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Ideologiebegriff Ostblock, Westblock, Weblog

 ·  Sie reden uns ein, dass wir Staaten vor dem Zusammenbruch bewahren oder den Müll trennen sollen: Wie steht es hier und heute mit den Ideologien?

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Ist die Vorstellung, man dürfe volkswirtschaftlich maßgebliche Banken, überschuldete Staaten und vergleichbare Großkörperschaften, unter denen sich die Bevölkerungsmehrheit etwas anderes vorstellt als unter einer Firma, auf gar keinen Fall pleitegehen lassen, eine ideologische? Oder argumentieren im Gegenteil alle, die vorschlagen, etwa die erreichte Währungsintegration Europas wieder zu entflechten und dabei auch Staatsbankrotte in Kauf zu nehmen, als Ideologen?

Sind Thilo Sarrazins Glockenkurvengleichnisse über die Intelligenzverteilung bei Migranten Ideologie? Enthielt die Papstrede vor dem Bundestag Ideologeme, und mit welchem Apparat misst man so etwas? Hat oder braucht oder fördert die Piratenpartei eine Ideologie? Gibt es ein ideologisches Gebilde namens "Populismus", dessen Adepten rechts wie links im Trüben fischen? Was überhaupt unterscheidet Ideologie vom banalen Irrtum oder der gewöhnlichen Lüge?

In den siebziger und achtziger Jahren, als in der alten Bundesrepublik Bildung, Mündigkeit und Ideologiekritik unter Belesenen einander überlappende, wo nicht identische Begriffsfelder waren, verstand man unter Ideologie das schlechthin "affirmative" Denken und Reden, also jede Form der gesellschaftsbezogenen Äußerung, mit der vorhandene Widersprüche unzutreffenderweise als versöhnt dargestellt wurden. Ideologen waren in diesem Sprachspiel Leute, die den Kapitalismus, das Patriarchat, den atomar gerüsteten Militarismus, die Naturverwüstung und andere Übel verharmlosten oder verherrlichten. Sie standen dem Fortschritt im Weg, vor allem dann, wenn sie leugneten, dass es die zwei Parteien Fortschritt und Reaktion überhaupt gab, und etwa behaupteten, es gäbe nur den West- und den Ostblock, und wenn letzterer verschwände, wäre endlich alles gut.

Schiffbrüchig ohne Seerecht

Zwischen dem schlechten Bestehenden und dem zu erkämpfenden Richtigen hatten sie die falsche Wahl getroffen und redeten sie anderen ein. Die Wirklichkeit befand sich auf der Kippe. Der Streit zwischen den Affirmativen, also Ideologieträgern, und den Kritischen, also Fortschrittsleuten, bildete den Streit zwischen heute (schlecht) und morgen (gut) im Symbolischen ab. Dieses Geschichtsbild hat viel für sich; die Kippmomente gibt es tatsächlich.

Noch vor wenigen Generationen zum Beispiel versuchte man im zivilisierten Mitteleuropa gerade, sich an die Existenz von Lehrerinnen zu gewöhnen, ließ sichtbar schwangere Frauen aber von Gesetzes wegen nicht unterrichten, weil die Schulkinder dabei auf Fragen und Gedanken kommen mochten, die man für unsittlich hielt. Der erwachsene soziale Umgang mit ein paar naturwissenschaftlich beschreibbaren, technischer Veränderung offenstehenden Geschlechterumständen, den man sich vorgenommen hatte, verhedderte sich überall in derlei Inkonsequenzen. Diese Sorte Problem ist keineswegs von gestern: Noch immer leben beispielsweise leider Leute, die eher daran Anstoß nehmen, wenn ein Kind zwei Mütter oder Väter hat, als daran, dass viele Kinder zwar Vater und Mutter haben, diese das arme Wesen aber nicht wollten und nicht lieben. An nichts passen sich Leute schlechter an als an Spielraum, an neu gewonnene Freiheiten und neu errungene Einsichten.

So geht das immer: Wir trennen bereits den Müll, haben aber noch keine stimmige Energiewirtschaft. Wir kennen schon Software ohne Eigentumsvorbehalt, lassen die Kreativen aber mit einem Urheberrecht allein, das ihre Erzeugnisse entweder irgendwelchen Medienunternehmen als Profit-Treiber zum Fraß vorwirft oder aber gleich verschenkt. Wir bauen die Nationalstaaten, ihre Zuständigkeiten und Souveränitäten ab, besitzen aber keine effektive, geschweige eine demokratische Verwaltung, die mit der längst gegebenen Transnationalität ökonomischer Abläufe Schritt halten könnte. Wir lösen uns von der alten Erwerbsarbeit, aber wer noch einen Lohn erhält und auf eine Altersrente hofft, ist kaum gegen die Folgen riesiger Verwertungsbeben wie der jüngsten Schuldenkrise geschützt (und wer zur Unzeit ganz aus der Lohnarbeit fällt, ist schiffbrüchig ohne Seerecht).

Ein geschickter Politiker

Die soziale Frage, abstrakt im aufkommenden bürgerlichen Zeitalter als doppelgesichtiges Problem der gerechten Organisation von einerseits Wohlstand (oder, bescheidener: Sicherheit) und andererseits Freiheit (oder, bescheidener: Mitbestimmung) formuliert, stellt sich im 21. Jahrhundert zeitgemäß als Problem des gerechten Zugangs zu einerseits Energie und andererseits Information dar.

