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Im Gespräch: Agnieszka Holland Was hat Sie der Kommunismus gelehrt, Frau Holland?

Agnieszka Holland ist wieder Oscar-Kandidatin und pendelt zwischen der Bretagne, Kalifornien und Polen. Wir treffen sie in ihrer frisch bezogenen Warschauer Wohnung.

© Burkhard Neie Vergrößern

Extreme Situationen provozieren oft extremes Verhalten. Sie zeigen es in Ihrem neuen Film „In Darkness“, in dem sie eine wahre Geschichte aus dem Lemberger Getto erzählen.

Es ist eine Geschichte, die ich selbst erst erfuhr, als mir der kanadische Drehbuchautor David Shamoon sein Skript schickte. Sie war mir irgendwie entgangen, obwohl es sie schon länger in Buchform gab. Es geht um eine Gruppe Lemberger Juden, die sich während der Liquidierung des Gettos in der Kanalisation versteckte. Sie hofften, dort bis zum Kriegsende überleben zu können. Die Bedingungen waren entsetzlich, noch schlimmer als anderswo. Sie hätten keine Chance gehabt, wenn sich nicht Leopold Socha, ein Kanalarbeiter und zugleich ein kleiner Dieb und Ganove, einverstanden erklärt hätte, ihnen gegen Geld zu helfen. Das ist der Inhalt des Films: einerseits das Leben dieser Gruppe in den Kanälen, andererseits Sochas Verwandlung von einem Kriminellen in einen anständigen Menschen.

Wie kommt es, dass Sie sich abermals für dieses Thema und speziell diese Geschichte entschieden haben?

Weil ich zwei Filme zu diesem Thema gemacht habe - „Bittere Ernte“ und „Hitlerjunge Salomon“ -, die für den Oscar nominiert wurden, fließen mir solche Geschichten fast von allein zu. Trotzdem hatte ich mir nach „Hitlerjunge Salomon“ gesagt, dass es mit diesem Thema nun gut sein müsse. Es ist psychisch sehr anstrengend, man muss sich in die Figuren hineinversetzen und ihre Geschichte zusammen mit ihnen erleben. Man muss sich auch Fakten in Erinnerung rufen, vor denen man in unserer heutigen Konsumwelt gern flüchtet. Der Kanadier war aber sehr hartnäckig und schickte mir so lange neue Fassungen des Drehbuchs, bis ich langsam weich wurde. Ich stellte allerdings die Bedingung, dass ich den Film nicht auf Englisch drehen würde, um jede Theatralisierung zu vermeiden. Als auch das von den Produzenten akzeptiert wurde, beschloss ich, den Film zu machen.

Die Produktion dürfte ziemlich schwierig gewesen sein.

Ja, in der Tat. Wir hatten nicht viel Geld, nicht viel Zeit, und es war eine polnisch-deutsch-kanadische Koproduktion, was die Sache nicht gerade einfacher machte. Wir haben im Winter gedreht, es war also ständig kalt, egal ob in der Kanalisation oder in der Halle. Im Endeffekt waren wir alle so erschöpft, dass ich dachte, wenn der Film misslingen sollte, haben wir viel Zeit und Energie völlig umsonst investiert. Doch jetzt denke ich, dass er doch gelungen ist. Es ging mir hauptsächlich darum, die emotionale Phantasie der heutigen Zuschauer zu wecken, zu erreichen, dass sie die Erfahrungen der Figuren als ihre eigene empfinden. Und die Reaktionen des Publikums zeigen mir, dass es wirklich so ist.

Man hört immer öfter die Meinung, wir wüssten schon so viel über den Holocaust, dass die einzige noch wirksame Form, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, eine künstlerische Darstellung sei. Ihr wichtigstes künstlerisches Mittel ist die Dunkelheit . . .

Das war auch eines meiner Motive und zugleich eine besondere Herausforderung für mich als Filmemacherin: dass der Großteil des Films in der Dunkelheit spielen sollte. Ich war mir der technischen Gefahren bewusst, gleichzeitig sah ich es aber als eine Chance an, etwas Neues zu machen. Jeden Regisseur wird es reizen, einen Film zu drehen, in dem fast nichts zu sehen ist. Es stimmt übrigens nicht, dass wir über den Holocaust fast alles wissen. Es ist ein Thema ohne Ende, das in vielen Ländern über Jahre verdrängt wurde. Die Polen zum Beispiel geben ihre Verantwortung und ihre Mitschuld erst seit kurzem zu. Etwa zehn Jahre nach dem Sturz des Kommunismus begannen die polnischen Historiker, Fakten ans Tageslicht zu holen, die bis dahin verschwiegen worden waren. Es erschienen nicht nur die heißdiskutierten Bücher von Jan Tomasz Gross, sondern noch viele andere, die sich mit dem Thema ehrlicher auseinandersetzen als die der meisten französischen, amerikanischen oder auch deutschen Historiker. Die Amerikaner haben bis heute ihren Teil der Verantwortung, ihren Antisemitismus, ihr Verdrängen und Nichthandeln, nicht verarbeitet. Wir sind also noch weit davon entfernt, das Thema als abgeschlossen zu betrachten.

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