Man trifft ja nicht jeden Tag einen Superstar. Sie sind der wohl populärste lebende Künstler ...
... nicht, dass ich wüsste. Ich würde sagen, es gibt populärere Künstler. Aber ich muss auch sagen, dass ich immer eine Plattform für meine Arbeit haben wollte, deshalb fühle ich mich geehrt: eine Plattform, von der aus ich kommunizieren kann, in Dialog treten über die Macht der Kunst.
Das hat funktioniert. Sie sind in einer wohlbehüteten Familie und Atmosphäre aufgewachsen, im amerikanischen weißen Mittelstand. Ist das wichtig für Ihr Werk?
Wissen Sie, ich denke, dass jeder seine eigene Geschichte annehmen muss, und das ist eben meine kulturelle Geschichte. Ich hatte das große Glück, viel Unterstützung zu bekommen. Schon als Kind habe ich Interesse am Zeichnen und Malen gezeigt, und ich bekam jede Woche Unterricht. Ich wollte immer schon Künstler werden. Das Einzige, worauf ich mich vorbereitete, war, Kunst zu studieren. Meine Eltern haben mich dabei kompromisslos unterstützt, sie sagten nie, davon könne man nicht leben. Sie haben immer daran geglaubt, dass man den Interessen folgen soll, die einen anziehen. Ästhetik habe ich von meinem Vater vermittelt bekommen. Er war Raumausstatter; an den Wochenenden habe ich mit ihm in seinem Geschäft gearbeitet und gelernt, wie Gefühle von Farbe und Textur und Design kontrolliert werden. Mein Vater war jemand, der die Dinge so gut wie möglich machen wollte. Manche Leute würden von „Perfektionismus“ sprechen, aber mein Vater wusste, wann er aufzuhören hatte. Er hat mir auch beigebracht, dass man nach der Erfüllung der Vision, die man hat, trachten muss.
Sie haben in Ihrem „Jeff Koons Handbuch“ 1992 geschrieben: „Ich vermittle den Menschen, dass man im Leben nicht intelligent sein muss, es genügt, clever zu sein.“ Würde Ihnen selbst das auch genügen?
Kunst ist absolut ein Mittel, Leuten Kraft zu verleihen, so, wie die Kunst meinem Leben Kraft gegeben hat. Kunst kann aber auch ohnmächtig machen, dass die Leute sich fehl am Platz fühlen. Sie fürchten, dass es etwas gäbe, auf das sie vorbereitet sein müssten, Kenntnisse oder Regeln, ehe sie mit der Kunst in Kontakt kommen. Dann fühlen sich die Leute in ihrer eigenen Geschichte verunsichert. Aber natürlich gibt es keine solchen Regeln. Nichts kann von dir erwartet werden, weil die Kunst in dir selbst passiert.
Also doch lieber clever sein als intelligent?
Nein, nein. Es geht darum, sich selbst anzunehmen. Ich habe eine Menge Leute getroffen, die absolut brillant sind. Aber das heißt nicht, dass sie in der Welt funktionieren können, etwas aus ihrer Brillanz machen. Und dann gibt es andere Leute, die ihre Beschränkungen haben, aber sie können die Dinge irgendwie leichter miteinander verbinden. Es geht also darum, dass die Leute ihr Potential ausleben können - und die Freiheit verstehen, die wir als Individuen haben.
Sind Sie etwa Marxist?
Nein, in solchen Begriffen denke ich nicht. Allerdings denke ich darüber nach, wie man im Leben erfahren kann, was unsere Freiheiten sind. Ich arbeite ja mit diesen „Inflatables“. Ein solches aufblasbares Objekt ist, wenn es, schschsch, aufgeblasen ist, ein Symbol für Optimismus. Wenn ich es dann in Stahl gieße, nimmt es einen Zustand von permanentem Optimismus an. Für mich ist ein Symbol für den Tod das genaue Gegenteil: wenn daraus die Luft entweicht. Wir sind wie Ballons, sie sind eine Metapher für menschliches Leben. Und ich würde es im Moment meines Todes hassen, dass alles enthüllt wird, absolute Aufklärung. Und ich möchte niemals dieses „Ach, es wäre so einfach gewesen, wenn ich es akzeptiert hätte“ erfahren. Ich will dieses Gespür für die Möglichkeit, diese menschliche Geste erfahren, solange ich am Leben bin.
Ich glaube, ein sehr wichtiger Begriff für Sie in Ihrem Werk ist „biology“. Biologie ist dabei aber sicher etwas anderes als Sexualität, hat auch nichts mit Schuld oder Scham zu tun.
