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Massenmord an den Armeniern : Was Schulweisheit nicht wissen soll

Schulbuch für die Geschichte der Revolution: „2. Einheit. Das nationale Erwachen. Die Reaktionen auf die Besetzung unserer Heimat.“ Bild: Archiv

Hundert Jahre und kein bisschen Eingeständnis: Die türkischen Geschichtslehrbücher verschweigen den Schülern immer noch, was in ihrem Land den Armeniern 1915 angetan wurde.

          Bald jährt sich zum hundertsten Mal der Beginn eines Massenmords. Am 24. April 1915 hatte der jungtürkische Innenminister Mehmet Talat Bey angeordnet, in Konstantinopel, der damaligen Hauptstadt des Osmanischen Reichs, die führenden Vertreter der armenischen Gemeinde zu verhaften; am 27. Mai 1915 trat dann das „Gesetz über die Bevölkerungsumsiedlung“ in Kraft. Betroffen waren die Armenier in allen Teilen des Reichs. Die Deportation kam einem Todesurteil gleich. Nicht nur Männer, auch Frauen, Alte und Kinder wurden auf einen langen Fußmarsch geschickt, der in der syrischen Wüste enden sollte. Die meisten starben durch Hunger, Krankheit oder Epidemien; viele wurden vorsätzlich getötet.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Hoffnungen waren zuletzt entstanden, dass die Türkei zum Gedenkjahr endlich mit der Aufarbeitung dessen beginnen würde, was sich 1915 auf türkischem Boden ereignet hat. Vor einem Jahr hatte Recep Tayyip Erdogan, damals noch türkischer Ministerpräsident, gegenüber den Armeniern „Beileid bekundet“ für das, was geschehen war. So weit war noch kein türkischer Politiker vor ihm gegangen, und obwohl dem jetzigen Präsidenten bislang auch keiner darin gefolgt ist, begann die türkische Zivilgesellschaft doch mit der Aufarbeitung dessen, was außerhalb der Türkei als Völkermord bezeichnet wird. Im September 2014 stellten hundert türkische Intellektuelle, unter ihnen der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk, zwei Forderungen an die Regierung: Sie solle die bislang gebrauchten Schulbücher für den Geschichtsunterricht aus dem Verkehr ziehen und sich bei den Armeniern entschuldigen.

          Bild eines homogenen türkischen Staatsvolks

          Beide Forderungen hängen zusammen. Denn, so die Initiatoren, solange Kinder und Jugendliche in der Schule indoktriniert werden, solange sie nicht erfahren, was sich 1915 ereignet hat, verstehe die Öffentlichkeit eine Entschuldigung nicht. Und schon gar nicht ein Eingeständnis, dass sich damals auf türkischem Boden ein Völkermord ereignet hat.

          Armenische Flüchtlinge in Syrien, Foto von 1915
          Armenische Flüchtlinge in Syrien, Foto von 1915 : Bild: dpa

          Erdogans Äußerung vom vergangenen Jahr und die Initiativen der türkischen Zivilgesellschaft schlagen sich bislang aber noch nicht in den landesweit verwendeten Schulbüchern nieder. Für diese ist, sofern sie die offizielle Geschichte der Türkei betreffen, weniger die Regierung zuständig als die „Türkische Geschichtsvereinigung“ (Türk Tarih Kurumu). Sie hat seit ihrer Gründung im Jahr 1931 den Auftrag, das Bild eines homogenen türkischen Staatsvolks zu vermitteln, das sich gegen alle äußeren Gefahren behauptet und 1923 die Republik Türkei gegründet hat.

          Die türkischen Schulbücher vermitteln bis heute den Schülern die offizielle Position des Staats, dass 1915 die Türken Opfer der Armenier gewesen wären. So hätten Armenier in Anatolien Türken massakriert, und dennoch wären viele Armenier durch Türken vor ihren eigenen Landsleuten beschützt worden. Im aktuellen Geschichtsbuch für die Klasse 10 heißt es auf Seite 212: „Mit dem Umsiedlungsgesetz wurden nur jene Armenier aus dem Kriegsgebiet entfernt und in die sicheren Regionen des Landes gebracht, die sich an den Aufständen beteiligt hatten. Diese Vorgehensweise hat auch das Leben der übrigen armenischen Bevölkerung gerettet, denn die armenischen Banden haben jene ihrer Landsleute, die sich an den Terrorakten und Aufständen nicht beteiligt hatten, umgebracht.“

          Polizeistationen in der syrischen Wüste?

