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Im Gespräch: Bei Ling : Bringt das Internet die Revolution in China, Herr Bei?

  • Aktualisiert am

Bild: Burkhard Neie / xix

Der chinesische Dissident Bei Ling lebt als Schriftsteller in den Vereinigten Staaten. Der Kontakt zu seinem Heimatland findet ausschließlich über das Internet statt - wie auch unser Gespräch.

          China hat eine lange Tradition der Internetüberwachung. Seit einiger Zeit jedoch gibt es den Microblogging-Dienst Weibo. Während des großen Zugunglücks in Wenzhou wurde darüber sehr offen im Netz kommuniziert. Sehen Sie eine Demokratisierungsbewegung mit diesen neuen Echtzeitwerkzeugen im Internet?

          Technische Mittel können nie direkt eine demokratische Entwicklung begründen. Aber das Internet ist in jedem Fall ein Mittel, um Menschen dabei zu helfen, mehr zu wissen und mehr zu sehen über die verschiedenen Lebenssituationen anderer Menschen. Die Regierung kann einige Informationen ausfiltern, aber sie kann nie alles ausklammern. Vor allem mit dem Dienst von Weibo können sehr viele Chinesen viel schneller und direkter erfahren, was um sie herum passiert. Auf diese Weise hat sich die ganze Situation in China in den letzten Jahren enorm verändert. Dies hat nicht direkt etwas mit Demokratisierung zu tun, sondern eher mit Freiheit - mit dem freien Zugang zu Informationen. Die Leute haben jetzt offenere Augen und offenere Ohren. Aus meiner Perspektive ist diese Freiheit viel wichtiger. Zuerst muss es Freiheit geben, dann wird die Demokratie folgen. Diktaturen werden zerstört durch den Willen zur Freiheit. Das ist der Grund, warum in China der freie Zugang zu Informationen noch immer stark beschränkt wird.

          Aber der größte beschränkende Faktor in China ist doch, dass so wenig Leute Geld für einen eigenen Computer und einen funktionierenden Internetanschluss haben, oder nicht?

          Ja, auch. Ungefähr zehn Prozent der Bevölkerung können mit eigenen Mitteln täglich auf das Internet zugreifen. Aber mittlerweile nutzen rund weitere vierzig Prozent der Chinesen den Zugang von Bekannten, Nachbarn oder in Internetcafés, die „Wangba“ heißen. Das bedeutet, dass die Hälfte der Menschen in meinem Heimatland noch vom Internet ausgeschlossen ist. Aber trotzdem können gerade die zehn Prozent, die einen privilegierten Zugang haben, eine Menge ändern. Sie könnten der Kern einer Protestbewegung oder gar einer Revolution werden.

          Was meinen Sie mit Revolution? Im Frühjahr haben viele Chinesen mit den „Sunday Walks“ - die durch den arabischen Frühling inspiriert waren - eine friedliche Form des Protestes gewählt, der auch über das Internet koordiniert wurde. Die Regierung hat diesem Treiben aber sehr schnell ein Ende bereitet.

          Man kann auch nicht einfach eine Aktion in einem Land für ein anderes kopieren. China ist enorm groß und kann deshalb nicht ein Modell von außen übernehmen. Wenn es eine Jasmin-Revolution in China geben soll, dann muss sie auch dort initiiert werden. Sie muss von den Menschen und ihrer Situation ausgehen. Aber vielleicht ist die Befreiung der Information durch die neuen Werkzeuge schon eine Vorstufe zu so einer Revolution.

          Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas sieht im Internet eine Möglichkeit, eine Art Gegenöffentlichkeit zu etablieren, in der viele Stimmen und Meinungen ausgetauscht werden können. Ist die Diskussionsplattform durch die neuen Echtzeitdienste in China eine solche Grundlage für gesellschaftlichen Austausch?

          Selbstverständlich. Und es geht in den vielen Diskussionen im chinesischen Internet nicht nur um Politik. Habermas hat hier völlig recht: Das Internet kann auf diese Weise eine ganze Gesellschaft verändern. Man sieht das aktuell bei der jungen Generation, für die diese Art der Kommunikation völlig normal und Teil ihres Alltags ist. Es geht dabei eben nicht darum, wie man das Regime loswerden kann. Sie verändert einen ganzen Lebensstil, und das umfasst mehr als nur Politik. Schon die Tatsache, dass die Menschen etwas wie Weibo haben, um über was auch immer direkt und unzensiert miteinander zu reden, bedeutet einen großen Gewinn an Freiheit. Auch wenn nachher viele Beiträge herausgefiltert werden.

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