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Im Gespräch: der Duftkritiker Luca Turin Wie riecht unser Jahrzehnt?

16.03.2009 ·  Der Biophysiker und Duftforscher Luca Turin hat den ersten Parfümführer der Geschichte geschrieben, in dem er fast 1500 Düfte im Stile eines Gastronomiekritikers bewertet. Eine Offenbarung für alle, die nicht gerne schlecht riechen.

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Der Biophysiker und Duftforscher Luca Turin hat den ersten Parfümführer der Geschichte geschrieben, in dem er fast 1500 Düfte im Stile eines Gastronomiekritikers bewertet. Eine Offenbarung für alle, die nicht gerne schlecht riechen.

In Ihrem Buch bewerten Sie Parfüms in Kurzrezensionen, wie man das sonst von Weinen oder Filmen kennt. Sie haben dabei zusammen mit Ihrer Co-Autorin Tania Sanchez, die gleichzeitig Ihre Frau ist, eine Sprache für etwas gefunden, das ich immer für unbeschreiblich hielt: Gerüche.

Ich glaube gar nicht, dass wir das getan haben. Ich glaube vielmehr, dass die Leute immer denken, ein Duft ist halt ein Duft, aber das stimmt nicht: Ein Duft ist eine Botschaft des Menschen, der ihn trägt. Eine Rose zu beschreiben mag schwierig sein, aber ein Parfüm wurde von jemandem kreiert, der eine Absicht hatte. Wir beschreiben nicht den Duft, sondern die Absicht. Insofern ist es eigentlich ganz einfach.

Sie schreiben zum Beispiel über ein Parfüm, es rieche nach Papier. Ich weiß, was Sie meinen, aber: wie riecht Papier? Meine Vorstellung endet leider bei dem bloßen Wort.

Papier riecht sehr essbar. Ich weiß nicht, ob Sie es schon einmal bemerkt haben, aber alte Bücher riechen eigentlich nach Vanillekuchen. Wenn Sie einen Laden mit alten Büchern betreten, fällt Ihnen vielleicht auf, dass es schwül riecht, nach kompostiertem Holz. Das ist ein sehr appetitlicher Geruch, man möchte die Bücher fast essen - der Grund ist ein chemischer: Lignin, der Stoff, der pflanzliche Stoffe fest macht, ist ein Polymer, das aus Substanzen besteht, die dem Vanillin nahe verwandt sind.

Über „Vol de Nuit“ von Guerlain schreiben Sie: „Es verschafft mir den Spaß, den Kitzel der Vorfreude, das Gefühl von unversperrtem Raum und messerscharfer Klarheit, das ich bekomme, wenn ich mich bei einem Symphoniekonzert auf meinen Platz setze und die Musiker stimmen höre.“ Geht bei Ihnen im Kopf ein Film los, wenn Sie ein Parfüm riechen?

Nur bei den guten. Bei den meisten Parfüms denke ich eher: Oh mein Gott, wie konnten sie so was machen, welcher zynische Idiot tut so etwas?

Wann haben Sie festgestellt, dass Sie eine gute Nase haben?

Ich habe ein gutes Gehirn, aber keine gute Nase. Sie und ich und jeder Mensch kann riechen, was ich riechen kann.

Das glaube ich nicht. Leider. Ich hatte zum Beispiel eine Zeitlang „Feu D'Issey“ von Issey Miyake, aber erst, als ich Ihre Rezension gelesen habe, wurde mir klar, wonach es gerochen hat: „Frisches Baguette, Limonenschale, saubere nasse Bettwäsche, Duschgel, heiße Steine, salzige Haut“ - sogar einen flüchtigen Hauch Vitamin-B-Pillen wollen Sie herausgerochen haben.

Aber das hat nichts damit zu tun, dass ich mehr rieche. Ich habe einfach in den achtziger Jahren damit begonnen, Parfüms zu sammeln. Und wenn ich etwas mag, kann ich anderen damit ziemlich auf die Nerven gehen. Ich habe meinen Freunden ständig Parfüms unter die Nase gehalten, hier, riech mal, riecht das nicht soundso? Und irgendwann waren sie so genervt, dass sie sagten, schreib einfach ein Buch darüber und hör auf, uns damit zu belästigen.

Kann man Parfüms überhaupt benoten? Ist es nicht eine Frage von Geschmack, ob ein Parfüm gut ist oder schlecht?

Nein! Und ja, natürlich ist es das. Es geht zu hundert Prozent um Geschmack, aber wir alle stimmen mit unseren Urteilen überein.

In den Achtzigern waren vor allem bombastisch süße Düfte wie „Poison“ in Mode. Die Neunziger rochen dann eher sportlich frisch, nach „CK On“ . . .

