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Im Gespräch: Netzkritiker Andrew Keen Was das Internet weiß, ist meist banal

 ·  In seinem Buch „Die Stunde der Stümper“ hat Andrew Keen das Internet als Ort der Amateure kritisiert - und wurde dafür selbst scharf angegangen. Der Brite sieht eine politische Korrektheit am Werk, die einen technischen Fortschritt bejubelt, dem bald die Kultur zum Opfer fallen könnte.

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In seinem Buch „Die Stunde der Stümper“ hat Andrew Keen das Internet als Ort der Amateure kritisiert - und wurde dafür selbst scharf angegangen. Der Brite sieht eine politische Korrektheit am Werk, die einen technischen Fortschritt bejubelt, dem bald die Kultur zum Opfer fallen könnte.

Herr Keen, vor zwei Jahren ist Ihre Internetkritik „The Cult of the Amateur“ auf Englisch erschienen, jetzt kam es als „Die Stunde der Stümper“ auch in Deutschland heraus. Bei einem Medium, das sich so rasant verändert wie das Internet, ist das eine Ewigkeit.

Ja, und die Lage ist ernster als je zuvor. Wir könnten bald Zeuge einer dramatischen Entwicklung werden. Etablierte Zeitungen werden verschwinden. Andere wird es nur noch als Online-Ausgabe geben oder auf Lesegeräten, wie sie die britische Firma Plastic Logic demnächst in Dresden produzieren will. Auch die Literaturindustrie steht vor einer riesigen Herausforderung durch die Internetkultur. Für die Ära der Massenunterhaltung, für Hollywood, könnte sie gar das Ende bedeuten.

Ihr Buch trägt auf Deutsch den Untertitel „Wie wir im Internet unsere Kultur zerstören“. Was meinen Sie damit?

Der Untertitel hat mir Kopfschmerzen bereitet. Die Gedanken dahinter sind komplexer, weil die Phänomene des Internets natürlich ohne gesellschaftliche Phänomene nicht denkbar wären. Die bedrohte Kultur, von der ich rede, ist jene Kultur, die wir den Schriftstellern, Filmemachern, Musikern und Journalisten verdanken. Natürlich wird es immer kreatives Arbeiten geben. Aber in welcher professionellen Form und in welcher beständigen Qualität, das ist die Frage.

Für Sie ist das auch eine Frage der Zukunft unserer Demokratie.

Was der Umgang der Politik mit dem Internet bedeutet, wird sich das erst noch herausstellen – denken Sie nur an Obama, der sich ja während des Wahlkampfs stark der Internet-Technologien bediente. Was mir vorerst Sorgen bereitet, ist die Demokratisierung der Kultur, die Amateurisierung der Kultur. Zum einen hat der von Amateuren ins Netz gestellte Inhalt per Definition nicht die Qualität dessen, was Profis machen. Dafür fehlt ihnen meistens die Ausbildung, die Praxis und die Zeit. Zum anderen entzieht all das – die Gratis-Kultur und die des Raubkopierens inbegriffen – dem Spezialistentum die wirtschaftliche Grundlage, zumal es schwer ist, geistiges Eigentum im Internet zu schützen. Gegen den technischen Fortschritt und neue Verbreitungswege ist auch nichts einzuwenden. Ich kann mir ein Leben ohne die neuen Technologien nicht mehr vorstellen. Nur wird es immer schwieriger, Inhalte zu verkaufen und von diesen Produkten zu leben. Es schlägt eben „Die Stunde der Stümper“ – den deutschen Titel meines Buchs finde ich etwas besser als den englischen.

Dabei wäre auch Ihr Buch kaum ohne die Recherche im Internet entstanden. Wikipedia hat doch bei aller Kritik sinnvolle Seiten.

Ja, Wikipedia kann nützlich sein, wenn man sich seinen Artikeln kritisch nähert. Das Problem ist, dass sich viele Nutzer, besonders Jugendliche, blindlings darauf verlassen. Wir müssen ihren kritischen Blick schärfen, ihre Medien-kompetenz.

Brandneu sind Ihre Thesen schon lange nicht mehr. Sie werden vorgebracht, seit es das Internet gibt.

Ich behaupte gar nicht, dass ich die Thesen erfunden hätte. Aber ich kann durchaus sagen, mit meinem Buch eine außerordentliche Debatte darüber angestoßen zu haben. Ich war selbst früher als Unternehmer vom Internet begeistert (Keen gründete 1995 im Silicon Valley das Start-up-Unternehmen Audiocafe, das im Jahr 2000 Konkurs anmelden musste, Anm. d. Red.). Mit meinem Buch habe ich es gewagt, mich gegen die „Political Correctness“ jener fortschrittsgläubigen Internetutopisten zu stellen, die jede Art von Diskussion zu unterbinden versucht. Es ist bewusst als Polemik konzipiert. Ich war der Erste, der rief: Der Kaiser ist nackt!

Was waren die Reaktionen?

Die Verlage, die Musik- und die Filmindustrie ermutigten mich zu dem Buch. Die Utopisten waren regelrecht erschrocken, dass ich ihre ideologische, ja orthodoxe Haltung kritisierte. Wie kann jemand etwas angreifen, was sie als Ausdruck eines besonders demokratischen, freiheitlichen Aufbruchs erachten? Sie attackierten mich scharf, als wäre ich der Antichrist. Darüber gingen auch Freundschaften zu Bruch.

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Die Fragen stellte Matthias Hannemann.

Quelle: F.A.Z.
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