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„Idomeneo“-Wiederaufnahme Ob auf den Solidaritäts- der Zuschaueransturm folgt?

03.11.2006 ·  Opernintendantin Kirsten Harms will die Inszenierung, die aus Sorge um islamistische Gewalt abgesetzt worden war, am 18. und 29. Dezember wieder zeigen. Noch gibt es erstaunlich viele Karten. Wer den Berliner „Idomeneo“ sehen will - und wer nicht.

Von Christian Schwägerl, Heinrich Wefing
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Noch hält sich der Ansturm auf die beiden Aufführungen der heftig umstrittenen Mozart-Oper „Idomeneo“ in der Inszenierung von Hans Neuenfels an der Deutschen Oper Berlin in Grenzen. An diesem Freitag nachmittag jedenfalls, zwei Tage nach der Ankündigung der Opernintendantin Kirsten Harms, die zunächst aus Furcht vor möglichen islamistischen Übergriffen verfügte Absetzung der 2003 erstmals aufgeführten Inszenierung zu widerrufen und das Stück nun am 18. und 29. Dezember zu spielen, waren bei Redaktionsschluß erst etwa gut die Hälfte der Plätze gebucht.

Das ist angesichts des überparteilichen Solidaritätssturms, der nach der Absetzung über das Haus an der Bismarckstraße hinwegfegte, durchaus erstaunlich. Auf der Website der Deutschen Oper kann man nun das Ausmaß der praktischen Bereitschaft, die Kunst gegen Selbstzensur und religiösen Fundamentalismus zu verteidigen, jederzeit online verfolgen. Jedenfalls ist dort der Fortschritt des Kartenverkaufs zu beobachten.

Der Kulturstaatsminister will ein Zeichen setzen

Eine allzu frühe und heftige Nachfrage wäre freilich auch nicht unbedingt im Interesse des Hauses. Denn am Freitag arbeitete das Büro von Kirsten Harms noch fieberhaft an einer Liste der Ehrengäste. Mutmaßlich keine leichte Aufgabe, hatten sich doch gleich nach Bekanntwerden des Skandals Heerscharen von Politikern, Intellektuellen und Prominenten zur Freiheit der Kunst bekannt und ein Erscheinen bei einer möglichen Wiederaufnahme angekündigt. Am Montag, so war zu hören, sollen die Einladungen nun verschickt werden. Bereits vor deren Eingang aber hat Bundesinnenminister Schäuble (CDU) der Intendantin sein Kommen telefonisch zusagen lassen, erfuhr diese Zeitung gestern in Berlin.

Kulturstaatsminister Neumann (CDU) ließ durch einen Sprecher mitteilen, er werde bei der ersten Aufführung ebenfalls dabeisein, das liege ihm besonders am Herzen, hier müsse ein Zeichen gesetzt werden. Und auch die Sprecherin von Innensenator Körting (SPD), der durch eine flapsige Zuspitzung der vermeintlichen Bedrohungslage die Absetzung der Wiederaufnahme mit ausgelöst hatte, beeilte sich zu versichern, der Senator werde an der ersten Aufführung am 18. Dezember teilnehmen. Eine Karte habe er zwar noch nicht, werde sich aber rasch eine besorgen. Andere Politiker schauen offenbar zunächst noch prüfend in ihre Terminkalender.

Zaimoglu will kein „Fußsoldat einer Aufklärungskohorte“ sein

Unmittelbar nach dem ersten Treffen der deutschen Islamkonferenz, das wenige Tage nach Bekanntwerden der „Idomeneo“-Absetzung stattfand, hatte Minister Schäuble angekündigt, er wolle gemeinsam mit den Konferenzteilnehmern die Oper besuchen. Ob er jetzt tatsächlich allen Delegierten Einladungen zukommen lassen werde, vermochte seine Sprecherin einstweilen noch nicht zu sagen. Einige der potentiellen Gäste haben sich gleichwohl bereits von der Idee des gemeinsamen Opernbesuchs distanziert. Ali Kizilkaya, der Vorsitzende des Islamrats, erklärte gegenüber dieser Zeitung, man sei sich zwar während der Islamkonferenz einig gewesen, daß die Absetzung der Oper nicht richtig sei, er selbst aber werde die Wiederaufnahme dennoch nicht besuchen: „Kunstfreiheit heißt nicht, daß man sich alles anschauen muß, was unter Kunst firmiert, und schon gar nicht eine geschmacklose Oper, in der Religionsgründern die Köpfe abgehackt werden.“

Auch der deutsch-türkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu, ebenfalls Mitglied der Islamkonferenz, wird der Aufführung fernbleiben. Er wolle nicht als „Fußsoldat einer Aufklärungskohorte“ die Inszenierung inspizieren, erklärte er. Anfangs sei die Politik „feige“ gewesen und habe die Entscheidung auf Frau Harms abzuwälzen versucht, nun „wollen sich alle fotografieren lassen“. Er jedenfalls sehe keinen Anlaß, sich „einem Gesinnungstest zu unterziehen“. Und überhaupt möge er Opern nicht besonders gern.

Einer der bestgesicherten Orte der Republik

Kenan Kolat, der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, hingegen erklärte, die Idee des gemeinsamen Opernbesuchs stamme von ihm, Minister Schäuble habe sie dankenswerterweise nach der Islamkonferenz aufgegriffen. Sollte Schäuble nun, aus welchen Gründen auch immer, die Teilnehmer der Islamkonferenz nicht selbst einladen können, dann will Kolat das übernehmen, jedenfalls für die muslimischen Mitglieder der Konferenz. Kunst, so Kolat, dürfe nicht unter politische Aufsicht gestellt werden. Deshalb verstehe er einen Besuch der Opernaufführung jetzt als „Zeichen der Kunstfreiheit“.

Die Berliner Polizei teilte auf Anfrage mit, sie habe derzeit keine neuen Erkenntnisse zur eventuellen Gefährdung einer „Idomeneo“-Inszenierung an der Deutschen Oper, es bleibe daher bei der Einschätzung, es könne ohne Sorge vor Störungen gespielt werden. Ein Sprecher wiederholte jedoch die Ankündigung, „zeitnah“ vor der Aufführung werde eine weitere Bedrohungsanalyse erstellt. Daß die Deutsche Oper am 18. Dezember einer der bestgesicherten Orte der Republik sein wird, darf man getrost annehmen. Ganz gleich, wer sich noch in die Riege der Ehrengäste eintragen wird.

Quelle: F.A.Z., 04.11.2006, Nr. 257 / Seite 40
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