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Im Fernsehen: „Tatort: Verschleppt“ Ein Schuldiger für das Seelenheil

19.01.2012 ·  Auch in ihrem letzten „Tatort“ überzeugen Kappl und Deininger, die Kommissare aus Saarbrücken, auf der ganzen Linie. Weshalb man sie nach wenigen Folgen absetzte, bleibt schleierhaft.

Von Uwe Ebbinghaus
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So richtig ernst scheint die Themenabstimmung bei den Fernsehfilmredaktionen der ARD anscheinend niemand zu nehmen. Hatte Hauptkommissarin Lindholm erst vor wenigen Wochen für den NDR einen Fall mit entführten Mädchen zu lösen, die über Jahre hinweg in einem engen Kellerverlies festgehalten worden waren , legt schon am Sonntag der Saarländische Rundfunk mit einem ebenfalls an den Fall Kampusch erinnernden Plot nach. Für den Zuschauer ist die Doppelung allerdings zu verschmerzen, weil die neue Folge eine ganz eigene Spannung entwickelt und zu den besten der „Tatort“-Reihe in den letzten Jahren gehört. Es ist kaum zu glauben, dass dies der letzte Fall des noch vergleichsweise frischen Saarbrücken-Teams Kappl und Deininger sein soll, das nach Meinung des SR „auserzählt“ ist. Demnächst übernehmen Devid Striesow und Elisabeth Brück. Wohl dem, der solche Luxusprobleme hat.

Hatte die Dramaturgie des Furtwängler-Falls noch unangenehm berührt, weil die grauenhaften Begebenheiten oberflächlich durch eine Liebesgeschichte und eine innerlich erschreckend aufgeräumte Ermittlerin kontrastiert wurden, zeigt der neue Saarland-“Tatort“, wie man menschliche Gefühle am Rande des Grauens psychologisch überzeugend darstellt. Der knallharte Realismus des Verbrechens wird mit Albträumen, Weinkrämpfen und Gewaltausbrüchen der Ermittler aufgefangen.

Ein leicht metallisches Dauerdröhnen

Die Hauptkommissare Kappl (Maximilian Brückner) und Deininger (Gregor Weber) sind von Anfang an restlos überfordert von ihren jüngsten Ermittlungen. Die auf einer Autobahn spielende Anfangsszene, auf der die unruhige Kamera sich an die Fersen eines zombiehaft entstellten flüchtenden Mädchens heftet, gibt den Takt der Folge vor: Neue Spuren und Grauenhaftigkeiten flitzen wie Autos in Hochgeschwindigkeit an Ermittlern und Zuschauern vorüber, durch die Handlung zieht sich ein leicht metallisches Dauerdröhnen.

Das flüchtige Mädchen in einem eigens angefertigten Kittel wird wenig später tot unter einer Brücke aufgefunden. Es ist mit einem spitzen Gegenstand erstochen worden, hat, wie sich herausstellt, seit Monaten kein Tageslicht mehr gesehen und ist erheblich dehydriert. Die Spurensicherung und die Gerichtsmedizin haben alle Hände voll zu tun, fördern immer neue Erkenntnisse zutage.

Kurz darauf taucht ein zweites Mädchen auf, zusammengekauert liegt es in einer Kiste auf einem Spielplatz, derselbe Kittel, derselbe kaputte Körper. Es muss im Krankenhaus versorgt werden, wo die mutmaßlichen Eltern es nicht wiedererkennen und das auch gar nicht wollen. Als es sich plötzlich kerzengerade aus dem Krankenbett erhebt, um an der Klimaanlage nach Luft zu schnappen, ist ein schmaler Grat zwischen filmischer Spannungserzeugung und angemessener Darstellung von Entmenschlichung erreicht, der aber nicht, wie in manchen skandinavischen Krimis, in Richtung Horrorfilm überschritten wird.

Den psychisch gebrochenen Mädchen ist unfassbar großes Leid widerfahren, das der Zuschauer wenig später in kurzen Rückblenden ermessen kann. Sie wurden in wahren Horrorverliesen in einer Art Hundekäfig gehalten, mussten sich regelmäßig mit Chemiereiniger säubern und wurden mit militaristischen Befehlen angebellt. Kaspar Hauser in der Fascho-Version. Der behandelnde Psychiater umreißt das Profil des Täters mit dem Willen nach „Reinheit, Kontrolle, Macht“. Dann tauchen Hinweise auf ein drittes Mädchen auf.

Auserzählt?

Die Spuren in diesem sehr engräumigen Fall, für den es in der Realität dann doch wohl kein Beispiel gibt, führen schnell zu einem verurteilten Pädophilen, den die manchmal etwas naseweise Kamera dem Zuschauer in einer unmotivierten Nebenszene bereits präsentiert hatte. Die überforderten Ermittler halten noch an ihm fest, als seine Unschuld kaum mehr von der Hand zu weisen ist. Für ihr Seelenheil brauchen sie einen Schuldigen, denn der wahre Täter verunsichert durch vollkommene Unsichtbarkeit. Hinzu kommt, dass Deininger alte Rechnungen aus einem vergangenen Entführungsfall zu begleichen hat, der sich für ihn als persönliches Desaster entpuppt hatte.

Wollte man ernsthaft erwägen, ob das Duo Kappl/Deininger „auserzählt“ ist, wonach man nach dieser Folge nicht das geringste Bedürfnis verspürt, so kann man durchaus einige Schwächen in der Figurenanlage finden, die allerdings mehr auf das ansonsten glänzende Drehbuch (Khyana el Bitar und Dörte Franke) zurückzuführen sind und leicht zu beheben wären. So bricht diesmal bei den Partnern, die sich gerade erfolgreich angenähert hatten, plötzlich wieder das Kompetenzgerangel früherer Tage aus. Und bei Deininger wird diesmal eine extreme Ermittlungspannen-Karte gezogen, die in dem ohnehin dramatischen Fall völlig überflüssig ist und von einer gewissen Einfallslosigkeit zeugt. Es ist bedauerlich, dass zwei so außergewöhnliche Schauspieler wie Maximilian Brückner und Gregor Weber die Leidtragenden einer nicht nachvollziehbaren Entscheidung sind. Wollte man das Saarbrücker Kriterium der Auserzähltheit an sämtliche „Tatort“-Duos anlegen, müssten fast alle ersetzt werden.

Der Tatort: Verschleppt läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1971, Redakteur im Feuilleton.

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