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Ignoranz statt Krankheitsverständnis Die Vorladung

 ·  Obwohl der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident an Alzheimer erkrankt ist, soll Ernst Albrecht vor dem Gorleben-Untersuchungsausschuss aussagen. Das ist mehr als nur eine Taktlosigkeit.

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Man wird sich rasch darauf einigen können, dass Demenzkranke nicht vor einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss gehören. Insoweit dürfte sich die menschlich und rechtlich abstruse Idee, ebendort den früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht zu Gorleben aussagen zu lassen, von selbst erledigt haben. Dennoch traut man seinen Ohren nicht, wenn man von der Sache hört, glaubt zunächst an einen schlechten Scherz.

Der seit Jahren demenzkranke Albrecht sollte nach dem Willen von Stefan Wenzel, dem Fraktionsvorsitzende der Grünen im niedersächsischen Landtag, vor dem Gorleben-Untersuchungsausschuss des Bundestags „erklären, warum das damalige Auswahlverfahren abgebrochen und der Standort Gorleben völlig willkürlich ausgewählt wurde“. Laut Ursula von der Leyen, der Tochter Albrechts, ist ihr 82 Jahre alter Vater seit 2008 geschäftsunfähig und wird auf seinem Bauernhof rund um die Uhr betreut. Die entsprechenden ärztlichen Atteste könnten vom Untersuchungsausschuss jederzeit eingesehen werden, so von der Leyen. Unstreitig kommt vor diesem Hintergrund keine juristisch wirksame Aussage zustande.

Ohne Krankheitsverständnis

Wenzel macht die Sache nicht besser, wenn er jetzt nachschiebt, Albrecht solle ja nur auf „freiwilliger Basis“ aussagen. Das grenzt, wiewohl Wenzel als besonnener Politiker geschildert wird, an Verhöhnung: Als sei bei Alzheimer nicht gerade auch die Freiwilligkeit in Mitleidenschaft gezogen. Schon Wenzels ursprüngliche Begründung für den Vorlade-Vorschlag war von beklemmender Ignoranz: Albrecht löse ja noch Zahlenrätsel, die Sudokus, da könne er wohl auch vor einem Untersuchungsausschuss aussagen.

Wenn der Fall über die individuelle Taktlosigkeit hinaus etwas zeigt, dann ist es die verbreitete Unkenntnis, die es über Alzheimer noch immer zu geben scheint. Natürlich kann die erfolgreiche Isolierung von Zahlen innerhalb eines vorgegebenen Rasters, wie beim Sudoku-Rätsel gefordert, ohne weiteres mit den spezifischen Störungen einer Demenz einhergehen, mit der mangelnden Fähigkeit, trotz punktueller Klarsicht eine sinnvolle Gedächtnisleistung zu erbringen, die Tragweite einer Entscheidung abzuschätzen. Je länger man Wenzels Vorstoß auf sich wirken lässt, desto unfassbarer klingt er.

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Jahrgang 1960, Redakteur im Feuilleton.

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