Home
http://www.faz.net/-gqz-75vuc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Im Gespräch: Jacques Attali Für ein neues Europa

Fünfzig Jahre nach Unterzeichnung des Elysée-Vertrags hakt es zwischen Deutschland und Frankreich. Ein Gespräch mit dem einstigen Präsidentenberater Jacques Attali.

© Gamma/laif Vergrößern Mitterrands Berater: Jacques Attali

Jacques Attali, Sie waren neunzehn Jahre alt, als Frankreich und Deutschland den Elysée-Vertrag abschlossen. Wie haben Sie das damals erlebt?

Ich habe keinerlei Erinnerung an die Unterzeichnung des Freundschaftsvertrags. Deutschland kam damals in meiner Welt kaum vor. Ich war noch nie dort gewesen. Als Sohn einer jüdischen Familie aus Algerien zog Deutschland mich nicht an, und mein Vater kaufte ganz bewusst keine deutschen Autos.

Wann lernten Sie Deutschland kennen?

Zuerst während meines Militärdiensts, als ich auf der École polytechnique war. Damals fuhr ich durch Trier. Während meines Studiums an der École nationale d’administration (ENA) folgten kurze Aufenthalte in der Bundesrepublik. Aber wirklich entdeckt habe ich Deutschland erst später, als François Mitterrand die Präsidentenwahl gewann. Bevor er in den Elysée einzog, kam seine Wahlkampfmannschaft in einer Wohnung zusammen, um die Amtsübernahme vorzubereiten. Eines Tages unterhielt ich mich mit Claude Cheysson, Mitterrands künftigem Außenminister, als ein „Fremder“ erschien. Ich sprach ihn auf Englisch an, ich hatte ihn noch nie gesehen. Es war Manfred Lahnstein, Chef des Bundeskanzleramts unter Helmut Schmidt. Das heißt, ich wusste damals nichts von Deutschland. Aber gleich nach der Amtsübernahme und in den folgenden zehn Jahren, als Sonderberater von Mitterrand, gehörten die französisch-deutschen Beziehungen zu meinem Alltag.

Welches französisch-deutsche Paar der letzten fünfzig Jahre war das beste?

Ohne Zweifel das Duo Mitterrand/Kohl. Sie verstanden sich außerordentlich gut, das kann ich bezeugen. Die beiden Männer hatten die besten Voraussetzungen, sich nicht zu verstehen, aber gleich zu Beginn funkte es zwischen ihnen. Sie waren besessen vom Aufbau Europas. Helmut Kohl ist ein bewundernswerter Mensch, ein großer Mann. Gemeinsam haben sie sehr große Dinge geschaffen: die Währungsunion, den Schengenraum, die französisch-deutsche Brigade und den Beginn der militärischen Integration beider Länder, Frontex - die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Europäischen Union, das Erasmus-Austauschprogramm. Mitterrand und Kohl brachten ständig neue Ideen auf den Weg, auch wenn nur eine von zehn Wirklichkeit wurde, kam der Aufbau Europas damals doch mit Riesenschritten voran.

Elysee-Vertrag © dpa Vergrößern Am 22. Januar 1963 unterzeichneten Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer im Elysée-Palast den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag

Wie beurteilen Sie das Duo Merkel/Hollande im Vergleich mit diesem mythischen französisch-deutschen Paar?

Ihre Beziehung hat ja gerade erst begonnen, da ist es zu früh, ein Urteil abzugeben. Tatsächlich wird das französisch-deutsche Verhältnis bis Oktober 2013, bis zur Wahl des nächsten Kanzlers, gelähmt sein.

Aber wie beurteilen Sie die französisch-deutschen Beziehungen in den letzten zehn Jahren?

Sagen wir einmal, Frankreich und Deutschland haben bewiesen, dass sie dazu verdammt sind, miteinander auszukommen. Seit Mitterrand und Kohl gibt es allerdings nicht mehr dieselbe Nähe zwischen beiden Ländern, weil seit langem schon keine neuen Ideen mehr eingebracht worden sind. Auf französischer Seite waren Chirac, Sarkozy und Jospin keine überzeugten Europäer. Auf deutscher Seite hat man Europa nicht aufgegeben, aber man hat sich anderen Partnern zugewandt, unter Gerhard Schröder etwa dem Großbritannien Tony Blairs.

Nicolas Sarkozy und Angela Merkel arbeiteten immerhin eng miteinander.

Ja, aber wegen der Eurokrise. Anfangs haben sie sich misstrauisch beäugt. Dann arbeiteten sie zusammen, weil sie ein Scheitern verhindern mussten, dessen Folgen dramatisch gewesen wären. Tatsächlich bewegt sich das französisch-deutsche Verhältnis seit fünfzehn Jahren auf einem Minimalniveau.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ian Buruma über Europa Die Entscheidung fällt in Deutschland

Aachen statt Brüssel, Hanse statt Heiliges Römisches Reich: Wenn es nicht gelingt, Solidarität über die Ländergrenzen hinweg zu erzeugen, bleibt Europas Einheit ein Traum. Mehr

10.07.2014, 17:01 Uhr | Feuilleton
Kommissionspräsident EU-Parlament wählt mit großer Mehrheit Juncker

Jean-Claude Juncker ist neuer Präsident der EU-Kommission. 422 der 751 Abgeordneten des Europaparlaments haben den Luxemburger gewählt. Zuvor kündigte er ein 300 Milliarden schweres Investitionsprogramm an. Mehr

15.07.2014, 14:05 Uhr | Politik
Aids-Forscherin im Gespräch „15 Millionen müssten eine Therapie bekommen“

Nobelpreisträgerin Françoise Barré-Sinoussi zählt zu den renommiertesten Aids-Forschern der Welt. Im Interview spricht sie über die Behandlung von Aidskranken, die Verhinderung von Infektionen und die Hemmnisse im Kampf gegen den Virus. Mehr

20.07.2014, 17:22 Uhr | Gesellschaft

Künstlerinnen und das kleine Geld

Von Rose-Maria Gropp

Eine Auktion-Statistik ermittelt jetzt die erzielten Gebote von Kunst nach Geschlechtern. Die Kunst von Frauen erlangt weitaus weniger Gewinn. Deshalb der Aufruf: Frauen, kauft Frauen! Mehr 5