Ich habe mich immer sehr für Philosophie interessiert und was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Biologie reicht in dieses Feld hinein, in das der Selbstwertschätzung. Mein Interesse an Sexualität ist Selbstwertschätzung, und auch das Genießen, pleasures, und was es eben bedeutet, ein Mensch zu sein, sich fortzupflanzen, die Fortsetzung der Lebensenergie: all die phantastischen Aspekte der Biologie. Die einzig wahre Erzählung ist die biologische Erzählung - nicht der Film, den du gestern Abend gesehen hast. Und unsere Gene, unsere DNS - das ist unsere wahre menschliche Geschichte. Kunst kann dieses biologische Narrativ beeinflussen, so, wie sich die Gene und die DNS miteinander verbinden. Das geschieht, wenn Bezüge hergestellt werden, wenn Leute bewusste Verbindungen eingehen. Wenn also ein Künstler sich auf Manet bezieht und Manet sich auf Velázquez und Velázquez sich vielleicht auf Masaccio bezieht, Masaccio auf Praxiteles und Praxiteles auf einen anderen aus der Antike referiert: Das ist die Nachbildung des biologischen Narrativs.
Darf ich Sie etwas viel Prosaischeres fragen: Was ja auch funktioniert, ist der Kunstmarkt. Was bedeutet der Kunstmarkt für Sie?
Der Kunstmarkt war mir nie wichtig. Wichtig für mich war immer, dass ich teilhaben wollte. Ich liebe den Thrill an der Kunst. Ich liebe das Adrenalin und die chemischen Reaktionen auf Kunstwerke. Wissen Sie, das ist fesselnd, und es macht stark.
Und dabei ist eine Menge Geld im Spiel.
Da ist Geld, und da kommt Führerschaft, leadership, ins Spiel...
Auch Narzissmus?
Narzissmus, phhh, das glaube ich wirklich nicht. Und ich verstehe die Frage nach Narzissmus nicht im Dialog über meine Arbeit, jetzt im Moment. Ich habe Bilder von mir selbst in Arbeiten einbezogen. Da ging es darum, Dinge im menschlichen Leben miteinander zu verbinden, es ging um Erfahrungen. Ich habe spiegelnde Oberflächen benutzt. Das hat mit dem Betrachter zu tun, seiner Bestätigung. Ich glaube, dass die Dinge vor allem mit Führerschaft zu tun haben. Und ich war stolz darauf, sehr selbstbewusst zu sein. Meine ganze Familie hat mich dazu erzogen. Sie haben mich dazu erzogen, mich an der Gemeinschaft zu freuen. Und ich glaube, vor allem wenn du mit Kunst beschäftigt bist, kannst du - das ist ein Konzept der Avantgarde - deine eigene Zukunft erschaffen, eine gemeinschaftliche Realität. Und das tust du nach besten Kräften. Das ist mein Konzept von Kunstmarkt.
Interessieren Sie sich denn dafür, wer Ihre Werke kauft? Wer sie besitzt? Ob sie, sagen wir, nach Russland gehen oder in ein Emirat oder zu einem Ihrer treuen Sammler?
Weil meine Produktion klein ist, stehe ich mit den meisten Leuten in Kontakt, die meine Arbeiten erwerben. Im Primärmarkt habe ich Kontakt mit jedem von ihnen. Interessant ist, wer auf die Werke reagiert, wem sie etwas sagen, in wem sie etwas in Bewegung setzen. Aber letztendlich kannst du es nicht verfolgen, da sind der Sekundärmarkt und all diese anderen Dinge, die ins Spiel kommen. Das lässt sich nicht kontrollieren. Aber - ja: Natürlich ist es interessant, wen du stark berührst.
Für ein Gemälde braucht man Farbe, das ist es. Sie haben enorme Material- und Produktionskosten und hohe Ansprüche an Perfektion.
Ja, die Materialkosten sind sehr hoch. Es ist deshalb sehr wichtig, dass das Kunstwerk mit einer Stimme spricht, die den Gebrauch des Materials rechtfertigt. Wenn ich das, was ich erreichen will, in anderem Material erreichen könnte, würde ich das machen. Ich habe mich dem rostfreien Stahl zugewandt, das ist ja wirklich kein Luxusmaterial. Es ist ein proletarisches Material, Töpfe und Pfannen sind daraus hergestellt. Aber der Stahl verleiht den Arbeiten Stärke, und gleichzeitig kann ich damit diese berauschenden Oberflächen erzielen. Sie reflektieren ihre ganze Umgebung, beteiligen dadurch den Betrachter und bekräftigen seine Existenz. Ich benutze ein Material nur, weil es meine Idee transformieren kann. Fetischismus ist ein Energieverlust. Was du wirklich möchtest, ist, mehr Energie aus etwas herauszuholen als hineinzustecken. Ich bin kein Perfektionist. Ich versuche nur immer, das Vertrauen der Betrachter zu gewinnen, ihnen ihre eigene Bedeutung zu vermitteln, dass sie sich niemals im Stich gelassen fühlen. Wenn ich mit einem Objekt die Spannung aufrechtzuerhalten versuche, dann ist der Moment, in dem sich jemand seiner Betrachtung hingibt, die maximale Zeitspanne, die ich vom Betrachter dafür bekommen kann. Und die erhalte ich nur durch Vertrauen und dadurch, dass ich dem Betrachter Respekt bezeuge. Wenn ich mich also mit Vollkommenheit oder Fehlerhaftigkeit auseinandersetze, dann geht es mir nicht ums Objekt. Es geht um den Betrachter.
