder Restaurantbesuch überlegen sollte, ob es nicht besser wäre, das Geld zu spenden. Das klingt nicht so, als würde Moral viel Spaß machen.

          Im Gegenteil. Wenn man Leute, die viel spenden, fragt, wie viel Freude sie am Leben haben, dann sind sie meistens zufriedener als Leute, die nichts spenden. Anderen zu helfen ist eine Quelle des Glücks. Ich will auch nicht sagen, dass man nie ins Café gehen soll. Wenn man den Teil, den ich in meinem Buch vorschlage, spendet, wird man sehen, dass man immer noch ins Kino gehen und gut leben kann. Gleichzeitig kann man aber sagen, dass man das Seine gegen absolute Armut getan hat.

          Zur Person

          Peter Singer wird am 6. April 1946 in Melbourne geboren. Seine Eltern sind als Juden aus Wien vor den Nationalsozialisten nach Australien geflohen.

          Nach dem Philosophiestudium lehrt Singer unter anderem in Oxford und New York . Er vertritt eine utilitaristische Position. 1977 erhält er einen Lehrstuhl für Philosophie an der Universität seiner Heimatstadt, 1999 geht er nach Princeton .

          Mit seinen bioethischen Thesen zu Abtreibung und Sterbehilfe polarisiert Singer das Publikum. In Deutschland werden mehrfach Auftritte von ihm durch Demonstranten verhindert. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Philosophie sind die Rechte von Tieren.

          Sein jüngstes Buch, erschienen 2010, heißt „Leben retten - Wie sich Armut abschaffen lässt und warum wir es nicht tun“. 2011 erhält Singer den Preis der Giordano-Bruno-Stiftung.

          Singer ist seit 1968 mit Renata Diamond verheiratet. Das Paar hat drei Töchter.

          Das Gespräch führte David Gern.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Das Geheimnnis der singenden Mäuse Video-Seite öffnen

          Verhaltensforschung : Das Geheimnnis der singenden Mäuse

          Ein Wiener Forschungsteam hat das für Menschen nicht wahrnehmbare Gezwitscher von Mäusen mit einem Ultraschallmikrofon hörbar gemacht. Nun wollen sie herausfinden, warum die Tiere singen.

          Topmeldungen

          Monokulturen und der Einsatz von Agrarchemikalien stehen im Verdacht als Auslöser des Insektenschwunds.

          75 Prozent weniger Insekten : „Wir befinden uns mitten in einem Albtraum“

          Das Insektensterben lässt sich nicht mehr abstreiten. Der oft kritisierte Krefelder Entomologen-Verein hat jetzt in einer Langzeitstudie gezeigt: Die Populationen sind seit der Wende um drei Viertel geschrumpft. Welchen Anteil hat die Landwirtschaft, welchen das Klima?
          Abgang: Stanislaw Tillich am Mittwoch

          Tillichs Rücktritt : Sächsischer Befreiungsschlag

          Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich tut jetzt das, was während seiner Regentschaft viele bitter vermisst haben: Er handelt konsequent. Die Luft um ihn war schon lange vor seinem Rücktritt dünn geworden.
          Make China Great Again: Studenten sehen sich in Huaibei Xis Eröffnungsrede des Parteikongresses an. Der Jubel für den Parteichef ist groß.

          Chinas Zukunft : Groß, marxistisch, schön

          Xi Jinping skizziert China als moderne, orthodoxe Weltmacht. Den „chinesischen Traum“ will er mit Härte verwirklichen. Und einer starken, unumstrittenen Partei.
          Andrea Nahles und Thomas Oppermann, kurz nachdem sie zu seiner Nachfolgerin gewählt wurde. Oppermann schielt jetzt auf das Amt des Bundestags-Vizepräsidenten – nur ist er da nicht der einzige.

          Neuer Bundestag : Das Postengeschiebe hat begonnen

          Die Nominierung des Kandidaten für die Bundestags-Vizepräsidentschaft bereitet der SPD einige Schwierigkeiten. Währenddessen hält die FDP für den Posten ihrer Partei eine Überraschung bereit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.