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Im Gespräch: Joseph Vogl „Reine Lehren funktionieren nicht mehr“

11.10.2011 ·  Der Kulturtheoretiker Joseph Vogl erklärt, warum ökonomische Lehren einen dritten Weg einschlagen müssen, um das Zeitalter großer Krisen zu bewältigen.

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Herr Vogl, Sie beschreiben in Ihrem Buch „Das Gespenst des Kapitals“, dass die moderne Marktwirtschaft, obwohl sie sich auf das Ausgleichsprinzip von Angebot und Nachfrage beruft, ihrem Wesen nach spirituellen, göttlichen Maximen folgt. Ist kapitalistische Wirtschaftstheorie also moderne Metaphysik?

Joseph Vogl: Zunächst muss man wohl feststellen, dass in der Ökonomie theologische Ordnungsfiguren fortwirken. Das ließe sich schon begriffsgeschichtlich dokumentieren. Oikonomia bedeutete bis in die frühe Neuzeit nicht nur gute Hausverwaltung, das war auch ein Begriff für die göttliche Verwaltung der Welt. Er bezeichnete die Transmission eines entrückten göttlichen Willens in die Belange des Irdischen, also eine Art theologischer Betriebswirtschaft. Noch im achtzehnten Jahrhundert bezieht sich ‚Ökonomie‘ auf alle möglichen Ordnungsideen, von der Organisation der Körper bis zum System der Natur, und wurde erst allmählich für wirtschaftliche Fragestellungen im engen Sinne adoptiert. Was früher einmal die „manus gubernatoris“ Gottes war, die lenkende Hand Gottes, ist später zur „unsichtbaren Hand“ geworden.

Auf diese Hand von Adam Smith scheint man bis zu heute zu vertrauen. Ein Investmentbanker reagierte auf die Lehmann Brothers-Pleite mit dem Satz: „Jetzt hilft nur noch beten.“ Überrascht Sie dieser offene Rekurs aufs Göttliche, der zugleich ein Eingeständnis blanker Unwissenheit ist?

Solche Eingeständnisse haben jedenfalls den Vorzug der Eindeutigkeit. Die Akteure der Finanzmärkte haben sich stets auf Rettung von höherer Seite, aber auch auf Berechnungstechnologien verlassen, die die Wahrscheinlichkeit solcher Krisen auf eins zu zig Milliarden quantifizieren, also eigentlich auf die Unmöglichkeit solcher Krisenereignisse setzen. Als dann das Unvorstellbare passierte und weit und breit keine rettende Hand half, war die Perplexität groß. Seit geraumer Zeit haben allerdings schreibende Broker, zum Beispiel Nassim Taleb, diese Hoffnung auf ökonomische Vorsehung als hinfällig erkannt und zur Stärkung oder Erbauung zwar nicht das Gebet, aber die Lektüre der Stoiker empfohlen, zum Beispiel Senecas „Philosophische Briefe“. Auch unter den Technikern dieser Finanzmärkte steigt also die Ahnung auf, dass alle möglichen Prognoseverfahren und damit auch alle kalkulierbaren Erwartungshorizonte einen ganz wesentlichen blinden Fleck haben, nämlich jenen, den Keynes die „perfidious future“ genannt hat: dass die Zukunft ungewiss ist und dass es immer anders kommt, als man denkt.

In Ihrer nüchternen Analyse vermeiden Sie, das Motiv der Gier als tragenden Grund für die Krise von 2008 zu nennen. Warum?

Auch der Begriff der Gier hat ja eine interessante Herkunft. Er kommt von einer alten christlichen Todsünde her, der Avaritia, der Habgier. Und wo man heute von den Fatalitäten der Gier spricht, wäre zweierlei anzumerken. Einerseits unterstellt man damit ganz katholisch, dass Gewinnsucht und der Umgang mit Geld nicht unbedingt den Charakter verbessern, eine wohl immer noch bedenkenswerte These. Andererseits aber glaubt man, mit Exzessen der Gier tatsächlich Schuldige für die Pannen im System benennen zu können und Verantwortlichkeit an bestimmten Punkten zu konzentrieren. Damit macht man es sich aber zu leicht, vermeidet fundamentale Analysen des Systems. Allenfalls könnte man darüber nachdenken, auf welche Weise man es hier, im Kapitalismus, mit strukturell ‚gierigen‘ Systemen zu tun hat.