Ah, „CK One“! Das war ein wahrer Geniestreich. Es ist ein leiser Duft, der sich im Hintergrund hält, aber wenn man in einen Raum kommt, in dem jemand „CK One“ trägt, bemerkt man es sofort. Es ist sehr schwer, so etwas herzustellen.

Wie riecht unser Jahrzehnt?

Anfang des Jahrtausends war es groß in Mode, maskuline und feminine Düfte zusammenzumixen. Solche Parfüms riechen nach Hölzern, Blumen, Früchten, nach allem auf einmal. Was der nächste Trend sein wird, lässt sich schwer vorhersagen. Im Moment geht alles ein bisschen durcheinander, habe ich den Eindruck.

Der Parfümdesigner von Comme des Garçons hat gesagt, er versuche in seinen Düften, die Welt, in der wir heute leben, widerzuspiegeln. Seine Parfüms sollen nach Fotokopierern, Benzin oder Teer riechen und nicht mehr nach der Welt des 19. Jahrhunderts, in der die Leute zwischen Rosen und Narzissen spazieren gingen.

Das ist natürlich Konzeptkunst, aber manche Konzeptkunst ist ja auch gut. Ich meine, wenn es ein wirklich großartiger Fotokopierer ist, dann will ich am Ende vielleicht auch so riechen. Diese Art Hyperrealismus ist in Parfüms allerdings schwer zu erreichen, ganz einfach, weil wir wissen, wie diese Dinge wirklich riechen. Ich habe jedenfalls noch keinen hyperrealistischen Duft gerochen, den ich wirklich poetisch fand.

Riechen unterschiedliche Städte eigentlich unterschiedlich, oder bildet man sich das ein? Die Métro in Paris zum Beispiel riecht irgendwie anders als der Londoner Underground. Nur: wie?

Ein Unterschied wie Tag und Nacht! Die Pariser U-Bahn hat einen nussigen Geruch. In den modernen Zügen, in denen es viel Gummi gibt, riecht es auch ein wenig nach Tinte. Die Londoner U-Bahn riecht elektrischer. Und in dem Reinigungsmittel, das man in London benutzt, ist mehr Phenol enthalten, ein Desinfektionsmittel namens Lysol, das man schon im 19. Jahrhundert benutzt hat. Waren Sie schon mal in Moskau? Moskau hat einen unglaublich markanten Geruch: Die Erde dort riecht seltsamerweise wie Patschuli.

Als Sie 1992 zum ersten Mal „Angel“ von Thierry Mugler rochen, mussten Sie lachen, schreiben Sie. Und geben „Angel“ trotzdem die vollen fünf Sterne.

„Angel“ war eine Sensation. Etwas völlig Neues. Eine Kombination aus ungemein genießbar und ungenießbar, und das Ganze sehr laut. Es gibt diesen amerikanischen Komponisten Charles Ives, dessen Vater auch Musiker war und der seinen Sohn dazu nötigte, in einer Tonart zu spielen, während er eine andere, vollkommen unverwandte Tonart benutzte. Einfach so, damit er sich daran gewöhnte. Er gewöhnte sich daran, er komponierte später so. Mit „Angel“ ist es genauso: Da vermischen sich zwei Tonarten, die aber auch gar nichts miteinander zu tun haben. Es ist unfassbar dissonant - aber es funktioniert. Und oben drauf gibt es dann noch einen Tupfen Johannisbeere. Unglaublich. Soweit ich weiß, war es ein Unfall. Sie wollten eigentlich einen Schokoladenduft machen und waren dabei nicht sonderlich erfolgreich.

Beurteilen Sie Düfte eigentlich als Kunstwerke oder danach, ob man sie tragen kann?

Das ist eine ständige Diskussion, die ich mit meiner Frau habe. Ich sage, „Angel ist großartig, sie sagt, man kann es nicht tragen. Sie hat vielleicht recht, und es ist trotzdem ein großer Duft.

Wie finden Sie es, wenn Sie zu einem Abendessen eingeladen sind, und die Person neben Ihnen trägt „Angel“?

Kommt darauf an, was es zu essen gibt.

Sushi.

Sushi? Vergessen Sie's! Schokoladenkuchen ginge dazu, alles andere ist eigentlich unmöglich.

Welches Parfüm wäre denn gut zu Sushi?

Am besten gar kein Parfüm. Mit so zartem Essen sollte man wirklich sehr vorsichtig sein.

Benutzen Sie immer dasselbe Parfüm oder wechseln Sie?

Ich trage für gewöhnlich gar keinen Duft. Gar keinen oder „Caldey Island Lavender

Sie haben ein Problem mit den heutigen Herrendüften.

