Der Müll und der Schund im Internet überfordern uns alle. Seit es Photoshop gibt, lügen auch noch die Bilder. Im schweizerischen Kanton Wallis, in dem das Mittelalter nach Ansicht des Heimatdichters Maurice Zermatten bis zum Ersten Weltkrieg gedauert hat, ist der Sprung aus den abgeschiedenen Tälern ins globale Netz offenbar eine ganz besondere mentale Herausforderung. Mit der spezifischen Gefahr der sittlichen Gefährdung befasst sich die „IG Sorgfalt“. Sie hat jetzt die Bedrohung der Schweizer Zivilisation im Schulbuch „Schritte ins Leben“ aus dem Verlag Klett und Balmer verortet.
Die betreffenden Passagen handeln von Drogen, Tabak, Alkohol, Suizid und Sex. Die „IG Sorgfalt“ intervenierte deshalb unverzüglich beim Schulminister, dem 65 Jahre alten Claude Roch, der früher Vizefinanzchef bei Nestle gewesen ist. Roch schrieb daraufhin an die Walliser Lehrer und hat ihnen befohlen, „umgehend und mit der notwendigen Subtilität dafür zu sorgen“, dass die im Kapitel „Liebe und Sexualität“ aufgeführten Internetadressen „mit Tipp-Ex oder anderen soliden Klebematerialien eliminiert werden“.
Ein weltfremder Walliser
Wir erinnern uns: Tipp-Ex wurde in einer früheren Epoche zum Korrigieren von Fehlern beim Tippen mit der Schreibmaschine benutzt. Die Methode des Ministers, der vor zwei Wochen einen Lehrer entließ, der kein Kruzifix im Schulzimmer dulden wollte, erinnert an eine Zeit, in der Stalin auf Fotos Trotzki wegretuschierte. Doch inzwischen werden auch im Wallis die Kinder nicht mehr per Inzucht gezeugt, was sich als ganz hervorragend gegen den Schwachsinn in der Bevölkerung erwiesen hat.
Der geistige Fortschritt ist jedoch auch ein bisschen dem Verdienst der Schulmeister zuzurechnen. Massenhaft sollen sich die Lehrer der Bevormundung ihrer Schüler durch die Tipp-Ex-Zensur verweigert haben. „Wir machen es den Kühen nach, wir brauchen keine Lehrbücher“, spotten deren Schützlinge auf Facebook. Auch von den Medien wird Claude Roch als letzter Dorftrottel des hinterwäldlerischen Kantons vorgeführt. Das Gegenteil habe er mit seinerAktion bewirkt und für die sündigen Portale Propaganda gemacht, stellen sie haarscharf fest.
Mit seinem skurrilen Vorschlag hat der weltfremde Walliser vor allem eine gar nicht so absurde und überflüssige Debatte über die Darstellung der Sexualität durch die offiziellen Aufklärungsstellen verunmöglicht. „Sexualerziehung gehört in die Familie“, wehrt sich jetzt der hilflose Politiker: Nicht um das Schulbuch – nur um die Internetadressen gehe es ihm. Wer zu Hause kein Tipp-Ex mehr hat, muss halt den Computer mit einem Vorhang verschleiern.