Sie ist schnell. Mit Schwung kommt sie aus dem Bühneneingang um die Ecke geschossen. „Da ist sie ja“, ruft sie ihrer Kostümbildnerin Yashi Tabassoni zu und deutet mit einer Geste zu mir, die mich kurz stutzen lässt, ob ich mich wohl verspätet habe. „Gar nicht, aber wir müssen jetzt unbedingt etwas essen“, lacht sie zurück.
Wir treffen uns, um über ADHS zu reden, über Hyperaktivität bei Kindern und Erwachsenen. Kürzlich hat die Universität Vancouver eine großangelegte Studie publiziert, der Daten von einer knappen Million Kinder zugrunde liegen. Ihre Krankheitsgeschichten wurden von den Forschern über einen Zeitraum von elf Jahren hinweg verfolgt. „Die auffälligsten Kinder waren immer die kreativsten“, wird sich Adriana Altaras später an ihre eigenen Erfahrungen mit ADHS-Kindern erinnern. „Das ist eine Zeitdiagnose“, sagt sie, „eine moderne Definition, die man für überforderte Schüler, Eltern und Lehrer gefunden hat.“
Mit hungrigen Schritten zum Ratskeller
Die neue Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass vor allem früh eingeschulte Kinder sehr oft eine nicht zutreffende ADHS-Diagnose gestellt bekämen. Was fälschlicherweise als krankhaft interpretiert und dann medikamentös behandelt werde, sei oft in Wahrheit nur ein altersgemäß unreifes Verhalten.
Adriana Altaras überrascht dieses Ergebnis nicht im Geringsten. Sie ist überzeugt davon, dass man ihr diese Diagnose auch gestellt hätte, wenn das ganze Phänomen früher schon ein Thema gewesen wäre. Da es das nicht war, habe man sie auf die Waldorfschule geschickt, statt sie mit Ritalin ruhigzustellen. Und dort habe sie „noch nicht einmal Heil-Eurythmie“ verordnet bekommen.
Im Moment inszeniert sie „Anatevka“ am Theater Osnabrück. Hungrigen Schrittes steuern wir auf die Terrasse des „Ratskellers“ zu, wo sie sich auf ein Schnitzel freut, dann aber die Seezunge isst, die der Kellner versehentlich serviert hat. „Man soll kein Essen verschwenden“, argumentiert ihr jüdisches Gewissen. „Und freitags soll man doch Fisch essen, oder?“, relativiert es sich scherzhaft wieder selbst.
Vom urdeutschen Charme der Waldorfschule, die sie besucht hat, kann man sich in ihrem Roman „Titos Brille“, dem 2011 erschienenen literarischen Debüt, ein Bild machen. Nein, natürlich war es nicht die Schule, die sie gerettet habe, es war die Kunst. Das jedenfalls ist Altaras’ Theorie - spätestens, seit sie als Regisseurin der „HypOp“ Musiktheaterprojekte an der Berliner Staatsoper auf Initiative des damaligen Intendanten Peter Mussbach gemeinsam mit Yashi Tabassoni und der Dramaturgin Ilka Seiffert einige Jahre lang mit ADHS-Kindern zusammengearbeitet hat. Mussbach, der nicht nur Musik, Theaterwissenschaften, Soziologie und Rechtswissenschaften studiert hat, sondern auch promovierter Neurologe ist, wollte herausfinden, ob der Umgang mit Musik eine Alternative zur umstrittenen, weil mit starken Nebenwirkungen belasteten Ritalin-Behandlung darstellen könne. „Die Tablette ist natürlich auch lebensnotwendig“, konzediert Altaras, „ für die Eltern.“ Sie lacht. „Auch für die Kinder“, lenkt sie ein, „die den ganzen Tag nur gesagt bekommen, wie sehr sie nerven, und denen das Medikament dann, wie ein Schmerzmittel, eine Phase der Ruhe ermöglicht, aus der sie neues Selbstvertrauen und Kraft schöpfen können.“
Die Hyperaktivitäts-Diagnose hält sie jedoch insgesamt für eine höchst problematische Angelegenheit. Weil sich in ihr die unterschiedlichsten Symptome und Verhaltensauffälligkeiten auf eine Weise mischten, die es oft kaum erlaube, zu sagen, wo die Ursachen lägen: in einem krankhaften Defizit der Kinder oder doch eher in einer Störung des familiären und schulischen Umfelds, das diese Kinder mit häuslichem Unglück, einem zum Davonlaufen langweiligen Unterricht bei gleichzeitigem Leistungsdruck und durch die Reizüberflutung eines hemmungslosen Fernseh- und Computerspiel-Konsums aus dem Gleis wirft.
