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Im Gespräch: Daniel Kehlmann In wie vielen Welten schreiben Sie, Herr Kehlmann?

Daniel Kehlmann vermisst die Welt nicht mehr, in seinem neuen Buch „Ruhm“ zersplittert er die von der Technik durchdrungenen Lebensläufe. Ein Gespräch über das Schreiben als amoralische Tätigkeit, die Unwägbarkeiten der Kommunikationstechnik und die Freiheit des Bestsellerautors.

© Helmut Fricke Vergrößern Daniel Kehlmann

Das nasskalte Wiener Wetter kann der guten Laune Daniel Kehlmanns nichts anhaben. Wir treffen uns im Café Griensteidl. Und noch bevor der Kaffee kommt, sagt der Schriftsteller lauter kluge Dinge.

Herr Kehlmann, der englischen „Financial Times“ haben Sie kürzlich gesagt, auf Ihr neues Buch seien Sie besonders stolz, hielten es für Ihr bisher bestes. Warum?

Ich glaube, dass es formal das Avancierteste ist, was ich je gemacht habe. Ich bin damit künstlerisch am weitesten vorangekommen.

Die Reaktionen werden spannend zu beobachten sein ...

Es wird wohl einige Kritiken geben, die gar nichts mit dem Text zu tun haben, weil es nach einem Erfolg immer Leute gibt, die, wie John Updike so schön sagt, nicht das Buch, sondern die Reputation des Autors rezensieren wollen. Aber ich bin sehr gespannt, auch auf die Reaktionen der Leser.

Der Roman heißt „Ruhm“ – etwas, was im Buch total verpufft, ja ad absurdum geführt wird.

Es ist natürlich ein ironischer Titel. Zu meiner Verblüffung fragten mich einige Leute, als das Buch angekündigt wurde, ob ich größenwahnsinnig geworden sei. Das ist natürlich lustig, aber zugleich ein wenig kränkend, denn wie dumm müsste ich sein, um so einen Titel nicht ironisch zu meinen. Mir schien das eindeutig – wie bei Feuchtwangers „Erfolg“ oder „Money“ von Martin Amis.

Es ist ein Roman in neun Geschichten. Viele dieser Geschichten handeln davon, was passiert, wenn die Technik versagt.

Eines der Hauptmotive ist die Kommunikationstechnologie, wie sehr man sich auf sie verlässt, was ihr Versagen ausrichten kann und vor allem wie sie Parallelwirklichkeiten schafft. Ich glaube, dass Handy, E-Mail und iPod die größte Veränderung unserer Lebenswirklichkeit seit der industriellen Revolution bedeuten. Wir haben noch nicht mal angefangen, das zu verstehen.

Was könnte es denn in künstlerischer Hinsicht bedeuten?

Nun, es ändern sich die Geschichten, die wir erzählen können. Den großen Abschied zum Beispiel gibt es nicht mehr. Ein Mann und eine Frau fallen sich um den Hals, Geigenmusik, Nimmerwiedersehen, gebrochene Herzen. Die Frau geht an Bord des Flugzeugs – und noch vor dem Start schickt sie eine SMS. Und von da an gehen jede Stunde Nachrichten hin und her. Das ist eine tief andere Lebenswirklichkeit, auch seelisch. Das kommt mir als Autor natürlich entgegen. Ich interessiere mich immer schon für sanften Surrealismus, für das Unwirklichwerden des Alltags. Mobiltelefone und E-Mails schaffen eine Parallelwirklichkeit. Man kann neben dem eigenen zusätzliche Leben führen – ein weiteres Thema des Romans.

Dazu gehört die nicht unerhebliche Differenz zwischen der eigenen Innenansicht und der Wahrnehmung, die andere von einem haben. Im Buch gibt es etwa den Blogger Mollwitz, der im Netz den großen Macker gibt, aber im wirklichen Leben ein rechter Versager ist.

In einer Episode schildert Mollwitz sich selbst in seiner eigenen, sehr seltsamen Sprache – das ist wahrscheinlich die lustigste Geschichte, ich habe beim Schreiben viel gelacht –, in einer anderen sieht man ihn mit den Augen eines Kollegen. Und wieder in einer anderen taucht ein Internet-Blogeintrag auf, den er geschrieben hat, und der betroffene Schauspieler fragt sich, was das eigentlich für Leute sind, die solch gehässiges Zeug schreiben. Er erfährt es nie, aber das Buch gibt die Antwort.

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