Eine Frage an Sie als Kunstsammler: Sie haben wunderschöne Alte Meister. Können diese Kunstwerke eine ähnliche Wirkung erzeugen?
Ich mag die Werke Alter Meister. Aber du musst etwas aus ihnen schöpfen können. Die Werke, die ich sammele, verändern mein Leben, sie verändern es total.
Sammeln Sie auch zeitgenössische Kunst?
Klar. Aber ich beschäftige mich nicht so sehr mit den Zeitgenossen, weil ich ja selbst in der Gegenwart lebe. Und es ist auch schwierig für einen Künstler in seiner eigenen Community: Wenn du den einen sammelst, warum sammelst du den anderen nicht?
Würden Sie einen Damien Hirst kaufen?
Ich habe Arbeiten von Damien, er ist ein großartiger Künstler. Ich habe ein Bild von ihm und ein großes Herz mit Blüten.
Leben Sie auch mit Ihrer Sammlung?
Manche Werke befinden sich in Museen. Wir leihen sie aus, weil wir eine Menge Kinder haben und weil wir, das muss ich so sagen, ein bisschen bohemehaft leben. Wir haben zum Beispiel eine heilige Katharina von Riemenschneider. Sie steht im Metropolitan Museum, weil ich ganz sicher sein will, dass die Luftfeuchtigkeit kontrolliert ist und womit das Museum sonst arbeitet. Wir bauen gerade ein neues Haus, das wird noch zwei Jahre dauern. Dann kann ich mehr Verantwortung für manche unserer Kunstwerke übernehmen, die wirklich eine Menge Fürsorge brauchen.
Wie spüren Sie die Kunstwerke auf, die Sie sammeln? Sehen Sie in Katalogen nach? Oder kommt jemand zu Ihnen und sagt: „Mr Koons, ich habe da etwas für Sie“?
Es ist erstaunlich, aber ich glaube, wenn man sich umsieht, sieht man, dass die Dinge durchaus erreichbar sind. Wenn du wirklich an bestimmten Dingen Interesse hast, dann wirst du sie finden. Und es gibt noch eine Menge Möglichkeiten für Leute, die wundervolle Dinge sammeln. Was viele Menschen nicht verstehen, ist die Verantwortung, die das bedeutet. Aber wissen Sie, jemand muss doch sammeln! So denke ich jedenfalls darüber: Das ist eine Verantwortung. Ich will derjenige sein, der auf ein bestimmtes Objekt aufpasst. Ich will diese Verantwortung übernehmen.
Eine letzte Frage: Was war die wichtigste Entscheidung in Ihrem Leben?
Ich weiß nichts über die wichtigste, aber ich kann Ihnen die glücklichste Entscheidung nennen: zu heiraten, die Beziehung zu meiner Frau. Wir haben eine phantastische Familie, und das gibt mir auch die Möglichkeit, meine Ideen in meiner Arbeit zu verfolgen. Das ist wunderbar.
Wir stehen noch einige Minuten draußen vor dem Dom, wo sich die Fronleichnamsprozession formiert. Jeff Koons nimmt mit seinem iPhone den Ton der „Gloriosa“-Glocke auf.
* Jeff Koons wird am 21. Januar 1955 in York im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania geboren. Er studiert Kunst und Kunstgeschichte in Baltimore und Chicago. Mit dem Bachelor-Abschluss geht er 1976 nach New York City, arbeitet dort im Museum of Modern Art und als Broker an der Wall Street.
* Der Aufstieg zum Kunststar beginnt, als er 1980 im gerade eröffneten New Museum in New York seine ersten Objekte ausstellt. Spätere Arbeiten aus rostfreiem poliertem Stahl werden zu Ikonen – für seine Kritiker solche des Kitschs, für seine Anhänger der zeitgenössischen Konzeptkunst.
* Derzeit ist Koons der auf Auktionen höchstbezahlte lebende Künstler. Mit seiner zweiten Frau hat er fünf gemeinsame Kinder, das sechste ist unterwegs. Die Fondation Beyeler in Basel-Riehen zeigt derzeit eine Ausstellung seiner Werke. Am kommenden Mittwoch eröffnet in Frankfurt eine Doppelausstellung in der Schirn Kunsthalle und im Liebieghaus, wo Werke von Koons in den Dialog mit antiker Kunst treten werden.
Einer der größten Korken im Ozean der Kunst
Fritz Iversen (pfiversen)
- 16.06.2012, 15:04 Uhr