Welcher der vielen Eindrücke ist der wichtigste?
Altaras spricht druckreif, schlagfertig, voller Leidenschaft und hochkonzentriert. Diese Frau soll ein Aufmerksamkeitsdefizit haben? Eher ist sie hyperaufmerksam und dabei so schnell im Kopf, dass sie Fragen beantwortet, noch bevor man sie gestellt hat. Die dunklen Locken tanzen ihr ungezähmt um das ausdrucksstarke Gesicht, jeder Gedanke wird mit einer drastischen Geste beglaubigt. „Diese Kinder kennen keine Grenzen, sie sind maßlos“, erinnert sie sich an ihre Probenarbeit, die phasenweise einer solchen Zumutung glich, dass Orchestermusiker, Ankleider, Theaterpädagogen und sogar professionelle Betreuer scharenweise die Flucht ergriffen. Die Gesellschaft kann mit Abweichungen und Regelverletzungen zunehmend schlechter umgehen. „Man muss das aushalten können“, sagt Altaras. Sie selbst konnte das, weil sie sich den Kindern nahe fühlte, weil sie glaubt, dass sie eine ähnliche Disposition wie sie habe.
Jene Störung, die als „Aufmerksamkeitsdefizit“ bezeichnet wird, äußert sich zwar auch in Altaras’ Augen vor allem als massives Konzentrationsproblem. Sie glaubt jedoch, dass dieses weniger aus einem Defizit, sondern geradezu umgekehrt: aus einer zu großen Aufmerksamkeitsbereitschaft erwächst. Aus einer Unfähigkeit, zu entscheiden, welcher von den vielen Eindrücken, die das Kind auf sich einstürmen sieht, gerade der wichtigste sei: „Unterhält man sich mit einem ADHS-Kind, und es summt eine Fliege vorbei, ist das Gespräch im Nu beendet“, erzählt sie, „denn das Kind reagiert so, als flöge ein Elefant vorbei.“ Altaras kennt diese Neigung, sich mit den Dingen so stark zu identifizieren: „Künstlerisch empfindende Menschen nehmen die Umwelt wahr, als besäßen sie eine zu dünne Haut.“ Dennoch sei es gerade die Kunst - die Musik, das Theater -, die in dieser Situation einen Schutz bieten könne.
Anfang der achtziger Jahre gründete sie in West-Berlin das Theater zum Westlichen Stadthirschen mit, das damals als Avantgarde der Freien Szene galt. Vor zwanzig Jahren brachte Altaras mit ihrem Stück „Jonteff - Ein Festtag mit meinen Dibbuks“ ihre Verwandtschaft auf die Bühne: in einem virtuosen Wechsel der Rollen, die sie alle selbst spielte. Als Schauspielerin spielte sie in Filmen von Rudolf Thome und Dani Levy, in „Alles auf Zucker“ zum Beispiel. Und als Regisseurin hat sie der „normale“ Betrieb zunehmend weniger interessiert. „Das Theater an sich ist mir viel zu langweilig“, erzählt sie, „außer selbstgeschriebenen experimentellen Projekten mache ich ja deshalb nur noch Opern und Operetten.“ Barockopern beruhigen sie. Und genau diese strukturierende Wirkung der Musik konnte sie auch an den ADHS-Kindern ihrer Staatsopern-Projekte beobachten.
Der Ärger war vorprogrammiert
Wochenlang hat Adriana Altaras damals in Schulen gesessen, um die Kinder für „HypOp“ zu rekrutieren. Sie hat sich absichtlich die verhaltensauffälligsten herausgesucht, weil sie ihr am interessantesten schienen. Die Probenphase der drei Projekte erstreckte sich über jeweils ein Jahr: Jahre voller Chaos, Randale und Vergeblichkeitsgefühlen, mit verletzten Musikern, Kindern, die auf dem Dach des Staatsopernmagazins herumkletterten, die Bäder unter Wasser setzten und den Opernsängern von den Balkonen aus auf den Kopf spuckten. „Die kriminelle Energie dieser Kinder ist enorm“, sagt sie.
