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Burghart Klaußner im Gespräch : Idylle und Inferno

In Berlin geboren: der Schauspieler und Schriftsteller Burghart Klaußner Bild: Max Parovsky

Der Schauspieler Burghart Klaußner, berühmt durch seine Rollen in „Das weiße Band“ und „Der Staat gegen Fritz Bauer“, hat sein literarisches Debüt geschrieben. Es spielt an einem Tag kurz vor Kriegsende, dem 23. April 1945, am Wannsee

          Herr Klaußner, Sie haben Ihr literarisches Debüt geschrieben, und es ist eine völlig unerwartete Geschichte: Es geht um einen Tag kurz vor Kriegsende, um den 23. April 1945. Um zwei Soldaten, die den Auftrag haben, die Geldkasse ihrer Einheit ins Reichsluftfahrtministerium zu bringen. Wir durchqueren mit ihnen das zerschossene Berlin. Dabei verlieren sie einander – und Fritz, der eine von ihnen, hat irgendwann nur noch den Plan, sich an den Wannsee durchzuschlagen, wo an der Klaren Lanke noch sein Segelschiff liegt. Wie kam diese Geschichte zu Ihnen?

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mein Vater hat mir kurz vor seinem Tod erzählt, dass er erschossen werden sollte auf einer Toilette im Strandbad Wannsee. Mein Vater starb 1987, und seitdem hat mich das beschäftigt. Ich machte mir Gedanken, wie es dazu kommen konnte, was die Umstände dieser Geschichte gewesen sein mögen und wie man darüber schreiben könnte und nicht etwas spielen oder einen Film drehen. Ich habe dann festgestellt, dass ich nicht schreiben kann.

          Wie meinen Sie das?

          Es ist eine kleine Miniatur entstanden, die sofort wieder beendet war, weil es immer komplizierter wurde und theoretischer. Es war völlig unzureichend. Inzwischen sehe ich sehr viel deutlicher, welche Qualität das Erzählen gegenüber dem Theoretisieren hat.

          Sollte Ihr Vater dort in den letzten Tagen des Krieges als Soldat erschossen werden, weil er desertieren wollte?

          Wohl nicht. Er war ja bei keiner Truppe. Das war alles unklar. Es war wohl seine Absicht, sich aus der Stadt raus auf sein Schiff zu retten.

          Es gab also ein Schiff, das den Krieg überstanden hatte?

          Ja, und dieses Segelschiff lag, wie in meiner Erzählung, an der Klaren Lanke. Ich arbeite gern, um etwas herauszufinden. Wie etwas war oder wie jemand war, auch beim Spielen. Hier habe ich geschrieben, um herauszufinden, was Krieg für einen Einzelnen ist. Ist es möglich, überhaupt einen Tag zu überleben? Gibt es ein Schlupfloch? Wovon ernährt man sich? Man liest zum Beispiel in irgendeiner Quelle: „Sie standen an der Wasserpumpe an.“ Aber was war danach? Und was davor?

          Es geht um zwei Soldaten, die eher unsoldatisch wirken, spät eingezogen, der eine ein Gastronom. Sind das Durchschnittstypen?

          Meine Figuren sind Grenzgänger, Einzelgänger, Versprengte – ein wenig wie Pat und Patachon. Sie gehören zur Fliegerreserve. Das heißt, sie waren nicht Luftwaffe, sondern wurden in die Uniform des Arbeitsdienstes gesteckt und konnten auf dem Flugplatz in Johannisthal eine ruhige Kugel schieben. Ich hatte keine Lust, über den Krieg zu schreiben. Das ist so oft geschehen, und man weiß sowieso nicht, wie es war. Also habe ich mich dem vorsichtig angenähert und die beiden Figuren eher wie Astronauten durch die Stadt geschickt, natürlich nur so lange, bis es nicht mehr ging. Ganz durchschnittliche Leute mit dem durchschnittlichsten und unkriegerischsten Fortbewegungsmittel, das sich vorstellen lässt, mit dem Fahrrad. Es gab eben nichts, was es nicht gab.

          Der größte Teil von „Vor dem Anfang“ spielt am Wannsee. Vom Strandbad Wannsee aus setzen deutsche Soldaten per Schiff auf die Pfaueninsel über, um die Russen abzuwehren. In den Wäldern dort wird ein russischer Scharfschütze erschossen. Haben Sie all das recherchiert?

          Ja, natürlich. Es gibt die Standardwerke über das Ende des Zweiten Weltkriegs in Berlin, und es gibt eine mehrbändige Reihe, die das Kriegsgeschehen Tag für Tag dokumentiert. Dieser Ort Wannsee ist für mich besonders aufgeladen, weil hier Idylle und Inferno zusammentrafen. Ich bin in Berlin geboren, wir haben in den Trümmern gespielt. Meine Mutter sagte immer nur, dass wir nichts anfassen durften, was aus Metall war. Aber verhindern, dass wir dort spielten, konnte sie nicht. Als ich nach der Schulzeit aus Bayern zurückkehrte nach Berlin und erwachsen geworden war, kam mir Berlin ganz anders entgegen als die Stadt, die ich als Kind verlassen hatte. Wie konnte möglich sein, was dort geschehen war? Auch die Verschiffung zur Pfaueninsel hat es genau so gegeben. Es gab an der Pfaueninsel diese Lastkähne, die in der Erzählung vorkommen. Sie wurden längs der Insel festgemacht. Von denen hat sich die Bevölkerung noch monatelang in der ersten Nachkriegszeit ernähren können. Es gab auch diese Situation in Heckeshorn. Dorthin war das Oberkommando des Heeres aus Zossen verlegt worden, da es in Zossen unter Beschuss der Russen stand. Von Heckeshorn sollte es wiederum nach Krampnitz verlegt werden, wo zeitweilig schon das Oberkommando der Wehrmacht war – aber dazu ist es nicht mehr gekommen. Im Bunker Heckeshorn, der stark befestigt war, waren sehr viele Zivilisten und Verwundete aus ganz Wannsee untergekommen. Und im Strandbad wurden am Schluss tatsächlich Stalinorgeln aufgestellt.

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