Ich mag einfach nicht, wie die meisten von ihnen riechen. Ich will nicht so riechen. Männerdüfte riechen normalerweise einfach nur langweilig. Und alle riechen gleich. Kein Mann will anders riechen als sein Chef, das ist ein bisschen so wie mit dem Spruch: Esst Scheiße, eine Million Fliegen können sich nicht irren.

Wie reagieren Parfüm-Hersteller auf Sie? Es ist das erste Mal, dass Sie sich gewissermaßen der offiziellen Kritik stellen müssen.

Es kommt immer darauf an. Guerlain zum Beispiel lieben uns!

Dabei kommen zwei Guerlain-Parfüms sehr schlecht weg: „Champs-Elysées“ und „Mayotte“. Letzteres rieche wie ein Zweihundert-Dollar-Lufterfrischer für die Steckdose, schreiben Sie.

Ja, aber insgesamt haben wir ihnen mehr geholfen als geschadet. Nachdem unsere Rezension von „Mitsouko“ in der „Sunday Times“ erschienen war, war es am nächsten Tag in London ausverkauft.

Sie hatten es zum besten Parfüm aller Zeiten erklärt.

Mit Guerlain kam es nur einmal zu einer Meinungsverschiedenheit, als es um die Frage der Überarbeitung ging. Ich hatte mitbekommen, dass sie dafür jemand Unerfahrenen anstellen wollten, also habe ich darüber einen Artikel geschrieben, in dem in etwa stand, dass diese Verbrecher die Zivilisation zerstören wollen. Anschließend haben sie den Besten für diesen Job angestellt: Edouard Fléchier. Er hat phantastische Arbeit geleistet.

Warum müssen Parfüms überhaupt überarbeitet werden?

Weil einige Inhaltsstoffe sich als Allergene herausgestellt haben. Vor allem in Dänemark gibt es einen starken Verbund von Wissenschaftlern und Hautärzten, die Allergene gefunden haben. Diese Wissenschaftler sitzen zufällig auch im Komitee der EU. Die EU empfiehlt etwas, die IFRA, die International Fragrance Association, setzt das dann in Richtlinien um. Und wenn die IFRA eine Beschränkung erlässt, gibt es für den Parfümhersteller drei Möglichkeiten: Er kann sagen, das ist mir egal. Denn in Wahrheit können die nicht viel tun, aber niemand scheint das zu wissen. Er kann den Duft so überarbeiten, dass er den Bestimmungen entspricht, Name und Verpackung bleiben gleich, die Öffentlichkeit wird nicht informiert. Von der dritten Möglichkeit hat noch nie jemand Gebrauch gemacht: Man könnte einfach einen Hinweis auf der Flasche anbringen: Hautkontakt vermeiden! Es sind schließlich alles Kontakt-Allergene. Im Prinzip könnte Schwefelsäure in Parfüms sein - solange man es nicht auf die Haut sprüht, ist es vollkommen egal.

Mehrere berühmte Parfüms sind Ihrer Ansicht nach durch ihre Überarbeitung heute tot: „Vent vert“, „Fahrenheit“, „L'Air du temps“ . . .

. . . und viele mehr. Es ist wirklich traurig. „Vent vert“ war einmal so ein wunderbarer Duft, aber wenn man heute eine Flasche kauft, erkennt man ihn nicht wieder. Er ist dreimal überarbeitet worden und zu Tode ruiniert. Dieselbe Flasche, derselbe Name, aber ein völlig anderer und viel schlechterer Duft. Das Original findet man nur noch im Internet. „Fahrenheit“ ist vielleicht ein kleinerer Verlust für die Menschheit, aber auch das war einmal ein interessanter Duft. Er erhielt allerdings eine große Anzahl von Molekülen, die einigen Menschen Kopfschmerzen verursachten, weshalb sie verboten wurden. Wahrscheinlich sind alle Parfüms, die Chypre beinhalten, bis Ende nächsten Jahres verboten, weil Eichenmoos, einer der Inhaltsstoffe, als Allergen eingestuft wurde, dazu gehört auch „Mitsouko".

Das größte Parfüm aller Zeiten wird verboten?

Ab Juni wird es nicht mehr in seiner bisherigen Form zu kaufen sein. Der 1. Juni 2009 bedeutet das Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen. Das ist, als würde man die Farbe Grün für Gemälde verbieten. Mehr noch: als würde man die Farbe Grün aus allen Gemälden von Piero della Francesca entfernen. Ob heute neue Meisterwerke geschaffen werden oder nicht, ist mir völlig gleich - aber Leonardo da Vinci sollte man nicht anrühren.

Das Gespräch führte Johanna Adorján

Luca Turin, Tania Sanchez: „Perfumes - The Guide“ ist bisher leider nur auf Englisch erhältlich (Viking). Vierhundert Seiten, 19,95 Euro. Mehr auf http://www.perfumestheguide.com

Quelle: F.A.S.
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