Sobald Musik aufgelegt wurde, nahm alles plötzlich eine gewisse Form an. War die Musik zu Ende, ging das Remmidemmi sofort von vorne los. So rannte die gestresste Regisseurin zunächst ständig zwischen der Szene und dem CD-Spieler hin und her, um den größten Katastrophen vorzubeugen. Später gab es eigens für die Projekte komponierte Musik und ein Orchester, das zum Teil auf den Balkonen des Staatsopern-Magazins, zum Teil aber eben - „leider“ - auch unten, ganz nah an der Szene, plaziert war. Prompt gab es bei der ersten Orchesterprobe eine Prügelei, mit dem Ergebnis, dass der Saxophonist sein Plättchen schließlich hinten im Gaumen stecken hatte. Der Ärger mit dem Orchestervorstand war vorprogrammiert.
Von rührenden Begegnungen auf der Bühne
Manche der Kinder hatten die Diagnose gestellt bekommen - und Altaras hatte es gar nicht gesehen. Andere waren in ihren Augen „total meschugge“, galten aber nicht als ADHS-Kinder. Einige bekamen Ritalin. Die waren in den Proben immer dann überhaupt nicht zu gebrauchen, wenn sie gerade wieder auf eine neue Dosis eingestellt worden waren. Allen aber war gemeinsam, dass die Musik eine ungeheuer stabilisierende und konzentrationsfördernde Wirkung auf sie hatte, die sie in die Lage versetzte, über ungewohnt lange Zeitstrecken hinweg an einer szenischen Aufgabe dranzubleiben.
Altaras’ Geheimnis war es, die Kinder ernst zu nehmen und wie Profis zu behandeln. Mit all der Strenge, die dazugehört. Wie Profis haben sie sich daraufhin in den Vorstellungen auch verhalten: „Alles lief wie am Schnürchen. So eine Perfektion habe ich bei Schauspielern selten erlebt. Erst beim Applaus brach das Chaos dann wieder los.“
Dennoch war dem Lernerfolg eine gewisse Nachhaltigkeit beschieden. Mit Bedacht hat Altaras „ihre“ ADHS-Kinder auch für die Folgeprojekte wieder engagiert. Da traten sie dann gemeinsam mit Alzheimerkranken und später mit Hochbegabten auf - was auf der Szene zu sehr rührenden Begegnungen führte, wenn es auch wiederum völlig neue Probleme aufwarf. Die ADHS-Kinder aber hatten bis dahin schon solche Fortschritte gemacht, dass sie sich den „Neuen“ gegenüber benahmen wie alte Theaterhasen. Deshalb würde Altaras so ein Projekt auch sofort wieder machen. Obwohl sie keinen Zweifel daran lässt, dass die Arbeit mit ADHS-Kindern der mit Abstand schlauchendste Kraftakt war, den sie je in einem Theater vollbracht hat.
Wenn man etwas Ähnliches an einer Schule zur festen Institution machen würde, spekuliert Altaras, könnte man tonnenweise Ritalin sparen. Das Geld, das die Krankenkassen zunächst einmal investieren müssten, bekämen sie schließlich um ein Vielfaches vermehrt wieder heraus. Und arbeitslose Schauspieler und Musiker, die so etwas durchführen könnten, gebe es schließlich genug. In der Rebellion von Kindern möchte sie keine Krankheit sehen; sie hält die Krankheit für eine Rebellion. Spült mit einem Espresso macchiato den allzu fettigen Fischgeschmack hinunter und flüchtet sich wieder ins Theater.
Das kann so stimmen
Aysen Aysen (AyAy)
- 06.04.2012, 14:01 Uhr
Wirklich ein toller Artikel
Aysen Aysen (AyAy)
- 05.04.2012, 23:18 Uhr
liebenswürdig "un"-therapeutischer Ansatz
Jan Froehlich (JanFroehlich)
- 05.04.2012, 15:26 Uhr
Tolles Projekt und an die Eltern: ihr habt ganz tolle Kinder
Jörg Spamer (joergspamer)
- 05.04.2012, 11:29 Uhr
Kann Frau Mueller-Schmidt nur Recht geben
Edda Kuhlmann (DTaggert)
- 04.04.2012, 17:45 Uhr