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Ignazio Marino Das Fußgängerforum von Rom

 ·  Roms Bürgermeister träumt von einer Stadt ohne Lärm und Abgase. Von Beruf ist der Öko-Avantgardist Ignazio Marino ein Chirurg: Er will die zentrale Verkehrsachse „Via dei Fori Imperiali“ nun wie mit dem Skalpell abschneiden.

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© dpa Vergrößern Der Chirurg als Verkehrstherapeut: Ignazio Marino, Bürgermeister von Rom

Rom ohne Autos - das ist eine Vorstellung, die noch bizarrer wirkt als Rom ohne Papst. Vielleicht sollte man die Geduld, den Listenreichtum und die Improvisationsgabe, mit der Millionen römische Autofahrer sich im Straßendschungel zwischen barocken Palazzi, antiken Ausgrabungen, mittelalterlichen Kirchen und faschistischen Baublöcken zurechtfinden, zum immateriellen mobilen Kulturerbe erklären.

Die Bürger haben angesichts schlecht entwickelten Personennahverkehrs keine andere Wahl. Roms U-Bahn ist unterentwickelt; die überfüllten und überhitzten Busse stecken immer wieder fest. Die Stadt kennt obendrein kaum Parkhäuser, angesichts des überreichen Untergrunds auch fast keine Tiefgaragen und glücklicherweise kaum Schnellstraßenschneisen. Wie sich der „traffico“ vorzugsweise entlang spätantiker Stadtmauern und auf den Tiberkais abwickelt (manchmal aber auch zäh verwickelt), um dann durch tausend Poren gerade noch verträglich ins Gassenlabyrinth des Centro Storico zu tröpfeln, ist eine kollektive urbane Meisterleistung, die nur durch die soziale Kompetenz und sanfte Regelbeugung italienischer Autofahrer zu erklären ist.

Man wird sich eben etwas einfallen lassen

Römer können parken, wo es eigentlich nicht geht. Und sie können fahren (meist rücksichtsvoll), wo man gar nicht darf - zur Not eben bis ins hohe Alter auf dem Moped quer durch alle Sperren und Einbahnstraßen hindurch. Nicht jeder kann schließlich wie der Papst den Hubschrauber nehmen.

Dass Roms neugewählter Bürgermeister Ignazio Marino, ein ausgebildeter Chirurg aus dem von Autos kaputtgemachten Genua, die zentrale Verkehrsachse „Via dei Fori Imperiali“ nun wie mit dem Skalpell abschneidet und damit das ganze antike Zentrum zu einem Park für Fußgänger und Radfahrer erklärt, kommt einer Revolution von oben gleich. Bisher musste man Suizidabsichten hegen oder am Cäsarenwahn leiden, bevor man auf den sieben Hügeln aufs Fahrrad stieg. Kolosseum und Forum wurden von der schnurgeraden Prachtstraße, die einst Mussolini für Paraden anlegen ließ, ohnehin satt mit Abgasen und Lärm versorgt.

Marino verriet nun, dass ihm Begrünung, neue Ausgrabungen und Spazierwege mitten im autofreien Zentrum vorschweben - ein Kindertraum. Entsprechend geteilt sind die Reaktionen der Römer. Sie reichen vom Jubel über eine Wandermetropole mit bebuschten Ruinen bis zur modernistischen Hoffnung auf neue Autotunnel, Hochhäuser und Parkgaragen. Wie die ewig verstopfte, ewig chaotische, ewig herrliche Stadt mit der Verkehrsberuhigung inmitten ihrer alten Bausubstanz zurechtkommen wird? Die Römer, die schließlich nicht spinnen, machen es wie immer: Sie werden sich etwas einfallen lassen.

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18.08.2013, 14:44 Uhr

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Von Andreas Platthaus

Mit Kafka teilte er die Einfühlung in das Schicksal der Bedrängten. Das Erfolgsrezept seiner Bücher könnte den Titel eines Aufsatzes tragen, den er 1993 veröffentlicht hat. Zum Tod von Gabriel García Márquez. Mehr 1 2