Das Kulturmoment, in dem derlei seit Anbruch der bürgerlichen Welt vermittelt wurde und wird, um in politischer Gestalt die Leute aufzuregen oder zu begeistern, nannte man bereits "Ideologie", bevor der rein abfällige Wortgebrauch aufkam, der die oben geschilderten beiden kritischen Jahrzehnte der bundesdeutschen Öffentlichkeit prägte. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es Leute, die sich auf den Begriff sogar positiv bezogen: Noch Lenin schreibt lobend von einer proletarischen oder dialektisch-materialistischen Ideologie, die er der von ihm abgelehnten bürgerlichen und idealistischen entgegensetzt.

Als Sozialist war Lenin ein geschickter Politiker, weil er ein ausgezeichneter Marx-Philologe war, und umgekehrt profitierte seine Marx-Lektüre bald von seinen politischen Erfahrungen. Aber im Punkt der Ideologie fiel er mitunter hinter eine von Marx und Engels erreichte, subtilere Verwendungsweise des Begriffs zurück. Recht spät - Marx war schon tot - hat Engels diesen von seinem Freund und ihm gemeinsam entwickelten Sinnbezug des Wortes in einem Brief an Mehring 1893 erläutert: "Die Ideologie ist ein Prozess, der zwar mit Bewusstsein vom sogenannten Denker vollzogen wird, aber mit einem falschen Bewusstsein." Diese Formel, "falsches Bewusstsein", wird noch heute von Nachahmern Adornos zu etwas verkürzt, das gleichbedeutend ist mit Irrtum auf der kognitiven und Lüge auf der kommunikativen Ebene: Ideologen sehen nicht, was Sache ist, und geben deshalb darüber verkehrte Auskünfte.

Ohne Tarifdruckmittel auf dem Zeitvertrags-Markt

Aber Engels sagt mehr. Es geht ihm gar nicht arg darum, dass beim ideologischen Denken und Reden diese oder jene Sachaussage nicht stimmt. Er sagt, was genau an der Sorte Bewusstsein falsch ist, die Ideologie produziert: Weil ihr Träger die in gesellschaftlichen Verhältnissen gebundenen Kräfte, die ihn bewegen, nicht kennt, imaginiert er falsche und vergisst, dass sein Denken von seinem Handeln abhängt, "da ihm alles Handeln, weil durchs Denken vermittelt, auch in letzter Instanz im Denken begründet erscheint."

Wenn also jemand, sagt Engels, gegen Microsoft oder Bertelsmann bloggt, die Piratenpartei wählt oder ihr beitritt, weil Information frei sein soll oder das digitale Zeitalter neue Formen von Arbeit erlaubt oder aus sonst einem abstrakten Grund, und dabei nicht sehen oder artikulieren kann, welche Art eigener Praxis - als überausgebildetes, gegenüber den eigenen Eltern jämmerlich unterversichertes, ohne Tarifdruckmittel auf dem Zeitvertrags-Markt unverstandenen Gezeitenkräften ausgeliefertes Würstchen - diese schönen Ideale so plausibel macht, dann liegt Ideologie vor. Das gilt selbst und gerade dann, wenn diese Ideologie sich "kritisch" vorkommt.

Ideologiekritik als Ideologie

Wer 1980 einen Bioladen aufmachte oder ein Haus besetzte, weil die Erde allen gehört und die Natur unsere Freundin ist, anstatt zu bedenken und auszusprechen, dass solche Lebensentscheidungen auch mit der Deklassierung großer Kleinbürgerkollektive, dem Prestige- und Wohlstandsverfall bei Berufen wie denen des Lehrers und Verwandtem vermittelt waren, kam sich gesellschaftskritisch vor. Er produzierte aber Ideologie, genau wie jeder, der heute über Staatsschulden, künstliche Befruchtung, Copyright und andere Dämonen der Gegenwart politisiert und die von diesen Worten bezeichneten Sachen als autonome Dinge statt Ausdrücke gesellschaftlicher Verhältnisse begreift, also nicht sehen und artikulieren will, wer da jeweils gerade was mit genau wem tut oder vorhat.

Wenn Engels im zitierten Brief sagt, die größte politische Blendkraft habe der "Schein einer selbständigen Geschichte der Staatsverfassungen, der Rechtssysteme, der ideologischen Vorstellungen auf jedem Sondergebiet", dann trifft das auch auf nicht-affirmative, sich um Praktiken der Dissidenz oder des Protests herum ausbildende Phänomene zu. Die Ideologiekritik der alten Bundesrepublik war selbst weithin Ideologie.

Sozialkritik, die nicht ihre Positionen offen vermittelt mit der Praxis derer, die da reden, ist Anlauf zur Errichtung oder Verschärfung von Herrschaft - ob davon dann Hedgefonds-Manager, europäische Ökobürokraten oder eine frei flottierende Elite von Nutznießern und Besitztitelhaltern an informations- und lebenswissenschaftlichen Kenntnissen profitieren. Ideologie gibt es, wo immer Leute sich einen Vorteil davon versprechen, sich selbst und anderen nicht erkennbar werden zu lassen, was sie tun und vorhaben. Wir stehen mitten drin.

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