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Im Gespräch: Georg Stefan Troller : Wie erfährt man die Wahrheit, Herr Troller?

Bild: Burkhard Neie

Zurückhaltend begrüßt uns der große Menschenversteher Georg Stefan Troller. Im Restaurant möchte er abseits des Trubels sitzen. Seine berühmte Stimme ist in den letzten fünfzig Jahren kaum gealtert. Am heutigen Samstag wird er neunzig.

          Sie haben in Ihrem Leben für Rundfunk und Fernsehen mehr als tausend Interviews geführt. Gelingende Gespräche beschreiben Sie gern mit der Formulierung: Dann bist du im Geschäft." Inwiefern hat es Ihre Karriere beeinflusst, dass Sie in einem Wiener Pelzgeschäft aufgewachsen sind?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Gar nicht. Sowohl mein Bruder als auch ich waren völlig antikommerziell. Wir sahen uns als Bohemiens. Das war die große Enttäuschung für meinen Vater. Da wir noch so jung waren, als Europa im Zweiten Weltkrieg hochging, kam es aber zu keiner grundsätzlichen Auseinandersetzung. Als Juden mussten wir fliehen - und das war in gewisser Hinsicht auch eine Erlösung.

          Wie haben Sie die Zeit der Verfolgung erlebt?

          Angst, viel Angst. Die Judenhatz der Österreicher hat sogar die Deutschen verblüfft. Dieser Hass, dieser Sadismus.

          Wo und wie sind Sie dem begegnet? Erst 1941 gelang es Ihnen ja, in die Vereinigten Staaten zu emigrieren.

          Ich war 1938 in Wien zur „Kristallnacht" in einem Keller versteckt, bei einem Buchbindermeister, bei dem ich gelernt hatte. Von hier aus blickte man direkt auf das Kommissariat, wo die Juden zusammengetrieben wurden. Dort gab es das berühmte Turnen: Die alten Herrschaften mussten sinnlose Leibesübungen vollführen. Einmal kam ein besoffener SA-Mann von gegenüber die Treppe in meinen Keller heruntergepoltert. Ich lag versteckt in einem Haufen mit Altpapier. Er stellte sich vor den Haufen und pinkelte direkt auf mich zu. Und ich durfte mich nicht rühren. Das ist sozusagen meine Lebensansicht aus dieser Zeit: Du stehst da, wirst bepinkelt und darfst dich nicht wehren.

          Diese Konstellation konnten Sie dann im Krieg als Gefangenenvernehmer für das amerikanische Militär in gewisser Weise umkehren.

          Nur oberflächlich. Man ist ja auf Lebenszeit markiert von dieser Angst. Übrigens gab es da noch etwas Eigentümliches: Trotz Nazis und allem - man hat sich mit diesen deutschen Soldaten auch irgendwie identifiziert. Die meisten waren arme Hunde.

          Was haben Sie beim Verhören gelernt?

          Dass man fast immer etwas rausbekommt. Durch Menschenkenntnis, Bluff, Schmeichelei und die richtigen Fachausdrücke.

          Wenn man liest, was Sie über das Führen von Interviews gesagt haben, stößt man immer wieder auf das Opfer-Täter-Bild. Der Interviewer sei ein Menschenfresser, haben Sie gesagt.

          Ich versuche eben, die Dinge beim Namen zu nennen. Bei meinen Fernsehporträts für das „Pariser Journal" oder die „Personenbeschreibung" war es ja so: Wir, ein Team von fünf Personen, stehen einer Einzelperson gegenüber. Das ist eine Machtsituation. Daneben hast du noch die Kamera, bist also Medienvertreter, du darfst Fragen stellen. Du hast damit die Übermacht, wie im Krieg. Du musst aus deinem Gegenüber etwas herausbringen, mit dem er normalerweise nicht herausrücken will. Man darf sich nicht mit Nebensächlichkeiten abspeisen lassen, die Wahrheit muss heraus.

          Sie haben sich erst mit der von Axel Corti verfilmten Emigrantentrilogie Wohin und zurück", also in den achtziger Jahren, als Jude zu erkennen gegeben. Warum so spät?

          Ich glaube, ich wollte zuerst vom deutschen Publikum für meine Sachen so gemocht werden, damit sie nachher, wenn sie meine Herkunft erfuhren, nicht mehr aus der Beziehung rauskonnten. Aber ich wollte auch nicht diesen „Juden-Bonus", der letztlich nichts bringt.

          Es gibt dieses frühe Bild von Ihnen bei Dreharbeiten mit Orson Welles. Welles sitzt am Schneidetisch, sie stehen neben ihm, Brust raus, das Bein angewinkelt auf einem Stuhl.

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