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Im Gespräch: Gitta Sereny : Das Böse an sich fasziniert mich nicht

  • Aktualisiert am

Gitta Sereny Bild: Don Honeyman

Die Journalistin Gitta Sereny hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, ins Herz der Finsternis zu gucken. Immer wieder hat sie die Verbrecher des nationalsozialistischen Regimes interviewt. Ein Gespräch über die Banalität des Bösen und die neue Wendung im Fall des gesuchten KZ-Arztes Aribert Heim.

          Die in Wien geborene Journalistin Gitta Sereny, 85, hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, direkt ins Herz der Finsternis zu gucken. Immer wieder hat sie Menschen interviewt, die Verbrechen begangen oder gemordet haben, ihre Bücher über Albert Speer und Franz Stangl, den ehemaligen Kommandanten von Treblinka, machten sie zu einer Koryphäe auf dem Feld der Erforschung des Nationalsozialismus. Sereny lebt mit ihrem Mann, dem Fotografen Don Honeyman, in London.

          Anlass für unser Gespräch ist Aribert Heim: Er ist auf Platz eins der gesuchten Naziverbrecher, das Wiesenthal-Center sucht den Mann, der als Arzt im KZ Mauthausen folterte und mordete, seit vergangenem Jahr verstärkt mit der Aktion „Letzte Chance“. Jetzt ergaben Recherchen von Reportern des ZDF und der „New York Times“, dass er möglicherweise bereits 1992 gestorben ist. Was halten Sie davon, diese heute alten Männer noch für ihre Taten zur Rechenschaft ziehen zu wollen?

          Solange noch Menschen leben, die verfolgt wurden, wird man die Täter suchen, und das finde ich auch wichtig. Aber es ist fast unmöglich, die Täter heute noch zu belangen, denn welche Beweise hat man noch? Wie viele Augenzeugen leben noch? Aber es wird ja ohnehin bald ein biologisches Ende haben.

          Er hatte eine „Ahnung” vom Mord an den Juden: Gitta Sereny im Gespräch mit Albert Speer im Jahr 1978

          Das Landgericht München II überlegt, ob ein Verfahren gegen den ehemaligen KZ-Wärter John Demjanjuk, heute 88, eröffnet wird, der in Israel 1988 zum Tode verurteilt, wegen Zweifel an seiner Identität aber wieder freigelassen wurde und heute in den Vereinigten Staaten lebt. Würden Sie es begrüßen, wenn dieser Mann erneut vor Gericht käme?

          Ich hielte das für einen Fehler. Dieser Mann ist mit Sicherheit nicht „Iwan, der Schreckliche“, dieser besonders sadistische KZ-Aufseher, wie zunächst vermutet wurde. Er ist nur irgendein, bestimmt nicht sympathischer Befehlsempfänger, deshalb wurde er damals ja auch wieder freigelassen. Es ist absurd, ihn erneut vor Gericht bringen zu wollen, er ist nicht der, der zu sein man ihm nachweisen will.

          Sie haben mit vielen Naziverbrechern lange Interviews geführt. Hat jemals einer von Ihnen seine Taten bereut?

          Gewiss haben es einige von ihnen behauptet, aber ich glaube nicht, dass es stimmte. Sie mögen bereut haben, dass sie gefasst und bestraft worden sind, aber dass sie es moralisch bereut hätten? Ich glaube nicht. Speer war sich zumindest der Schuldfrage sehr bewusst. Er hat sich sehr damit gequält, was richtig war und was falsch, hat mit Rabbinern gesprochen. Aber Speer ist ein Fall für sich.

          Sie haben mit Speer gesprochen, mit Franz Stangl, dem ehemaligen Kommandanten des Vernichtungslagers Treblinka, mit der Kindsmörderin Mary Bell. Warum interessieren Sie sich so für die Psyche der Täter?

          Ich habe mich immer gefragt, was in ihren Köpfen vorgeht, was dazu führt, dass sie schreckliche Dinge tun. Nicht das Böse an sich fasziniert mich, sondern die Frage nach dem Warum.

          Der Soziologe Harald Welzer beschreibt in seinem Buch „Täter - wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden“, dass lediglich eine soziale Koordinate verschoben werden muss, um einen Völkermord zu ermöglichen: Die Menschen müssen radikal in zwei Gruppen unterschieden werden, in gute und schlechte Menschen, und die Täter müssen diese Trennung so stark empfinden, dass sie die Vertreter der anderen Gruppe nicht mehr als Menschen wahrnehmen. Dann ist selbst Mord innerhalb dieses verschobenen Referenzrahmens eine moralische Handlung. Ohne Moral, schreibt er, sei der Holocaust nicht denkbar. Stimmen Sie dem zu?

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