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Im Gespräch: Jacques Attali Für ein neues Europa

 ·  Fünfzig Jahre nach Unterzeichnung des Elysée-Vertrags hakt es zwischen Deutschland und Frankreich. Ein Gespräch mit dem einstigen Präsidentenberater Jacques Attali.

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Jacques Attali, Sie waren neunzehn Jahre alt, als Frankreich und Deutschland den Elysée-Vertrag abschlossen. Wie haben Sie das damals erlebt?

Ich habe keinerlei Erinnerung an die Unterzeichnung des Freundschaftsvertrags. Deutschland kam damals in meiner Welt kaum vor. Ich war noch nie dort gewesen. Als Sohn einer jüdischen Familie aus Algerien zog Deutschland mich nicht an, und mein Vater kaufte ganz bewusst keine deutschen Autos.

Wann lernten Sie Deutschland kennen?

Zuerst während meines Militärdiensts, als ich auf der École polytechnique war. Damals fuhr ich durch Trier. Während meines Studiums an der École nationale d’administration (ENA) folgten kurze Aufenthalte in der Bundesrepublik. Aber wirklich entdeckt habe ich Deutschland erst später, als François Mitterrand die Präsidentenwahl gewann. Bevor er in den Elysée einzog, kam seine Wahlkampfmannschaft in einer Wohnung zusammen, um die Amtsübernahme vorzubereiten. Eines Tages unterhielt ich mich mit Claude Cheysson, Mitterrands künftigem Außenminister, als ein „Fremder“ erschien. Ich sprach ihn auf Englisch an, ich hatte ihn noch nie gesehen. Es war Manfred Lahnstein, Chef des Bundeskanzleramts unter Helmut Schmidt. Das heißt, ich wusste damals nichts von Deutschland. Aber gleich nach der Amtsübernahme und in den folgenden zehn Jahren, als Sonderberater von Mitterrand, gehörten die französisch-deutschen Beziehungen zu meinem Alltag.

Welches französisch-deutsche Paar der letzten fünfzig Jahre war das beste?

Ohne Zweifel das Duo Mitterrand/Kohl. Sie verstanden sich außerordentlich gut, das kann ich bezeugen. Die beiden Männer hatten die besten Voraussetzungen, sich nicht zu verstehen, aber gleich zu Beginn funkte es zwischen ihnen. Sie waren besessen vom Aufbau Europas. Helmut Kohl ist ein bewundernswerter Mensch, ein großer Mann. Gemeinsam haben sie sehr große Dinge geschaffen: die Währungsunion, den Schengenraum, die französisch-deutsche Brigade und den Beginn der militärischen Integration beider Länder, Frontex - die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Europäischen Union, das Erasmus-Austauschprogramm. Mitterrand und Kohl brachten ständig neue Ideen auf den Weg, auch wenn nur eine von zehn Wirklichkeit wurde, kam der Aufbau Europas damals doch mit Riesenschritten voran.

Wie beurteilen Sie das Duo Merkel/Hollande im Vergleich mit diesem mythischen französisch-deutschen Paar?

Ihre Beziehung hat ja gerade erst begonnen, da ist es zu früh, ein Urteil abzugeben. Tatsächlich wird das französisch-deutsche Verhältnis bis Oktober 2013, bis zur Wahl des nächsten Kanzlers, gelähmt sein.

Aber wie beurteilen Sie die französisch-deutschen Beziehungen in den letzten zehn Jahren?

Sagen wir einmal, Frankreich und Deutschland haben bewiesen, dass sie dazu verdammt sind, miteinander auszukommen. Seit Mitterrand und Kohl gibt es allerdings nicht mehr dieselbe Nähe zwischen beiden Ländern, weil seit langem schon keine neuen Ideen mehr eingebracht worden sind. Auf französischer Seite waren Chirac, Sarkozy und Jospin keine überzeugten Europäer. Auf deutscher Seite hat man Europa nicht aufgegeben, aber man hat sich anderen Partnern zugewandt, unter Gerhard Schröder etwa dem Großbritannien Tony Blairs.

Nicolas Sarkozy und Angela Merkel arbeiteten immerhin eng miteinander.

Ja, aber wegen der Eurokrise. Anfangs haben sie sich misstrauisch beäugt. Dann arbeiteten sie zusammen, weil sie ein Scheitern verhindern mussten, dessen Folgen dramatisch gewesen wären. Tatsächlich bewegt sich das französisch-deutsche Verhältnis seit fünfzehn Jahren auf einem Minimalniveau.

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