Das hieße aber auch, dass man keine Entscheidungsträger zur Verantwortung ziehen kann. Nehmen wir nur Leute wie Henry Paulson, ehemaliger CEO von Goldman Sachs, oder Alan Greenspan, bis 2006 Chef der Fed. Die haben Fehler eingestanden.

Ja, 2008 hörte man so etwas von allen möglichen Seiten. Vielleicht war wirkliche Reue dabei, wahrscheinlich echte Ratlosigkeit. Tatsächlich schien ja für Paulson und andere eine Art Glaubenslehre zu kollabieren, das Dogma von den heilsamen Kräften des Marktes. Dann konnte man etwas beobachten, was Soziologen ‚strukturierte Verantwortungslosigkeit' nannten: Die Schuldzuweisungen wandern bis heute zwischen Politik und Wirtschaft hin und her. Dabei unterschlägt man, mit welcher Vehemenz, mit welchen konzertierten Aktionen von Wirtschaft und Politik seit den 1980er Jahren die deregulierten Finanzmärkte beschworen und durchgesetzt wurden.

Heißt dann die Harmonisierung dieser Gegensätze „Soziale Marktwirtschaft“?

Nicht wirklich. Die Ordoliberalen, die einige Grundlinien der so genannten „Sozialen Marktwirtschaft“ soufflierten, schlugen einen anderen Weg ein. Sie wandten sich erstens gegen die theologische Befangenheit des klassischen Liberalismus und forderten eine neue ökonomische Aufklärung. Zweitens wurde dabei von einem „dritten Weg“ zwischen Planwirtschaft und Wirtschaftsliberalismus gesprochen - beide Varianten hängen noch allzu sehr an deterministischen Hoffnungen. Schließlich behaupteten Ordoliberale wie Alexander Rüstow schon in den vierziger Jahren, dass Wettbewerb und freie Märkte keineswegs soziale Integration bewirken und - wenn überhaupt - nur unter ganz eng gesetzten Grenzen funktionieren können.

Lässt sich die Finanzkrise von 2008, die Sie in Ihrem Buch minutiös analysieren, mit der heutigen Eurokrise vergleichen?

Jede Krise hat ihr eigenes individuelles Profil. Aber die Krise von heute ist keine andere als die von 2008, sondern deren Fortsetzung unter verschärften Bedingungen. Dazu gehören, glaube ich, drei wesentliche Faktoren. Erstens wurden nach 2008 all die Strukturen erhalten oder gar verstärkt, die zur Krise 2008 führten: Bankenfusion, billiges Geld, die Position von Rating-Agenturen, kaum Beschränkungen für die Finanzindustrie etc. Zweitens haben die Liquiditätsprobleme und Bankenrettungen von 2008 die Staatschuldenkrisen heute zugespitzt; es gibt kaum mehr finanzielle Spielräume. Und drittens macht sich die institutionelle Eigenart des Euro bemerkbar: als einzige Währung, die nicht an Instanzen souveräner Staatlichkeit gekoppelt ist.

Könnte man vergangene Fehler wieder gutmachen, indem man die alten Zustände - sagen wir: vor den siebziger Jahren - restituiert?

Ökonomische Dynamiken sind genauso irreversibel wie historische Prozesse. Hier kommt man mit der Beschwörung alter Zustände nicht weiter. Das zeigt sich insbesondere in Krisenzeiten: Es gibt hier keine probaten und einfachen Antworten. Man tastet, experimentiert, probiert diese oder jene Maßnahme aus und hofft auf Erfolg. Aber vielleicht ist das auch eine interessante intellektuelle Gelegenheit: Die Versprechen reiner - zum Beispiel neoliberaler - Lehren funktionieren nicht mehr.

Das Gespräch führte Tomasz Kurianowicz.

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