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Veröffentlicht: 03.10.2011, 16:50 Uhr

Ideologiebegriff Ostblock, Westblock, Weblog

Sie reden uns ein, dass wir Staaten vor dem Zusammenbruch bewahren oder den Müll trennen sollen: Wie steht es hier und heute mit den Ideologien?

von
© AP Schrieb noch lobend von der Ideologie: Lenin

Ist die Vorstellung, man dürfe volkswirtschaftlich maßgebliche Banken, überschuldete Staaten und vergleichbare Großkörperschaften, unter denen sich die Bevölkerungsmehrheit etwas anderes vorstellt als unter einer Firma, auf gar keinen Fall pleitegehen lassen, eine ideologische? Oder argumentieren im Gegenteil alle, die vorschlagen, etwa die erreichte Währungsintegration Europas wieder zu entflechten und dabei auch Staatsbankrotte in Kauf zu nehmen, als Ideologen?

Dietmar Dath Folgen:

Sind Thilo Sarrazins Glockenkurvengleichnisse über die Intelligenzverteilung bei Migranten Ideologie? Enthielt die Papstrede vor dem Bundestag Ideologeme, und mit welchem Apparat misst man so etwas? Hat oder braucht oder fördert die Piratenpartei eine Ideologie? Gibt es ein ideologisches Gebilde namens "Populismus", dessen Adepten rechts wie links im Trüben fischen? Was überhaupt unterscheidet Ideologie vom banalen Irrtum oder der gewöhnlichen Lüge?

In den siebziger und achtziger Jahren, als in der alten Bundesrepublik Bildung, Mündigkeit und Ideologiekritik unter Belesenen einander überlappende, wo nicht identische Begriffsfelder waren, verstand man unter Ideologie das schlechthin "affirmative" Denken und Reden, also jede Form der gesellschaftsbezogenen Äußerung, mit der vorhandene Widersprüche unzutreffenderweise als versöhnt dargestellt wurden. Ideologen waren in diesem Sprachspiel Leute, die den Kapitalismus, das Patriarchat, den atomar gerüsteten Militarismus, die Naturverwüstung und andere Übel verharmlosten oder verherrlichten. Sie standen dem Fortschritt im Weg, vor allem dann, wenn sie leugneten, dass es die zwei Parteien Fortschritt und Reaktion überhaupt gab, und etwa behaupteten, es gäbe nur den West- und den Ostblock, und wenn letzterer verschwände, wäre endlich alles gut.

Schiffbrüchig ohne Seerecht

Zwischen dem schlechten Bestehenden und dem zu erkämpfenden Richtigen hatten sie die falsche Wahl getroffen und redeten sie anderen ein. Die Wirklichkeit befand sich auf der Kippe. Der Streit zwischen den Affirmativen, also Ideologieträgern, und den Kritischen, also Fortschrittsleuten, bildete den Streit zwischen heute (schlecht) und morgen (gut) im Symbolischen ab. Dieses Geschichtsbild hat viel für sich; die Kippmomente gibt es tatsächlich.

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Noch vor wenigen Generationen zum Beispiel versuchte man im zivilisierten Mitteleuropa gerade, sich an die Existenz von Lehrerinnen zu gewöhnen, ließ sichtbar schwangere Frauen aber von Gesetzes wegen nicht unterrichten, weil die Schulkinder dabei auf Fragen und Gedanken kommen mochten, die man für unsittlich hielt. Der erwachsene soziale Umgang mit ein paar naturwissenschaftlich beschreibbaren, technischer Veränderung offenstehenden Geschlechterumständen, den man sich vorgenommen hatte, verhedderte sich überall in derlei Inkonsequenzen. Diese Sorte Problem ist keineswegs von gestern: Noch immer leben beispielsweise leider Leute, die eher daran Anstoß nehmen, wenn ein Kind zwei Mütter oder Väter hat, als daran, dass viele Kinder zwar Vater und Mutter haben, diese das arme Wesen aber nicht wollten und nicht lieben. An nichts passen sich Leute schlechter an als an Spielraum, an neu gewonnene Freiheiten und neu errungene Einsichten.

So geht das immer: Wir trennen bereits den Müll, haben aber noch keine stimmige Energiewirtschaft. Wir kennen schon Software ohne Eigentumsvorbehalt, lassen die Kreativen aber mit einem Urheberrecht allein, das ihre Erzeugnisse entweder irgendwelchen Medienunternehmen als Profit-Treiber zum Fraß vorwirft oder aber gleich verschenkt. Wir bauen die Nationalstaaten, ihre Zuständigkeiten und Souveränitäten ab, besitzen aber keine effektive, geschweige eine demokratische Verwaltung, die mit der längst gegebenen Transnationalität ökonomischer Abläufe Schritt halten könnte. Wir lösen uns von der alten Erwerbsarbeit, aber wer noch einen Lohn erhält und auf eine Altersrente hofft, ist kaum gegen die Folgen riesiger Verwertungsbeben wie der jüngsten Schuldenkrise geschützt (und wer zur Unzeit ganz aus der Lohnarbeit fällt, ist schiffbrüchig ohne Seerecht).

Ein geschickter Politiker

Die soziale Frage, abstrakt im aufkommenden bürgerlichen Zeitalter als doppelgesichtiges Problem der gerechten Organisation von einerseits Wohlstand (oder, bescheidener: Sicherheit) und andererseits Freiheit (oder, bescheidener: Mitbestimmung) formuliert, stellt sich im 21. Jahrhundert zeitgemäß als Problem des gerechten Zugangs zu einerseits Energie und andererseits Information dar.

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