Home
http://www.faz.net/-gqz-6ypjz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Gabriel und Hollande Ziemlich beste Freunde

Eine Premiere: Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel und der französische Präsidentschaftskandidat François Hollande geben ein Interview. Und sie haben noch mehr vor, gemeinsam.

© dapd Vergrößern Sigmar Gabriel und François Hollande Anfang Dezember auf dem Bundesparteitag der SPD

Wir wollten Ihnen ein neues Wort vorschlagen und Sie fragen, was Sie davon halten? Solche Wortneubildungen sind ja in Mode, „Merkozy“ zum Beispiel. Was halten Sie von „Gablande“? Oder „Horiel“?

Hollande: Ich bin gegen eine solche Verschmelzung der Nachnamen. Unter Freundschaft verstehe ich nicht die Verschmelzung von zwei Personen zu einem hybriden Wesen, das dann über Europa bestimmt, sondern die gemeinsame Arbeit an politischen Grundlagen. Jeder soll seine Identität behalten, da soll keine Verwirrung entstehen.

Gabriel: Diese Begriffsschöpfung hält ja der Wirklichkeit nicht stand. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Frau Merkel die antieuropäischen Stimmungen, die Sarkozy gerade verbreitet, gut findet. Es wäre spannend zu hören, was sie bei einem Besuch in Frankreich zu dem von Präsident Sarkozy angekündigten Ausstieg aus dem Schengen-Abkommen oder zu seinen protektionistischen Vorstellungen sagen würde. Darin vermute ich auch den Grund, warum sie einen zweiten Fernsehauftritt mit Sarkozy derzeit - gelinde gesagt - nicht zwingend anstrebt.

So ein Doppelinterview ist ja eine Premiere. Würden Sie uns zu Beginn erzählen, wie Sie das Land des jeweils anderen kennengelernt haben, in Kindheit und Jugend?

Hollande: Meine Eltern haben den Zweiten Weltkrieg erlebt, meine Großeltern den Ersten Weltkrieg. Ich bin also ein Kind beider Kriege. Und doch hat mir meine Familie nie das geringste antideutsche Gefühl vermittelt. Ich habe dann im Gymnasium Deutsch gelernt, wovon mir leider wenig geblieben ist - was aber nun nicht die Schuld Deutschlands ist, sondern meine eigene. Als Gymnasiast war ich mehrmals in Deutschland, damals in einem Verein, der internationale Jugendzeltlager ausgerichtet hat. Ich verbrachte einen Monat in der Nähe von Frankfurt am Main. Auch danach war ich immer wieder in Deutschland, das brachten meine Ämter mit sich. Dann kam die Wiedervereinigung. François Mitterrand hat zwar behauptet, er habe sie kommen sehen, aber ich war doch sehr verblüfft, auch von der Geschwindigkeit des Vollzugs und von den großen Anstrengungen, die unternommen wurden, damit sie gelingt. Als Lionel Jospin und Gerhard Schröder an der Spitze der Regierungen unserer Länder standen, war ich Erster Sekretär meiner Partei - das, was ihr Parteivorsitzender nennt. Die Beziehung von Schröder und Jospin war nicht schlecht. Allerdings wurde Frankreich zum damaligen Zeitpunkt in der sogenannten Kohabitation regiert, mit dem Konservativen Chirac als Präsident und dem Sozialisten Jospin als Premierminister. Und dann kam Tony Blair und versuchte, Schröder politisch an sich zu binden. Dies alles hat in einem entscheidenden Moment verhindert, eine wirklich gemeinsame Politik von Sozialisten, Sozialdemokraten und Labour für Europa hinzubekommen, was ich stets bedauert habe.

Gabriel: In der Familie meines Vaters gab es noch antifranzösische Ressentiments. Meine Großmutter sang noch das Lied vom „Franzos mit der roten Hos’“. Früher war auch noch vom „Erbfeind“ die Rede. Gegenüber Polen waren diese Vorurteile noch stärker ausgeprägt. Ich hab mit all dem nichts anfangen können und habe, erst viel später verstanden, welche Ressentiments da eine Rolle spielten. Ich gehörte als Jugendlicher den „Falken“ an...

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Was Sie heute erwartet Wirtschaftsforum in Davos beginnt

<p> Im schweizerischen <strong>Davos </strong>beginnt heute das 45. <strong>Weltwirtschaftsforum</strong>, zu dem mehr als 2500 Spitzenvertreter aus Politik und Wirtschaft erwartet werden. In diesem... Mehr

21.01.2015, 07:26 Uhr | Wirtschaft
Entsetzen über Mord an französischer Geisel

Frankreichs Staatschef François Hollande und US-Präsident Barack Obama haben die Ermordung des in Algerien entführten Franzosen durch Islamisten verurteilt. Eine Gruppe, die der Dschihadisten-Organisation Islamischer Staat (IS) nahesteht, hatte den Bergführer verschleppt und mit seiner Tötung gedroht, falls Paris nicht seine Luftangriffe auf den IS im Irak einstellt. Mehr

25.09.2014, 15:12 Uhr | Politik
Philipp Rösler im Interview Die Politik war manchmal schön und stets lehrreich

Ex-Vizekanzler Philipp Rösler spricht über seinen Wechsel von Berlin als Gastgeber des Weltwirtschaftsforums nach Davos, warum die Deutschen der Welt ein Vorbild sind und über die Chancen eines politischen Comebacks. Das Schwyzerdütsch, sagt er, ist noch eine Herausforderung für ihn. Mehr

19.01.2015, 17:01 Uhr | Wirtschaft
Nach Terroranschlägen Höhenflug für Hollande

Noch vor kurzem war François Hollande der unbeliebteste Präsident Frankreichs. Doch nach den Terroranschlägen wuchs er an seinen Aufgaben. Jetzt steht François Hollande als Vater der Nation da. Mehr

19.01.2015, 17:09 Uhr | Politik
Reaktionen auf Syriza-Sieg Ein neues Kapitel für Europa

In Frankreich ist der Sieg der griechischen Syriza-Partei sowohl im linken als auch im rechten Lager begeistert begrüßt worden – mit durchaus ähnlich klingenden Argumenten. Mehr Von Michaela Wiegel, Paris

26.01.2015, 12:14 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 26.03.2012, 08:04 Uhr

Narrenfeigheit

Von Ursula Scheer

Eigentlich spielt Satire im Kölner Karneval eine zentrale Rolle. Eigentlich wollten die Jecken für Charlie Hebdo ein Zeichen setzen. Doch jetzt fährt die Angst mit. Mehr 26 67