Wer wollte nicht in diesen edel schwellenden Sesseln ruhen, unter der freundlich gestellten Lampe“, schrieb Ernst Bloch über den sehnsuchtsvollen Blick ins Schaufenster eines Möbelhauses. Bei Ikea darf man das, jedenfalls probehalber. Sofas, Tische und Betten werden hier nicht nach Gattung sortiert, sondern zu Musterwohnungen arrangiert, so dass vor dem Auge des Kunden der Vorschein einer möglichen Existenz entsteht: Vor einer New-York-Tapete liegt auf dem Tisch schräg ein Brassaï-Band, als hätte ihn der kultivierte Freund eben dort vergessen, das kissenüberschwemmte Bett lädt zum Nachmittagsschlaf ein, manche Probelieger bleiben stundenlang, nur Übernachtungen sind nicht möglich.
Bisher jedenfalls, denn jetzt teilte Ikea mit, man plane, „mindestens hundert Hotels“ zu errichten. Wenige Tage später verkündete Harald Müller, Manager bei Landprop, der Ikea-Immobilientochter, man wolle nicht nur Hotels, sondern ganze Stadtviertel bauen, beispielsweise in Hamburg. So wie in jedem dritten Arbeitszimmer zwischen Tokio und Brooklyn ein Billyregal steht, soll bald jede Stadt ihr Ikea-Viertel haben.
Für immer im Kinderparadies
Das erste wird in London gebaut; am Olympischen Park sollen 1200 Wohnungen, Büros, Hotels und Gewerbeflächen entstehen. Es gibt schon Entwürfe; die Ikea-Stadt sieht erstaunlich öde aus, so, als hätte jemand das Regalsystem Expedit und den Bartisch Björkudden am Kopierer auf die Größe eines entschlossen langweiligen Viergeschossers hochgezoomt. An den Häusern wird man viel selbst machen können, ansonsten gilt, wie gehabt: billigstmögliche Vorfabrikation statt lokalen Handwerks, was beim Hausbau die gleichen Verwüstungseffekte haben wird wie in der Möbelbranche, weswegen man bei Ikea lieber über andere Feindbilder redet. „Wir mögen keine Hochhäuser, weil wir sie unmenschlich finden“, erklärt Müller.
Aus einem Hochhaus kann man allerdings herausgucken und etwas anderes sehen. Das wird in der Ikea-Welt schwierig. Ikea-Büros, Ikea-Kindergarten, Ikea-Schule, Ikea-Bars, Ikea-Restaurants, alles soll zu Fuß erreichbar sein; man muss Ikea nie wieder verlassen. Der kleine Ivar möchte aus dem Kinderparadies abgeholt werden, aber das geht nicht, denn er lebt jetzt für immer dort. Irgendwann aber wird er gegen die große blaue Wand laufen, die er für den Himmel hielt, und erschreckt feststellen, dass dahinter noch eine Welt liegt, in der alles schon zusammengeschraubt ist.