14.05.2010 · Sobald das Scheinwerferlicht angeht, vergisst Alfred Schreyer sein Alter. Fast sein gesamtes Leben hat der achtundachtzigjährige Opernsänger an ein- und demselben Ort verbracht - und dabei in fünf Staaten gelebt.
Woher stammt Ihr ausgezeichnetes Deutsch?
Die deutsche Sprache habe ich nie gelernt. Zu Hause sprachen wir polnisch, und auf dem Gymnasium sollte ich auf Wunsch meiner Mutter Französisch lernen. Aber ich bin musikalisch: Ich höre gut. Ich hörte meine Eltern als galizisch-habsburgische Juden deutsch sprechen, wenn ich etwas nicht verstehen sollte. Und ich hörte Deutsch im deutsch besetzten Drohobycz und danach in verschiedenen Arbeits- und Konzentrationslagern. So kam es: Deutsch lernte ich vom Hören.
Sie waren nie Mitglied einer Partei oder eines Jugendverbandes, haben sich ihr Leben lang nie mit Politik eingelassen. Was hat Sie so misstrauisch gemacht?
Meine Erfahrungen. Meine Großeltern besaßen in Drohobycz eine große zweistöckige Villa. Meine Familie wohnte dort von 1932 an. Wir waren damals zurückgekehrt, weil mein Vater im Zuge der Weltwirtschaftskrise seine Stelle als Chefchemiker in der Erdölindustrie verloren hatte. In Drohobycz steckte Vater seine ganzen Ersparnisse in den Bau eines Mietshauses. Doch gerade, als es fertig geworden war, haben es die Sowjets beschlagnahmt. Mit der sowjetischen Besatzung im September 1939 wurden wir plötzlich arme Leute. Wir hatten nicht einmal mehr genug zu essen und mussten Schmuck verkaufen, damit wir überhaupt leben konnten.
Oft hört man in Polen den Vorwurf, Juden hätten die einmarschierenden Sowjets begeistert begrüßt und sogar mit ihnen kollaboriert.
Das ist kein Geheimnis. Es hieß doch, bei den Sowjets gäbe es keinen Antisemitismus. Und junge Leute, die Karriere machen wollten, biederten sich an. Als der polnische Direktor unseres Gymnasiums verhaftet wurde, Tadeusz Kaniowski, da beteiligten sich daran sogar ehemalige jüdische Schüler, weil Kaniowski Senator der ungeliebten Zweiten Polnischen Republik war. Allerdings befanden sich unter den Zehntausenden Ukrainern und Polen, die nach Kasachstan oder Sibirien deportiert wurden, auch einige Juden - einer meiner Onkel ist im Lager umgekommen. Er war ein „Kapitalist“, weil er in Drohobycz zwei oder drei Mietshäuser besaß.
Was geschah mit Ihrer eigenen „kapitalistischen“ Familie unter sowjetischer Besatzung?
Mein Vater musste in der Paraffinfabrik arbeiten. Dort war es sehr nass, und er hatte keine Stiefel. Ich weiß bis heute, wie ich deshalb die ersten achtzig Rubel, die ich als Mitglied eines Vokalquartetts mit dem Auftritt vor einer sogenannten sowjetischen Kulturbrigade verdiente, meinem Vater für Stiefel zuschoss. Und wie er sich schämte, dass er von seinem siebzehnjährigen Sohn Geld leihen musste.
Im Juni 1941 marschierte die Wehrmacht in Ostpolen ein. Ahnten Sie, was geschehen würde?
Das war unser Unglück: Wir wussten nichts von dem, was im Generalgouvernement geschehen war. Wir hatten keine Ahnung von der Judenverfolgung. Ich war bei Kriegsausbruch gerade in Lemberg. Unser Vokalquartett war für Gastauftritte im polnischen Theater „Miniatur“ engagiert worden. Da fiel eine Bombe auf einen Teil des Hauses, in dem ich mich versteckte. Von Auftritten war keine Rede mehr. Wir Drohobyczer Studenten mieteten einen polnischen Kutscher, um nach Hause zu fahren. Doch auf dem Weg wurden wir bereits von einer willfährigen ukrainischen Polizei kontrolliert. Mir rissen sie nur den Rucksack vom Rücken, aber einem Kollegen schlugen sie die Zähne aus. Der Kutscher musste auf halbem Weg umdrehen, die restlichen siebzig Kilometer legten wir notgedrungen zu Fuß zurück. Die Ukrainer glaubten, Hitler würde ihnen eine unabhängige Ukraine zugestehen. Der dachte aber gar nicht daran. Hitler täuschte Freundschaft nur vor, weil er Verbündete brauchte. Denn wie hätte er in Drohobycz 13.500 Juden ohne die ukrainische Hilfspolizei umbringen können? Es gab gerade einmal zweiunddreißig Gestapo-Leute in der Stadt.
Wie ging die deutsche Besatzungsmacht in Drohobycz vor?