          An Zynismus nicht zu überbieten ist eine weitere Passage, ebenfalls auf Seite 212: „Um die Bedürfnisse der umgesiedelten Armenier unterwegs zu stillen, wurden eigens Beamte beauftragt. Damit auf dem Weg zum Zielort und am Zielort selbst niemand die Umsiedler tätlich angreift, wurden geeignete Maßnahmen ergriffen. Angreifer wurden umgehend festgesetzt und dem Kriegsgericht zugeführt. Man achtete darauf, dass der Boden an den Zielorten fruchtbar war und es an Wasser nicht mangelte. Um die Sicherheit von Leib und Leben zu gewährleisten, wurden dort Polizeistationen gegründet.“ Der „fruchtbare Boden“ war die wasserlose syrische Wüste.

          Eine Seite weiter heißt es im selben Schulbuch, dass zwar 300 000 Armenier an den Kriegsfolgen und Krankheiten gestorben seien. Jedoch: „Nach offiziellen russischen Quellen haben die Armenier allein in Erzurum, Erzincan, Trabzon, Bitlis und Van an die 600 000 Türken massakriert, vertrieben wurden 500 000.“ Insgesamt hätten damals 1,4 Millionen Türken ihr Leben gelassen. Opfer wären also vor allem sie.

          Bereits Band 8 des Lehrbuchs für die Grundschule zur „Geschichte der Revolution und des Atatürkismus“ vermittelt das Bild vom Armenier als „Feind“ und „Verräter“. Dort werden auf Seite 178 die türkisch-armenischen Beziehungen als die größte Bedrohung für die Türkei bezeichnet, gefolgt vom Terrorismus und der Tätigkeit christlicher Missionare. Daher stellt das Arbeitsheft zu diesem Lehrbuch auf Seite 118 den Schülern eine Frage, auf die sie schriftlich zu antworten haben: „Was müssen Staat und Bürger gegen die Bedrohung durch die armenische Frage unternehmen?“

          Voraussetzung für eine ethnonationale türkische Staatsgründung schaffen

          Dieser Ansatz zieht sich durch alle Schulbücher für den Geschichtsunterricht: Die Türken haben ihr Land und sogar die Armenier heroisch verteidigt. Die undankbaren Armenier hingegen hätten nicht erkannt, dass sie im Osmanischen Reich des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts ihr „Goldenes Zeitalter“ erlebten. Grundlos hätten sich sie gegen die Staatlichkeit erhoben. Kein Wort davon, dass dieser Staat kriegswichtige Einrichtungen wie Eisenbahnwaggons für die Massendeportationen einsetzte, keine Begründung dafür, dass nicht nur armenische Aufständische, die es in der Tat gegeben hat, in den Tod getrieben wurden, sondern unterschiedslos alle Zivilisten dieser Minderheit. Was die türkischen Schulbücher vermittelten, sei „niederschmetternd“, sagt Raffi Kantian, der Vorsitzende der Deutsch-Armenischen Gesellschaft.

          Verschwiegen wird in ihnen auch, dass der Mord an den Armeniern dem Ziel diente, Kleinasien und Anatolien ethnisch zu „reinigen“, also die Voraussetzung für eine ethnonationale türkische Staatsgründung zu schaffen. Der Schweizer Historiker Hans-Lukas Kieser beschreibt den Armeniermord von 1915 als ein radikales Projekt des jungtürkischen Regimes, „das als minimales Weltkriegsziel volle staatliche Souveränität in einem exklusiv türkisch-muslimischen Nationalheim in Kleinasien anstrebte“. Und er fährt fort: „Was dieses Minimalziel gefährdete, deklarierte es als Existenzbedrohung.“ Davon erfahren türkische Schüler bis heute nichts.

          Quelle: F.A.Z.

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