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Igor Levit im Gespräch : Aufstehen, fertig, das Leben geht weiter

Igor Levit Bild: Foto Felix Broede

Igor Levit ist einer der besten Pianisten der Gegenwart. Ein Gespräch über Bach, Beethoven und die Frage, ob Musik die Welt verändern soll.

          Herr Levit, vor zwei Jahren kam Ihre erste Plattenaufnahme heraus: die späten Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven. War das nicht fast schon eine Unverschämtheit – ein 26-jähriger Pianist und der späte Beethoven?

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wieso soll das unverschämt sein?

          Es ist Musik, die es einem nicht leichtmacht. Als Hörer, finde ich, sollte man mindestens vierzig sein ...

          Man soll es sich anhören und sagen: Es geht. Oder eben nicht.

          Es ist sehr erwachsene Musik.

          Man muss in bester physischer und psychischer Verfassung sein. Wenn man spürt, was Beethoven dem Pianisten da abverlangt, an Tempo, an Kraft, dann widerspricht das Ihrer Ansicht, dass das nur Musik für ältere Pianisten wäre

          Haben wir nicht gelernt, dass man ohne Kontext diese Musik nicht verstehen kann; dass man Zentnerlasten von Geistes- und Rezeptionsgeschichte braucht, um den späten Beethoven zu verstehen? Thomas Mann, zum Beispiel, „Doktor Faustus“ und die Frage, ob ein Genie sich so gehen lassen darf.

          Mich nervt es, wenn der Kontext den Blick auf uns selber versperrt. Ja, es ist wichtig zu wissen, aus welchem Geist ein Werk entstanden ist. Aber da ist ein Stück nicht zu Ende, da fängt es erst an. Genauso wichtig ist es, mit den Fragen, die sich uns stellen, an so ein Stück heranzugehen. Vielleicht sind es ja sogar die gleichen, die Beethoven sich stellte.

          Wonach fragt Beethoven in den Diabelli-Variationen, die Sie jetzt aufgenommen haben?

          Um es ganz platt zu sagen: Er fragt, wer er ist. Und wer wir sind. Beethoven, heißt es, sei so radikal. Das stimmt. Aber in diesen Variationen spüren wir, er liebt das Thema, er hasst es, er tritt es kaputt, er baut es zusammen. Er ist voller Widersprüche. Aber ist nicht jeder normale Mensch so?

          Ist es wirklich so einfach?

          Es ist nicht einfach, den Zugang zu Beethoven zu finden, es ist schwer, richtig schwer.

          Oder geht es darum, in der Musik sich selbst zu finden?

          Beides. Ich kann nicht Beethoven spielen, ohne mich selbst dabei auszudrücken. Sätze wie: „Ich spiele nur, was Beethoven schreibt“ sind völlig inhaltsleer. Ich spiele in Takt 20 Beethovens Forte. Aber es ist zugleich mein Forte. Ich bringe mein Leben mit ans Klavier, ich sehe Menschen vor mir. Ich sehe immer Menschen vor mir, wenn ich spiele.

          Steht vielleicht alles, was wir über Beethoven oder Bach wissen müssen, in den Noten?

          Nein, wieso?

          Was müssen wir sonst noch wissen?

          Ich habe die letzten zehn Jahre mit den Diabelli-Variationen gelebt. Ich kenne sie so gut, wenn ich mir Mühe gäbe, könnte ich sie aufschreiben. Und jeden Tag prallte die Musik auf mein Leben. Insofern ist die Interpretation eines Stückes nicht ein Willensakt. Eher ein Prozess. In zwanzig Jahren werde ich die Hammerklavier-Sonate anders als heute spielen.

          Machen wir Deutschen einen zu großen Kult um Beethoven: das deutsche Genie?

          Man kann gar keinen zu großen Kult um sein Genie machen. Was mich stört, das sind Sätze wie dieser: Das ist größer als wir. Beethoven war auch wir. Da hat ein Mensch ein Stück geschrieben.

          Wenn man sich so hineinbohrt in die Musik: Wird Beethoven dabei größer oder kleiner? Verständlicher oder unverständlicher?

          Er wird zum engsten, besten Freund. Ich möchte nicht aufhören, ihn kennenzulernen.

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