Bis November 1941 geschah gar nichts. Dann kam der Befehl, behinderte Juden sollten sich zwecks Arbeitseinteilung im jüdischen Altersheim einfinden. Auch mein Nachbar ging. Alle 320 Personen wurden jedoch von der Polizei umzingelt, auf LKW geladen und in den Wald von Bronica gefahren. Als die Lastwagen nur mit Kleidung zurückkehrten, wussten wir, was passiert war. 1942 begannen dann die großen Aktionen. Anfang August wurden fünftausend Juden aus Drohobycz in die Gaskammern von Belzec transportiert. Meine Eltern hatten sich zwar im Hof einer befreundeten Familie versteckt, doch ein Ukrainer hat sie denunziert. Meine Mutter konnte sich noch retten, aber mein Vater, mein Onkel, meine Großmutter und eine Tante kamen in Belzec um.
Wie konnten Sie den Aktionen entkommen?
Wer in einem Arbeitslager beschäftigt war, war zunächst geschützt. Doch eines Tages morgens um vier wurden auch die Zwangsarbeiter aus dem Sägewerk und den Städtischen Werkstätten in das zum Gefängnis umfunktionierte Kreisgericht getrieben. Am zweiten Hafttag ließ mich glücklicherweise ein SS-Mann für die Keramische Werkstatt anfordern - ich kam raus, meine Mutter aber ging in den Tod. Mit insgesamt 11.000 Juden liegt sie in den Massengräbern im Wald von Bronica. Monate später kam ein Jude zu mir, der die Kleider der Erschossenen zu sortieren hatte. Er hatte den Ausweis meiner Mutter in einer Manteltasche gefunden. Am oberen Rand erkannte ich ihre Handschrift: „Ich bin glücklich, dass du dich gerettet hast. Jetzt gehe ich ruhig mit deiner Fotografie in den Tod.“ Das war alles, was ich von meiner Mutter besaß. Ich rettete das Dokument durch verschiedene Lager. Doch als wir uns in Gross-Rosen nackt ausziehen mussten, ging es verloren.
Konnten sich Juden aus den Lagern retten?
Es gab Juden, die hatten Geld. Die bezahlten, flohen und versteckten sich bei Polen oder Ukrainern. Und sie überlebten. Überlebt haben aber auch die jüdischen Zwangsarbeiterinnen, die Eberhard Helmrich, Leiter der landwirtschaftlichen Zentralstelle, mit sogenannten arischen Papieren versorgte und als Ukrainerinnen auf Transport ins Deutsche Reich schickte. In Berlin nahm seine Frau Donata die Jüdinnen in Empfang und verteilte sie als Hauspersonal in verschiedenen Familien. Alle dieser schätzungsweise siebzig bis zweihundert Frauen haben den Krieg über-lebt. Helmrich war ein außergewöhnlicher Mensch. Groß, immer in Zivil. Er trug zwar das NDSAP-Abzeichen, sagte aber in seinem ganzen Leben nicht einmal „Heil Hitler“. Eberhard und Donata Helmrich sind von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt worden.
Wie haben Sie das Kriegsende erlebt?
Dazu bedurfte es mehrerer Wunder. Ich war nach den Lagern Plaszów, Groß-Rosen und Buchenwald in Taucha bei Leipzig gelandet. Irgendwann im April 1945, als wir von Westen her schon die amerikanische Artillerie hörten, wurden wir auf den Todesmarsch geschickt. Ich hatte die typischen Hungersymptome - völlig aufgedunsene Füße und einen abgemagerten Oberkörper - und fiel völlig entkräftet zurück bis ans Ende der Kolonne. Dort liefen deutsche Häftlinge, mit denen ich in Taucha die Baracke geteilt und denen ich manchmal, wenn das Licht gelöscht worden war, leise vorgesungen hatte: „Wien, Wien nur du allein, du sollst die Stadt meiner Träume sein...“. Manchmal sang ich auch ein polnisches Liebes- oder Schlummerlied. Und die Männer waren still und schliefen ein. Einer dieser Häftlinge, ein intelligenter, älterer Herr aus Berlin, verwandte sich nun für mich: „Lass den Mann laufen, der kann nicht mehr“, sagte er unserem Bewacher vom Volkssturm. Doch der widersprach: „Ist der etwa besser als andere?“ „Das ist ein berühmter Opernsänger“, erklärte der Berliner. Da durfte ich in einen tiefen Graben neben der Straße gleiten - und die Kolonne zog weiter.
Doch da war noch kein Kriegsende.
Nein, bei Kriegsende befand ich mich schließlich in einem verlassenen Lager im sächsischen Freiberg, ganz allein mit einem russischen Kriegsgefangenen. Es gab schon keine Wachen mehr. Die Belgier, Franzosen, Italiener, Holländer hatten sich schnell vor der Ankunft der Sowjetarmee Wägelchen gegriffen und waren nach Westen gezogen. Aber ich - wohin hätte ich gehen können? Ich lag dort in schrecklichem Zustand, völlig erschöpft. Schon im Februar hatte ich zu einem Mithäftling aus Krakau gesagt: „Herr Rechtsanwalt, wenn der Krieg nicht vor meinem Geburtstag zu Ende geht, werde ich wohl nicht überleben.“ Am 7. Mai 1945 um sieben Uhr morgens fuhr endlich der erste sowjetische Panzer in Freiberg ein. Am 8. Mai hatte ich Geburtstag.
Der weltweit bekannteste Drohobyczer ist wohl der Schriftsteller Bruno Schulz, oft verglichen mit Kafka, berühmt wegen seiner Erzählungen „Zimtläden“ und dem „Sanatorium zur Todesanzeige“.
Bruno Schulz war mein Zeichen- und Werklehrer im staatlichen König-Wladyslaw-Jagiello-Gymnasium. Ein unglaublich bescheidener, unauffälliger Mensch, sehr verschlossen, aber bei den Schülern beliebt, weil er so gerecht war. Wir wussten zwar, dass er auch schrieb. Aber für uns Schüler waren seine Bücher zu kompliziert. Die ersten Texte von Bruno Schulz habe ich erst 1946 gelesen. Er wurde ermordet, kurz bevor er mit gefälschten Papieren nach Warschau hätte entkommen können. Schulz wusste nicht, dass am 19. November 1942 eine „wilde“ Aktion geplant war, bei der jeder Jude erschossen werden sollte, der sich auf der Straße befand. Ahnungslos unterhielt er sich mit zwei Bekannten dicht am Sitz des Judenrates, als sich von der Mickiewicz-Straße her der Unterscharführer Karl Günther näherte. Günther, ein Polnisch sprechender Oberschlesier, war bekannt für seine Grausamkeit. Schulz' Gesprächspartner liefen weg, aber Schulz konnte nicht laufen. Günther packte ihn von hinten am Kragen und gab zwei Schüsse auf seinen Hinterkopf ab. Günther hatte sich an seinem Vorgesetzten rächen wollen, dem Hauptscharführer Felix Landau. Denn Landau hatte Günthers Juden erschossen, den Zahnarzt Löw. Das scheint paradox, aber fast jeder SS-Mann hatte „seine“ Juden, bis zu einer gewissen Zeit selbstverständlich. Zwangsarbeiter hörten, wie Günther sich jedenfalls vor Landau rechtfertigte: „Du hast meinen Juden erschossen, da habe ich deinen Juden erschossen.“ Denn Schulz wurde damals von Landau geschützt, da er für den Deutschen Wandbilder mit Märchenmotiven in dessen Villa malte.
Diese Bilder haben sechzig Jahre später Drohobycz auf die Titelseiten internationaler Blätter gebracht.
Ja, denn die Bilder galten als verschollen. Ich war dabei, als das Team des Dokumentarfilmers Benjamin Geissler sie Anfang 2001 in einem kleinen Zimmer aufspürte, das damals als Speisekammer, zu Landaus Zeiten aber als Kinderzimmer genutzt wurde. Die Nachricht über diesen Fund ging um die Welt. Sie können sich nicht vorstellen, was damals los war. Ich floh aus meiner Wohnung, denn das Telefon klingelte ohne Unterlass.
Doch nach der Sensation kam dann schnell der Skandal.
Ja, im Mai 2001 wurden die drei schönsten Fresken von Mitarbeitern der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem von der Wand gelöst und illegal mit dem Auto außer Landes gebracht. Meines Erachtens kann das nur mit Diplomatenpässen gelungen sein. Der damalige israelische Botschafter in Warschau, Szewach Weiss, gleichzeitig Vorsitzender des Weltrats von Yad Vashem, war der Meinung, das Erbe des Bruno Schulz gehöre den Juden. Ein Gutes hatte der Skandal allerdings. Die Ukrainer hatten Schulz bis dahin ignoriert, weil er nicht über Ukrainer geschrieben hat. Jetzt sehen sie: Alle Touristen, die inzwischen recht zahlreich aus Deutschland und Polen anreisen, kommen wegen Bruno Schulz. Schulz hat Drohobycz populär gemacht.
Zur Person
Alfred Schreyer wird am 8. Mai 1922 im ostgalizischen Drohobycz als Sohn eines jüdischen Chemikers und einer jüdischen Pharmazeutin geboren.
Fast sein gesamtes Leben verbringt er an ein- und demselben Ort, lebt dabei aber in fünf Staaten: Bis 1939 gehört Drohobycz zu Polen, mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs fällt die Stadt an die Sowjetunion, 1941 wird sie von den Deutschen besetzt, nach dem Krieg übernimmt sie wieder die Sowjetunion, und seit 1991 ist sie ukrainisch.
Schreyers Frau stirbt vor einigen Jahren, seine beiden Kinder wandern nach Deutschland aus. Heute ist er der letzte Jude in der Stadt, der noch vor dem Zweiten Weltkrieg geboren ist.